Denn rein soll deine Seele sein

Erschienen: Januar 1988

Bibliographische Angaben

  • New York: Arbor House, 1986, Titel: 'The Ritual Bath', Seiten: 282, Originalsprache
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1988, Titel: 'Geh nicht zur Mikwe!', Seiten: 202, Übersetzt: Ute Tanner
  • München: Goldmann, 1997, Seiten: 251, Übersetzt: Ute Tanner
  • München: Goldmann, 2000, Seiten: 252
  • München: btb, 2009, Seiten: 252

Couch-Wertung:

57°
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Peter Kümmel
Als Kriminalroman dürftige Kost

Buch-Rezension von Peter Kümmel Mai 2003

"The Ritual Bath" lautet der Titel der englischen Originalausgabe - Das rituelle Bad. Doch biblische Sprüche als Titel von Romanen scheinen bei den deutschen Lesern anzukommen. Denn warum sonst sollte man den Titel mit "Denn rein soll deine Seele sein" übersetzen und auch die weiteren Bücher der Reihe mit ähnlichen Sprüchen fernab vom Original bezeichnen. Schon von den Romanen einer Elizabeth George oder Batya Gur ist man diese merkwürdige Auswahl von Buchtiteln, bei denen man hinterher nicht mehr weiß, welcher ist welcher, gewohnt. Mir ist dieser Unfug absolut unverständlich, denn der Originalname lässt sich problemlos ins deutsche übertragen und auch sonst sehe ich in einer Titeländerung absolut keinen Grund.

Diese Änderung in der Übersetzung ist zweifelsohne Absicht. Anders als so manch andere Teile des Buches, für die man die Übersetzerin nicht gerade loben kann. Denn der Lesefluß ist sofort unterbrochen, wenn ich einen Satz wie diesen lesen muß: "Während sie sich zu Boden warf, sah sie, wie die dunkle Gestalt sich in die Richtung drehte, aus der Peters Stimme gekommen war, und zielte, hörte es schnell und laut von allen Seiten knallen, dann lief die Gestalt in Richtung Wald davon."

Ort der Handlung ist eine jüdische Lehranstalt in Los Angeles. Dort lebt und arbeitet Rina Lazarus. Rina ist Mutter zweier Söhne und alleinerziehend, seit ihr Mann Yitzchak an einem Hirntumor starb. Nebenbei ist Rina Lehrerin an der Jeschiwa, der jüdischen Schule, und hält sich streng an die Regeln ihrer Religion. So kann sie nie Einladungen in Restaurants annehmen, weil sie nur koscheres Essen zu sich nehmen darf. Auch muß sie dafür sorgen, dass ihr Haar an der Öffentlichkeit ständig bedeckt ist. Und wieder eine Bindung mit einem Mann einzugehen, dürfte für sie zum Problem werden. Denn ein Goj, ein Nichtjude, käme dafür niemals in Frage. Doch da ihre beiden heranwachsenden Söhne sehr an Baseball interessiert sind, kann sie sich dem Leben außerhalb ihrer doch sehr abgeschotteten Kultur nicht ganz entziehen.

Die Autorin Faye Kellerman weiß, wovon sie schreibt. Sie bezeichnet sich zwar selbst als moderne orthodoxe Jüdin, doch ihre Familie hält sich dabei auch sehr streng an jüdische Gebräuche. Und die jüdische Religion und Kultur ist deshalb auch das wichtigste Thema in ihren Romanen.

Nach einem anstrengenden Tag liebt Rina Lazarus die ruhigen Stunden, in denen sie die Mikwe reinigt. Die Mikwe, das ist das rituelle Bad der Jeschiwa. Sie steht für die geistliche Reinigung und die Erneuerung der Seele. So dürfen zwölf Tage nach Einsetzen der Monatsregel Ehepaare nicht miteinander verkehren, sondern erst nach der Reinigung durch das rituelle Tauchbad. Doch es gibt noch weitere Gründe für das Ritual, bei dem sämtliche Fremdkörper wie Schmuck, Zahnprothesen oder Kontaktlinsen vom Körper entfernt werden müssen, bevor man nach der Waschung und dem Gebet mehrmals ganz unter Wasser taucht, um schließlich vollständig gereinigt dem Bad zu entsteigen.

Diese und viele andere Regeln und Bräuche bringt die Autorin dem Leser sehr verständlich und gut in die Handlung eingeflochten nahe. Auch die Charaktere der Protagonisten werden sehr ausführlich ins Geschehen eingeführt und nach und nach so gut dargestellt, dass man sie bildlich vor sich sehen kann. Weniger Mühe hat sich Faye Kellerman jedoch mit den Figuren gemacht, die nicht so direkt im Mittelpunkt der Handlung stehen. Wie zum Beispiel Sarah Libba, die an diesem Abend als letzte der Mikwe entsteigt und das Gebäude verlässt. Rina konnte dann endlich die Becken trocken wischen. Doch bevor sie die Wäsche in den Trockner packen kann, hört sie auch schon den Schrei von draussen. Sie rennt hinaus und findet Sarah mit zerfetzten Kleidern und zerschlagenem Gesicht in den Büschen.

Und nun tritt der zweite Protagonist in Erscheinung: Peter Decker, ehemals Polizeibeamter im Morddezernat, jetzt zuständig für Notzuchtverbrechen, geschieden und Vater einer fast erwachsenen Tochter. Im Morddezernat blieb ihm wenigstens die Gegenüberstellung mit den Opfern erspart. Jetzt muß er sich mit einer Serie von Vergewaltigungen in Foothill herumschlagen, als ihn die Nachricht vom Verbrechen in der Judenschule erreicht.

Und sehr schnell muß er erkennen, dass er sich außer mit der Lösung des Kriminalfalles noch mit anderen schwierigen Problemen auseinandersetzen muß. Erst mit Hilfe eines Rabbis und mit Rinas Unterstützung gelingt es überhaupt, das Opfer des Verbrechens zu einer medizinischen Untersuchung zu überreden. Eine Aussage zu machen ist Sarah Libba jedoch unter keinen Umständen bereit. Ohne irgendwelche Anhaltspunkte kann jedoch die Polizei nicht ermitteln, und so kommt Decker nicht weiter, bis er eines Nachts verständigt wird, weil eine Person um die Judenschule herumschleicht und die ersten Schüsse fallen.

Und auch bei der hübschen Rina Lazarus kommt Peter Decker nicht so richtig voran. Gleich bei der ersten Begegnung war sie ihm sympathisch und schnell spürt er, dass auch er ihr nicht einerlei ist. Doch zwischen ihnen steht die Religion. Rina unterstützt Peter zwar bei dessen Ermittlungen so gut sie kann, doch Einladungen und Werbungen seinerseits lehnt sie rigoros ab, auch wenn es ihr sehr schwer fällt. Und so entwickelt Faye Kellerman zwischen den beiden eine zärtliche Romanze, von der in den Folgebänden sicherlich noch einiges zu erwarten sein wird. Beide Protagonisten sind wirklich sehr glaubhaft dargestellt mit Schwächen als auch mit Stärken. Schade, dass sich die Autorin nicht auch mit den weiteren Personen der Handlung soviel Mühe gegeben hat.

Nicht das Verbrechen an sich bildet den Mittelpunkt des Buches, sondern die Darstellung einer für Außenstehende unbekannte und nicht leicht zu verstehende Kultur. Wer die Romane von Batya Gur gelesen hat, wird zwar schon einen gewissen Einblick in das Leben von Juden gewonnen haben, doch anders als deren Romane spielen die Bücher nicht in Israel, sondern in Amerika, wo jüdische Bürger eine Minderheit bilden und als solche auch Übergriffen von außen ausgesetzt sind. Ansonsten ist Faye Kellerman mit Batya Gur absolut nicht zu vergleichen. Wo die israelische Schriftstellerin detailliert bis in die letzte Einzelheit für manche schon zu ausschweifend beschreibt, bleibt Faye Kellerman eher etwas oberflächlich, dadurch jedoch sehr einfach lesbar. Kurze Sätze mit viel direkter Rede sorgen dafür, dass die 250 Seiten des Buches nicht allzu lange anhalten. Die in den Text eingeflochtenen jüdischen und hebräischen Ausdrücke sind dabei, sofern ihre Bedeutung nicht direkt aus dem Text hervorgeht, im Anhang erklärt.

Abschließend und zusammenfassend komme ich zum Urteil und zur Wertung: Als Kriminalroman bietet "The Ritual Bath" dürftige Kost. Zwei bis drei spannende Szenen sind einfach zu wenig, um den Leser fesseln zu können. Sehr sparsam auch das Anlegen von Spuren und Indizien. Verdächtige bietet die Autorin nur für die Polizei, für den Leser ist zu offensichtlich dargestellt, dass diese Verdächtigen nichts mit der Sache zu tun haben. Logische Schlußfolgerungen sind kaum vorhanden und das Aufspüren des Täters bleibt dem Zufall überlassen. Krimiwertung: allenfalls gnädiges Mittelmaß.

Als Einführung in eine neue Romanserie läuft das Buch zwangsläufig erst mal langsam an. Die Protagonisten müssen eingeführt und dem Leser vertraut gemacht werden. Dies gelingt der Autorin recht gut. Lazarus und Decker sammeln beim Leser zwar schon Sympathiepunkte, müssen aber auf Beifallsstürme zumindest noch bis zu den nächsten Werken warten. Serienwertung: drei bis vier Sterne.

Die Darstellung des Lebens in und mit der jüdischen Kultur bildet die Rahmenhandlung und diese ist Faye Kellermann so gut gelungen, dass der Krimi ziemlich in den Hintergrund tritt. Zwar nicht so überaus detailliert wie bei Batya Gur , dafür aber aus einer etwas anderen Sicht und mit vielen beeindruckenden Informationen gewinnt man einen guten Einblick und auch etwas Verständnis für das Leben mit dieser Religion.

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