Eindeutig Mord

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • London: Century, 1992, Titel: 'A Good Hanging and other Stories', Originalsprache
  • München: Goldmann, 2008, Seiten: 288, Übersetzt: Giovanni Bandini

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Michael Drewniok
Ein Dutzend schottischer Krimi-Perlen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Jan 2008

Zwölf Kurzgeschichten erzählen von "klassischen" Verbrechen im schottischen Edinburgh und ihrer Aufklärung durch den exzentrischen aber fähigen Inspector Rebus:

  • Playback ("Playback"), S. 9-36: Inspector Rebus hasst die moderne Technik aber der raffinierte Anrufbeantworter eines Mordverdächtigen fasziniert ihn - mit unerwarteten Folgen ...
  • Der Fluch des Hauses Dean ("The Dean Curse"), S. 37-70: Ein Pechvogel von Dieb stiehlt ausgerechnet ein Auto, in dem eine Bombe installiert wurde; John Rebus ist das des Zufalls zu viel ... Der Titel ist übrigens eine nette Anspielung an Dashiell Hammetts Der Fluch des Hauses Dain
  • Frank und frei ("Being Frank"), S. 71-88: Landstreicher Frank belauscht zwei aus seiner Sicht gefährliche Verschwörer; Inspector Rebus weiß zum Pech für ein diebisches Duo Franks wirre Rede zu deuten ...
  • Eine Leiche im Keller ("Concrete Evidence"), S. 89-116: Die Spur ist längst eiskalt in diesem uralten Mordfall, doch John Rebus macht das mit Einfallsreichtum und Dreistigkeit wett ...
  • Ansichtssachen ("Seeing Things"), S. 117- 144: Die Erscheinung des leibhaftigen Jesus Christus entpuppt sich als Fehlinterpretation im Rahmen eines sehr profanen Verbrechens ...
  • Gut gehängt ("A Good Hanging"), S. 145-178: Als genialischer Mörder sollte man vorsichtig sein, wenn man sich mit Inspector Rebus anlegt ...
  • Von Meisen und Menschen ("Tit for Tat"), S. 179-202: Beobachtet er seltene Vögel oder hübsche Frauen? John Rebus stellt einen Hobbyfotografen auf die Probe ...
  • Not Provan ("Not Provan"), S. 203-224: Kann ein Täter zur selben Zeit an zwei unterschiedlichen Orten sein? Inspector Rebus erklärt, wie's geht ...
  • Sonntag ("Sunday"), S. 225-240: Ein scheinbar ganz normales Wochenende spiegelt für John Rebus eine schreckliche Erfahrung wider ...
  • Auld Lang Syne ("Auld Lang Syne"), S. 241-258: Im Neujahrstrubel auf Edinburghs Straßen entdeckt Inspector Rebus einen Gewaltverbrecher, den er sicher im Gefängnis wähnte ...
  • The Gentlemen's Club ("The Gentleman's Club"), S. 259-282: Hinter den Fassaden zweier vornehmer Familien fördert Rebus das nackte Grauen zutage ...
  • Monströse Trompete ("Monstrous Trumpet"), S. 283-318: 15 aufgebrachte Frauen sitzen Rebus im Nacken, der ein ganz besonderes gestohlenes Kunstwerk wiederbeschaffen soll ...

Gegeizt wird mit Worten aber nicht mit Spannung

Die John-Rebus-Romane des Ian Rankin zeichnen sich (mit Ausnahme des ersten Bandes, der allerdings eine Sonderstellung einnimmt) nicht nur durch ihren enormen Unterhaltungswert, sondern auch durch ihre mit den Jahren stetig zunehmende Seitenstärke aus. Als Leser hat man sich daran gewöhnt und glaubt inzwischen sogar an ein Muss dieser Breite, ist doch die kriminelle, kriminalistische und private Welt des John Rebus so komplex geworden, dass sie selbst episodenhaft unter 500 Seiten nur ansatzweise zu würdigen ist.

"Playback", die erste Story dieser Sammlung, schürt denn auch die Befürchtung, dass die kurze Form nicht die richtige für Rebus ist. Der Plot ist simpel: ein Whodunit, wie es kaum rebustypisch genannt werden kann und zudem hölzern erzählt wird. Schon Anfang der 1990er Jahre dürfte die Auflösung wenig überzeugend gewirkt haben. Mit unfehlbarer Sicherheit fischt Rebus - zu diesem Zeitpunkt noch Inspector - das entscheidende Indiz aus einem Mülleimer. Offenbar hat ihn der Blitz der Erkenntnis getroffen, denn keine ´logische´ Erklärung kann seinen Fund nachvollziehbar machen.

Aber bereits mit "Der Fluch des Hauses Dean" hat Rankin die Kurzgeschichte in den Griff bekommen. Das geschilderte Verbrechen ist ebenfalls ziemlich abgehoben aber das geht in einem Feuerwerk boshaft-präziser Milieustudien, Reminiszenzen an Edinburghs oft bizarre Vergangenheit, tragikomischer Tücken des Objekts und knochentrockener bis schwarzhumoriger Scherze unter, wie wir sie kennen und lieben. Das Privatleben seines ´Helden´ ist für Ian Rankin ebenso integrales Element des modernen Kriminalromans wie für die meisten seiner Schriftstellerkollegen (vor allem diejenigen weiblichen Geschlechts), doch er meidet geschickt die seifenoperlichen Pseudo-Dramen, mit denen diese viel zu oft die Handlung aufblähen.

Die vielen Fassetten des John R.

Rebus ist ein vielschichtiger Charakter. Rankin nutzt die Kurzgeschichte, um diverse Aspekte seines Wesen herauszuarbeiten. Die Story unterstützt die Möglichkeit der konzentrierten Darstellung. Beeindruckend ist Rankins Kunst, diese Figurenzeichnung jeweils in eine spannende Krimihandlung einzubetten. Die ist selten klassisch und beschränkt sich nicht auf die übliche Entlarvung alibifester Verdächtiger. "Frank und frei" ist ein schönes Beispiel für Rankins Spiel mit dem Genre. Im Mittelpunkt steht ein Außenseiter, dessen Leben Rankin anschaulich beschreibt, bevor Rebus eher zufällig die Szene betritt, woraufhin das Geschehen einen Verlauf nimmt, der so grotesk ist wie das Leben manchmal tatsächlich spielt.

Gelungen balanciert Rankin auch mit "Ansichtssachen" auf dem schmalen Grat zwischen Komik und Ernst. Er kennt "seine" Schotten, deren Eigenarten er buchstäblich Gestalt annehmen lässt. Schließlich gehört er selbst zu ihnen - eine Erkenntnis, die zu den eher düsteren Seiten des John Rebus überleitet, denn schnell kann die Stimmung umschlagen. Der Rebus aus "Eindeutig Mord" ist dem ehemaligen Elite-Soldaten, der einen psychischen Zusammenbruch erlitt, noch sehr nahe; er ist labil und sehr von Stimmungen abhängig, was er gern vor sich selbst verbirgt. Gleichzeitig drastisch und einfühlsam beschreibt Rankin dies in "Sonntag", als er dem Leser nur Stück für Stück ein furchtbares Erlebnis enthüllt, über das sich nachzudenken Rebus einfach weigert. Selbstverständlich funktioniert diese Verdrängung nicht; der Schrecken holt Rebus und mit ihm den Leser letztlich doch ein.

"Not Provan" zeigt einen Rebus, der dem Gesetz nicht nur auf unkonventionelle Weise zu seinem Recht verhilft, indem er gesellschaftliche Regeln und Privilegien ignoriert bzw. durch seine ausgeprägte kriminalistische Findigkeit ersetzt. Dieses Mal bricht Rebus das Gesetz, um einen Verbrecher, dessen Taten er sehr persönlich nimmt, ins Gefängnis zu bringen. In "The Gentleman's Club" kann er den Schuldigen dagegen nicht der Gerechtigkeit ausliefern, was ihn, der unter der Schutzschicht des Zynikers sorgfältig sein idealistisches Wesen verbirgt, zutiefst verbittert.

Was macht John Rebus zu dem fähigen Polizisten, der er bei aller Exzentrik ist? Intelligenz, Erfahrung, dazu eine ausgeprägte Kenntnis Edinburghs und seiner Bewohner - das sind vier Schlüssel zum Erfolg. Da ist aber mehr, eine diffuse, schwer fassbare Intuition, über die sich Rankin Detective Constable Holmes, die heimliche zweite Hauptfigur dieser Sammlung, ausgiebig den Kopf zerbrechen lässt. Holmes - der Name ist Ironie, denn tatsächlich übernimmt diese Figur die Rolle des Watson - beobachtet seinen Chef bei der Arbeit und kommt selbstkritisch zu dem Schluss, das ihm das Fünkchen vielleicht sogar irrer Genialität abgeht, das Rebus auszeichnet.

Das Schicksal ist Schotte

Dabei weiß Rebus um die Unwägbarkeiten eines Schicksals, das ihm immer wieder Streiche spielt. In "Auld Lang Syne" nimmt eine Drogenrazzia einen völlig unerwarteten Verlauf, der aus einem anderen Blickwinkel betrachtet freilich völlig zielgerichtet wirkt; in "Ansichtssachen" verwandelt sich eine religiöse Epiphanie in einen ganz und gar weltlichen Gangsterkrieg; in "Von Meisen und Menschen" erweist sich das scheinbare Opfer heimtückischer Selbstjustiz als Täter: Nur selten sind die Dinge, wie sie zu sein scheinen. Was Holmes nicht begreifen kann ist die daraus resultierende Lehre, die Rebus verinnerlicht hat - meide Konventionen und bleibe offen für Überraschungen, die garantiert eintreffen werden.

Auf dass diese Lektion nicht skandinavisch depressiv ausklingt, illustriert Rankin sie mit "Monströse Trompete", einem kleinen Kabinettstück ausgefeilter Krimi-Komik. Ohne Rücksicht auf politische Korrektheit schildert er die einerseits kriminellen Umtriebe einer Gruppe von Frauen, die andererseits ausgesprochen ´weibliche´ und unter diesem Gesichtspunkt logische Beweggründe für ihr Tun vorbringen können. Holmes wendet an, was er auf der Polizeischule gelernt hat, und scheitert, während Rebus leichtfüßig über seinen Schatten springt und Deduktion mit Intuition ergänzt. Plötzlich wirkt ein völlig konfuses Geschehen absolut überzeugend. Der frustrierte Holmes akzeptiert die Tatsache, dass sein Vorgesetzter eine ganz besondere Sorte Mensch und Polizist ist, und ist gespannt auf die weitere Zusammenarbeit - eine Empfindung, die die Leser dieser zwölf Geschichten gern mit ihm teilen.

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