Das Verlies

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • München: Knaur, 2004, Seiten: 500, Originalsprache
  • Augsburg: Weltbild, 2005, Seiten: 459, Originalsprache
  • Augsburg: Weltbild, 2008, Seiten: 493, Originalsprache
  • Daun: TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch, 2006, Seiten: 12, Übersetzt: Uta Kroemer

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Peter Kümmel
Franz spielt mit den Emotionen seiner Leser

Buch-Rezension von Peter Kümmel Jun 2004

Ein Mann will ein Verbrechen vortäuschen und schießt auf sich selber. Zugegeben, dazu gehört Mut. Nicht unbedingt glaubhaft, aber möglich. Er "richtete die Mündung gegen sich selbst und drückte zweimal ab. Zwei Kugeln, bei denen er sich sicher war, dass sie nicht tödlich sein würden." Auch noch gleich zweimal schießt er auf sich selber. Eine Kugel in den Bauch, die zweite in die Brust, fünf Zentimeter neben das Herz. Da muß man schon ein guter Schütze und ein noch besserer Anatom sein, um zu wissen, wo man treffen muß. Danach hat er zwar Schmerzen, macht aber seelenruhig weiter mit seinen Vorbereitungen: Pistole und Hülsen ordentlich drapieren, etwas von seinem Blut verteilen und dann noch ein Auto anzünden. Dann schleppt er sich noch zur Straße, wo er endlich bewusstlos zusammenbricht.

Auch, wenn diese Verhaltensweise des Täters später psychologisch begründet und versucht wird, sie glaubhafter zu machen, ist das für mich großer Schwachsinnn und eigentlich ein Grund dafür, das Buch zu verreißen. Daß ich dieses nicht tue, liegt hauptsächlich daran, dass der Autor hervorragend schreiben und vor allem Spannung erzeugen kann. Und daran, dass dies zwar ein entscheidender, aber der einzige wirklich relevante Kritikpunkt an Franz' aktuellem Roman ist.

Die Beamten der Frankfurter Kriminalpolizei, die Franz ermitteln lässt, bekleckern sich zunächst wenig mit Ruhm und Ehre. Denn sein Team um Kommissarin Julia Durant scheint dieses Mal völlig neben sich zu stehen. Jeder geht mit einer unterschiedlichen, aber bereits vorgefassten Meinung an den Fall heran. Nach der Entdeckung des Verbrechens will man den Fall dann sofort abschließen, ohne eigentlich mehr zu wissen als zuvor.

In der ersten Hälfte kein Krimi, in dem ordentlich ermittelt wird, sondern einer, mit dem Andreas Franz bei seinen Lesern Emotionen erzeugt. Ein Ehepaar, das er aus dem Spielfilm "Der Feind in meinem Bett" entnommen hat. Der Ehemann ein brutaler Sadist, der seine Frau schlägt und vergewaltigt, wenn das Essen nicht pünktlich um sieben Uhr auf dem Tisch steht, nach außen hin aber den treusorgenden Ehemann spielt, der alles für seine Frau tut. Die wiederum kann sich nicht aus den Fängen ihres Mannes befreien, weil sie nicht weiß, wohin sie vor ihm fliehen soll.

Gabriele Lura ist diese geschundene Ehefrau und sie wirkt überhaupt nicht so, wie man das von einer Frau erwartet, deren Ehemann vermisst wird. Für die Polizei verständlich, nachdem sie erst ein wenig hinter die Kulissen geblickt hat. Rolf Lura ist ein erfolgreicher Besitzer eines Autohauses und mehrere Millionen schwer. Deshalb vermutet die Polizei zunächst eine Entführung, doch niemand meldet sich. Nur das Auto von Lura wird entdeckt. Man findet Blutspuren darin. Sollte die gepeinigte Ehefrau doch ihren verhassten Mann umgebracht haben. Das kann sich Julia Durant absolut nicht vorstellen, nachdem sie die sympathische Frau kennengelernt hat. Doch dieses Szenario wird immer wahrscheinlicher, nachdem man beobachtet, wie sich Gabriele Lura mit dem Freund und Anwalt ihres Mannes trifft. Und als beide plötzlich verschwinden, ist man ziemlich sicher, dass sich das Paar nach der Beseitigung des Tyrannen abgesetzt hat.

Doch dann kommt alles plötzlich ganz anders. Auch für den Leser eine völlig unerwartete Wendung. Bis zu dieser Stelle tappt der Leser zwar auch im Dunklen, doch ist er von da an mit allen Schritten des Verbrechers vertraut. Abschnittsweise begleitet er nun Ermittler und Täter.

Der Fall scheint klar im Polizeipräsidium Frankfurt. Doch Kommissarin Julia Durant bekommt Zweifel. Zweifel, die sie zunächst einmal ihren Kollegen verständlich machen muß. Und nun beginnt erst so richtig die Ermittlungsarbeit der Polizei.

"Das Verlies" ist ein Roman, der sich flüssig und flott herunterlesen lässt und in den man sich völlig vertiefen und mitfiebern kann. Nachdem Franz bereits in seinem kürzlich erschienenen "Tod eines Lehrers" das Thema "Gewalt gegen Frauen" angerissen hat, vertieft er es hier nochmals und stellt neben den Opfern auch die Hilflosigkeit der Täter gegenüber ihren Handlungen sehr gut dar. Doch wie so oft in Romanen wird wieder mal alles auf die verpfuschte Kindheit zurückgeführt.

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