Der Flüsterer

Erschienen: August 2020

Couch-Wertung:

80°
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Andreas Kurth
Die Schatten der Vergangenheit können nicht nur bedrohlich, sondern auch tödlich sein

Buch-Rezension von Andreas Kurth Feb 2021

Es ist immer interessant, zu überprüfen, ob Werbetexte auf einem Buchrücken eben nur ein Werbetext sind, oder ob sie tatsächlich den Inhalt des Buches einigermaßen zutreffend charakterisieren. Der Flüsterer wird vom Verlag Droemer.Knaur als der persönlichste Fall von Kommissarin Julia Durant bezeichnet - dieser Aufdruck trifft es tatsächlich, und zwar heftiger, als ich vor der Lektüre vermutet hätte.

Dabei stolpert die Frankfurter Polizistin kopfüber und unvermittelt in einen Strudel von Ereignissen, in deren Zentrum sie am Ende selbst steht, was Durant am Anfang natürlich noch nicht ahnen kann.

Bei einer Tatortaufnahme erhält sie die Nachricht, dass ihr Ex-Ehemann Stephan ermordet wurde. Noch während sie in München ist, um sich die Wohnung anzusehen und mit dortigen Kollegen zu sprechen, passieren in Frankfurt eine Entführung und ein Mord in ihrem persönlichen Umfeld. Für Julia Durant werden nicht nur Geister der Vergangenheit geweckt, sondern sie sieht sich plötzlich mit einer Mordserie konfrontiert, deren Dimension die Kommissarin erst nach und nach erfassen kann. Die Dramatik der Situation wird Durant erst klar, als ihr der Killer deutlich näher kommt.

Durants Knie fühlten sich an, als wären sie aus zimmerwarmer Butter. Der Rest ihres Körpers wurde von einer Art Schüttelfrost überfallen, der nicht nur von den Worten auf der Karte herrührte, denn da war noch mehr. Auf dem Umschlag stand ihre Privatadresse. Eine Anschrift, die nicht im Telefonbuch zu finden war. Sie konnte von Glück reden, dass sich hinter ihr die Couch befand, auf die sie in diesem Augenblick rücklings sackte.

Wie üblich bei Daniel Holbe wird erstmal munter ermittelt, mit vielerlei Nuancen. Auch Nebenakteure bekommen dabei ausreichend Platz für ihre Gedanken, was zuweilen durchaus charmant ist. Mehr als nervig bei der Lektüre ist allerdings das Faible des Autors, Wohnungs- und Büroeinrichtungen haarklein und detailliert zu beschreiben. Julia Durant ist unterdessen ständig mit ihrem Kopf in München; die Ermordung ihres Mannes gibt ihr einige Rätsel auf, auch wenn sie seit ihrer Scheidung kaum Gedanken an ihn verschwendet hat.

Und dann passieren parallel in München und Frankfurt dramatische Dinge: Nach dem ersten Mord und einer Entführung macht der Killer weiter, Julias beste Freundin fällt ihm ebenfalls zum Opfer. Durch Tonkassetten mit der Stimme ihres Mannes suggeriert der Mörder der Kommissarin und ihren Kollegen, das Stephan irgendwie hinter der ganzen Sache stecken könnte. Systematisch werden Menschen aus Julias Umfeld attackiert, so auch Kommissar Peter Brandt in Offenbach, der den Anschlag aber überlebt. Doch dann geht es um Durants Lebensgefährten - und die Kommissarin ist der Panik nahe.

“Jetzt ist es also amtlich”, hauchte sie. “Diese Bestie hat Claus!”

Und es brauchte keine Textanalyse von Josef Hallmann, um zu verstehen, was als nächstes geschehen würde.

Er würde - und bei dem Gedanken daran, dass das längst passiert sein konnte, ergriff sie die nackte Panik - zuerst Claus Hochgräbe töten, und dann, am Ende, sie selbst.

Es geht hier wirklich richtig zur Sache, die Spannung steigt immer weiter an. Und als auch noch die Tätersicht ins Spiel kommt, hebt sich langsam der Vorhang - scheinbar. Denn Daniel Holbe versteht es meisterhaft - ganz in der Tradition seines großen Vorbilds Andreas Franz - die Spannung immer weiter zu steigern und den Leser dabei mit falschen Fährten in Atem zu halten. Es handelt sich bei Der Flüsterer um einen überaus dramatischen, sehr ausgeklügelten Plot.

Der Fall ist für die erfahrene Kommissarin mehr als persönlich, und mehrfach steht sie kurz davor, aus den Ermittlungen herausgezogen zu werden; doch dann überschlagen sich die Ereignisse in einem überaus dynamischen Finale. Daniel Holbe greift dabei zu einigen dramaturgischen Kniffen, die den Realitätsgehalt der Geschichte zuweilen etwas drücken, aber das sorgt für Spannung und gute Unterhaltung, ist also völlig verzeihlich.

Als Daniel Holbe vor rund zehn Jahren den literarischen Nachlass von Andreas Franz übernahm, habe ich das Projekt ziemlich kritisch betrachtet. Das mag daran gelegen haben, dass ich Franz persönlich kannte und auch seine Bücher lückenlos gelesen hatte. Ich konnte mir tatsächlich nicht vorstellen, dass ein Autor eine Krimireihe eines verstorbenen Kollegen fortführt. Holbe hat dann auch einige Bände gebraucht, um sich Julia Durant und ihr Umfeld tatsächlich zu eigen zu machen. Mittlerweile - und das ist als Lob gemeint - merkt man keinen Unterschied mehr zwischen der Schreibe von Andreas Franz und Daniel Holbe.

Fazit

Es ist schon erstaunlich, dass eine Krimi-Reihe so lange auf insgesamt gleichbleibendem Niveau einer Protagonistin und ihren Polizei-Kollegen folgt. Julia Durant wird inzwischen von ihrer Kollegenschar durch die Fälle getragen, auch wenn sie der unumstrittene Star der Reihe ist. Aber gerade bei diesem wirklich sehr persönlichen Fall stößt die routinierte Ermittlerin an Grenzen. Tolles Lese-Kino, flüssig und unterhaltsam erzählt. Nach der üblichen Anfangsroutine, wenn der Fall ausgerollt ist, mag man das Buch kaum noch aus der Hand legen. Einer der besseren Bände der Reihe, wenn nicht sogar der bisher stärkste.

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