Ein Versprechen aus dunkler Zeit

  • Goldmann
  • Erschienen: Juni 2022

- Ein Inspector-Rebus-Roman 23

- Übersetzung: Conny Lösch

- Originaltitel: "A Song For The Dark Times"

- Hardcover mit Schutzumschlag

- 480 Seiten

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Michael Drewniok
80°

Krimi-Couch Rezension vonJul 2022

Man weiß nie, was man aufrührt

John Rebus hadert mit dem Rentnerdasein. Da trifft es sich zunächst gut, dass er wieder kriminalistisch aktiv werden kann. Tochter Samantha meldet sich aus Naver, einem Dorf an der schottischen Nordküste, wo sie mit Lebensgefährten Keith und Tochter Carrie lebt: Keith ist verschwunden. Da die lokale Polizei noch keinen Handlungsbedarf sieht, soll Rebus Schwung in die Sache bringen.

Samantha kennt ihren Vater und unterschätzt doch dessen Ermittlungsintensität. Mit der für ihn typischen Wucht stößt er vor Ort umgehend alle vor den Kopf - erst seine Tochter, die ihm einen Fehltritt beichtet, dann Detective Sergeant Creasey, als Rebus den verschollenen Keith ermordet in den Ruinen eines verlassenen Internierungslagers aus dem Zweiten Weltkrieg findet.

Creasey konzentriert sich auf Samantha als Hauptverdächtige. Auch Rebus hegt einen Verdacht, was die ohnehin komplizierte Beziehung zur Tochter verschärft. Dennoch legt Rebus die Fahndung breiter an als Creasey. Er rekonstruiert die letzten Stunden seines Beinahe-Schwiegersohns - und gerät an eine Fährte, die viele Jahrzehnte in die Vergangenheit weist, sich aber auch mit einem aktuellen Fall zu überschneiden scheint, am dem die ehemaligen Kollegen in Edinburgh arbeiten.

Dort wurde der reiche Sohn eines saudi-arabischen ‚Geschäftsmanns‘ umgebracht. Politik und Medien liegen auf der Lauer, während die Inspektoren Siobhan Clarke und Malcolm Fox zusätzlich von „oben“ unter Druck gesetzt werden. Zu allem Überfluss hat auch und ausgerechnet Morris Gerald „Big Ger“ Cafferty, Unterweltboss von Edinburgh und Rebus‘ alter Erzfeind, Interesse an diesem Fall, was den Verdacht auf kapitalkriminelle Umtriebe in Gewissheit umschlagen lässt …

Solange noch jemand lebt

Man ist immer wieder überrascht, wie lange noch lebende Zeugen bereits historischer Ereignisse unter uns weilen. Wer hätte beispielsweise gedacht, dass die letzte Überlebende der „Titanic“-Katastrophe erst Ende Mai 2009 und damit 97 Jahre nach dem legendären Untergang gestorben ist? Auf dieser Prämisse ruht auch jener Strang des hier vorgestellten Romans, der John Rebus als Ermittler in einem schottischen Küstenort verschlägt.

„Ein Versprechen aus dunkler Zeit“ ruht auf einem Plot, den der Verfasser lesertäuschend in eine Richtung drängt, die eine allzu frühe Ahnung dessen verhindern soll, was tatsächlich geschehen ist. Da dieser Teil der Ereignisse nur bedingt krimi-relevant ist, sondern von Rankins Liebe zur schottischen Historie kündet, ist eine solche Dramatisierung einerseits nötig, während sie andererseits die Schwäche einer weniger banalen als wenig plausiblen Auflösung nicht übertünchen kann.

Dass man ab 1939 auch in England mögliche Feinde = Saboteure ‚vorsichtshalber‘ gefangen setzte und in schnell aus dem Boden gestampften Lagern zusammentrieb, ist eine zwar bekannte, aber nicht unbedingt an die große Glocke gehängte Tatsache. Wo man sonst gern an patriotische Großtaten im Angesicht der scheinbar übermächtigen Nazis erinnert, bleibt dies einer jener historischen Ereignisse, die man als „nicht schön, aber aus damaliger Sicht erforderlich“ definiert. Dass man rüde ihrer Rechte beraubte Bürger unter menschenunwürdigen Bedingungen einsperrte, wurde nicht ausdrücklich thematisiert und aufgearbeitet.

Ein anderer Ort in einer anderen Stadt

„Ein Versprechen aus dunkler Zeit“ leidet unter dem Problem zweier voneinander isolierter Handlungsorte. Was in Naver geschieht, hat mit den Ereignissen in Edinburgh nicht wirklich etwas zu tun, obwohl Rankin mehrfach eine Überschneidung andeutet - eine falsche Spur, die zu legen zwar das Privileg eines Krimi-Autors ist, was aber hier nicht mit besonderer Raffinesse geschieht und im Finale unter den Tisch gekehrt wird.

Rebus und das Duo Clarke/Fox - Rankin will von der Figur, mit der er eine zweite, Rebus-unabhängige Reihe starten wollte, nicht lassen - sind und bleiben in Edinburgh, denn das Verbrechen, mit dem sie es zu tun bekommen, findet dort statt und hat auch dort seine Wurzeln. Faktisch bleibt dieser Handlungsstrang völlig eigenständig. Nur per Telefon halten Rebus und Clarke Kontakt, was wie ein pflichtschuldiger Service für die Leser wirkt.

Ein Roman, aber zwei Geschichten: Mit diesem Konzept müssen die Leser sich abfinden. Dann stellt sich durchaus die bekannte Freude an einer sicherlich nicht innovativen, aber aufgrund ihrer professionellen (bzw. routinierten) Fortsetzung weiterhin unterhaltsamen Serie ein. „Ein Versprechen aus dunkler Zeit“ ist der 23. Roman mit John Rebus, aber eben kein Rebus-Roman mehr. Es fällt zunehmend schwer, den pensionierten Polizisten in das Geschehen zu integrieren. Längst ist er ‚draußen‘, was Rebus heftig zu schaffen macht, weshalb er sich erst recht an Siobhan Clarke klammert, die sich ihm verpflichtet fühlt - eine Freundschaft, die Rebus durchaus ausnutzt.

Das Niveau definiert das Verbrechen

Weiterhin stark ist Rankin, wenn er eine moderne Welt beschreibt, in der die Gier nach Macht, Geld und Aufmerksamkeit die Oberhand über politische Grundsätze, ökonomische Rücksicht oder Moral gewonnen hat. In einer globalisierten Welt geraten die Folgen brutaler Ausbeutung leicht außer Sicht und Kontrolle. Irgendwann erreichen die Superreichen und -mächtigen eine Sphäre, in der sie nicht mehr belangt = belästigt werden können. Um dorthin aufzusteigen, ist ihnen jedes Mittel recht.

Rankin beschreibt eine Zweckgemeinschaft, in der Politiker, Geschäftsleute, Juristen und die Medien einander die Stangen halten. Der ‚normale‘ Bürger wird zum Instrument, das man manipuliert, instrumentalisiert, betrügt und ausplündert. Regulative Mechanismen sind außer Kraft gesetzt. Dies schließt die Polizei ein, die Rankin als Durchlauferhitzer für Karrieristen schildert, die auf eine politische Zukunft schielen. Bis es soweit ist, richten solche ‚Polizisten‘ ihr Handeln auf vorgebliche Effizienz aus, während sie das Fundament einer unerlässlichen Ordnungsmacht aushöhlen und schwächen.

Das Ende des so geschlagenen Bogens verankert Rankin in Naver, wo die Rekonstruktion der Ereignisse zeigt, dass es früher nicht anders oder gar besser war. Die Welt ist und war schlecht. Stellvertretend für Autor Rankin hegen altmodischen Werten verhaftete Ermittler wie Rebus, Clarke oder Fox wenig Hoffnung auf Änderung oder gar Besserung; selbst ein abgebrühter Gangster wie „Big Ger“ Cafferty fürchtet sich vor einer Zukunft ohne Regeln.

Rebus hat seinen Weg gefunden. Er geht entweder listig oder konfrontativ auf einen Gegner los, der sich daran gewöhnt hat ‚unberührbar‘ zu sein. Wie er diese Tugend - die er an Clarke weitergeben konnte - erneut einsetzt, um zu einer Aufklärung zu kommen, ist immer noch vergnüglich.

Fazit

Der 23. Band der John-Rebus-Serie verwickelt den pensionierten Ermittler in eine kriminell beeinflusste Familientragödie. Davon unabhängig ist ein zweiter Fall, den Autor Rankin eher ungeschickt mit dem Rebus-Handlungsstrang verknüpfen möchte: Eingespielte Routinen sorgen ungeachtet des fadenscheinigen Doppel-Plots für Krimi-Unterhaltung.

Ein Versprechen aus dunkler Zeit

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