Karneval der Toten

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • New York: Viking, 2004, Titel: 'The Winds of Change', Seiten: 407, Originalsprache
  • Köln: Random House Audio, 2006, Seiten: 6, Übersetzt: Ulrike Kriener, Bemerkung: gekürzt
  • München: Goldmann, 2008, Seiten: 448, Übersetzt: Cornelia C. Walter
  • Augsburg: Weltbild, 2007, Seiten: 6, Übersetzt: Ulrike Kriener

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Sabine Reiß
On the road again...

Buch-Rezension von Sabine Reiß Mai 2006

Martha Grimes macht es einem von Mal zu Mal schwerer, ihr neuestes Buch zu rezensieren, ist doch bereits alles gesagt, was es über die Serie zu sagen gibt. Mit "Karneval der Toten" hat sie 23 Jahre nach dem ersten Auftritt von Superintendent Jury und Melrose Plant bereits das 19. Abenteuer der beiden ersonnen. Das jeweils neueste Buch der Amerikanerin, die ihre Krimis in England spielen lässt - was sie im Übrigen mit Elizabeth George und bestimmt noch einigen anderen Ladies gemein hat - wird von einem großen Leserkreis sehnsüchtig erwartet. Ich wage zu behaupten, dass ihre Bekanntheit bei Krimilesern extrem hoch ist, doch neben den vielen Anhängern gibt es sicher ebenso viele, die ihre Bücher strikt ablehnen, denn nicht immer steht die Krimihandlung im Vordergrund. Neben den Hauptfiguren Jury und Plant gibt sich ein illustres, zuweilen fast skurriles Völkchen die Klinke in die Hand, das die Nebenkriegsschauplätze, insbesondere das fiktive Dörfchen Long Piddleton belebt.

Worum geht es also? Superintendent Jury befasst sich mit dem Fall eines kleinen Mädchens, das auf offener Straße erschossen wurde. Ganz in der Nähe wird in einem Haus ein Pädophilentreffpunkt vermutet, dessen oberste Nummer ein reicher Geschäftmann namens Viktor Baumann sein soll, der schon längere Zeit im Visier der Polizei steht. Vor drei Jahren ist dessen Tochter Flora verschwunden, die bei ihrer inzwischen leider verstorbenen Mutter Mary und deren neuem Ehemann Declan Scott wohnte. Der Zufall will es, dass die mutmaßliche Entführung damals von Jurys Freund Commander Brian Macalvie bearbeitet wurde, den er sogleich kontaktiert.

Und der Zufall will es...

Ganz aktuell befasst sich Macalvie wieder mit Declan Scott, in dessen Garten eine Tote gefunden wurde, zu der es keinerlei Verbindung zu geben scheint. Nur die ehemalige Köchin erkannte in ihr eine Frau, die vor ein paar Jahren die Hausherrin Mary besuchte und Declan gibt an, seine Frau einmal mit ihr zusammen in einem Hotel in London gesehen haben zu wollen. Mary bezeichnete sie ihm gegenüber damals als alte Schulfreundin, doch diese Spur verliert sich und die Identität der Toten ist nach wie vor nicht geklärt. Jury pendelt also zwischen Cornwall und London und schleust Melrose als Spezialist für Rasenplaggen (hierzulande vielleicht Rollrasen?) auf dem Anwesen Scotts ein, um unter der Hand ermittlungsrelevante Informationen zu erhalten.

Immer wieder greift Martha Grimes in ihren Krimis das Thema Kinder auf: Im Laufe seiner Ermittlungen begegnet Jury immer wieder ertrunkenen oder verschwundenen Kindern oder wie hier einem Fall von Pädophilie. Seine eigene Kindheit war inmitten des Krieges auch nicht gerade rosig, da er durch einen Bombenangriff auf London sehr früh seine Eltern verlor und bei seiner einzigen Verwandten, seiner Cousine aufwuchs. Deren Tod entwurzelt den sowieso schon recht melancholischen Jury, der außer zu Melrose Plant, Sergeant Wiggins und seinen Wohnungsnachbarn keine engen Beziehungen zu haben scheint - da stürzt er sich eben wieder einmal in die Arbeit. Mit großem Engagement verfolgt er die Spuren im vorliegenden Fall.

Der Humor kommt leider etwas zu kurz

So tragisch das Herz der Handlung auch angelegt ist, gibt es bei Martha Grimes in der Regel etwas zu Lachen. Das Vergnügen, das man bei den früheren Abenteuern fast immer verspürte, stellt sich im vorliegenden Band jedoch nur selten ein. Melrose gibt zwar wieder einmal den Gärtner, ohne einen Deut Ahnung von der Materie zu haben, aber das zeigt auch, wie die Autorin in der von ihr geschaffenen Welt gefangen ist. Sie lässt (mit einer Ausnahme) keine neuen Figuren auftreten, außer denen, die für den Mordfall benötigt werden, und hat Mühe, die meisten anderen in der Story unterzubringen.

Meines Erachtens muss sie sich befreien, doch das ist schier unmöglich, ohne einen Großteil der Stammleserschaft zu verlieren, die jammern würde, wenn Melroses Tante Agatha nicht wieder alle Teekuchen verschlingen würde. Neue Leser kann sie allerdings kaum gewinnen, denn diese werden durch die ganzen Anspielungen auf frühere Fälle abgeschreckt. Ein Ausweg ist nicht in Sicht. Im Endeffekt kann sie nur mit einem Plot punkten, der in allen Aspekten gut durchdacht sein muss und zudem speziell auf ihre Figurenkonstellation zugeschnitten sein sollte. Dies ist ihr hier mit der Verbindung der beiden Fälle nicht vollends gelungen.

Die Zeichen stehen wohl auch bei Martha Grimes auf Veränderung (Originaltitel: Winds of Change). Vielleicht hat auch sie erkannt, dass es so nicht weitergehen kann, und wir befinden uns mit diesem Buch mitten in der Metamorphose der Autorin, die sie ja offensichtlich schon mit dem Anschlag auf Jurys Leben in "Die Trauer trägt schwarz" eingeläutet hat. Man kann nur abwarten, ob sich im Laufe der Zeit ein schöner Schmetterling entwickelt, der etwas mehr Begeisterung hervorruft als das vorliegende Exemplar.

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