Das Attentat

Erschienen: Januar 2014

Bibliographische Angaben

  • New York: Harper, 2012, Titel: 'The fallen angel', Seiten: 405, Originalsprache
  • München: Pendo, 2014, Seiten: 448, Übersetzt: Wulf Bergner

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Andreas Kurth
Alter schützt nicht vor Torheit

Buch-Rezension von Andreas Kurth Feb 2014

Der begnadete Restaurator – und Top-Spion – Gabriel Allon verbringt täglich streng abgeschirmt einige Stunden mit einem Gemälde von Caravaggio. Diese Auftragsarbeit für den Vatikan kommt ihm gerade recht, bei seinem letzten Einsatz musste er im so genannten "leeren Viertel" von Saudi-Arabien einiges durchmachen. Allon genießt die ruhige Arbeit – bis die Kuratorin Claudia Andreatti tot auf dem Boden des Petersdoms gefunden wird. Für die Polizei ist es ein Selbstmord, aber der Privatsekretär des Papstes bittet Gabriel um eigene Ermittlungen – der Monsignore  hat die Expertin immerhin persönlich gebeten zu ermitteln, ob sich unter den zahlreichen Kunstschätzen des Vatikans auch Raubkunst befindet. Allon nutzt seine Kontakte zum israelischen Geheimdienst, um die Kommunikationsdaten der Toten auszuwerten - und diese Spur führt ihn tatsächlich zu einem italienischen Grabräuber, und weiter zur Hisbollah. Einen Anschlag in Wien können die Israelis schließlich verhindern – aber damit ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende.

Spannende Unterhaltung

Ich höre schon die Kritiker seufzen. Wieder ein neuer Silva – und immer das gleiche. Gabriel Allon, der unzerstörbare israelische Spion. Scheinbar nichts besonderes... Hat man über James Bond, Harry Hole oder andere vermeintlich unsterbliche Helden auch so gelästert? Ganz ehrlich? Es ist mir egal, und vielen anderen Lesern offenbar auch. Immerhin ist "Das Attentat" bereits der zwölfte Roman der Reihe, der auf Deutsch erschienen ist, zwei weitere Bände harren noch der Übersetzung. Und bei vielen Fans hat Silva mit der vermeintlich ewig gleichen Masche auch Erfolg. Ich kann das durchaus nachvollziehen. Natürlich gewinnen hier immer die Guten, oder zumindest die Seite, die der Autor für die gute hält. Aber wer das nicht mag, wird ohnehin nur ein Buch aus der Reihe lesen, und fortan die Finger davon lassen. Völlig in Ordnung – aber man verpasst wirklich spannende Unterhaltung.

Der sich wandelnden Weltlage angepasst

Im Umkehrschluss gilt nämlich auch: Wer einmal von der Figur Gabriel Allon und seinem zwiespältigen Charakter fasziniert ist, wird immer wieder wissen wollen, wie es mit ihm und seinen Kollegen und Freunden weitergeht. Und eines werden selbst die schärfsten Kritiker dem Autoren zugestehen müssen: Er lässt seine Figur mit der Zeit gehen. Silva schreibt nur einen Allon-Roman pro Jahr, und dabei passt er seine Geschichten der sich wandelnden Weltlage durchaus an. Die Recherche-Methoden der Geheimdienstler wandeln sich, auch wenn die alten Legenden immer gleich bleiben. Das Feindbild bleibt auch immer gleich, aber das war im kalten Krieg nicht anders, und im Kampf gegen Drogenkartelle geht es auch gegen die immer gleiche Hydra. In einer Reihe über einen israelischen Top-Agenten sind es eben immer wieder islamische Terroristen, mal sunnitische, mal schiitische Extremisten. Dass der Iran für Israel nach wie vor eine mehr als ernsthafte Bedrohung darstellt, lässt sich durch die politische Lage und zahlreiche Fakten bestens belegen, daran können auch die Kritiker der Allon-Reihe nichts ändern.

Interessante Hintergrund-Geschichte

Es ist doch gerade faszinierend, wie der Autor immer neue Bedrohungsszenarien ersinnt, auf die Gabriel Allon und seine Kollegen reagieren. Natürlich ist es unrealistisch, dass eine Top-Truppe des israelischen Geheimdienstes derart ausdauernd erfolgreich sein soll. Aber die immer neuen Hintergrund-Geschichten sind dafür umso spannender. In diesem Buch ist es der internationale Handel mit gefälschten Antiquitäten und Artefakten, den sich Terroristen als Geldquelle erschlossen haben. Diesen Aspekt des Plots fand ich wirklich informativ, für mich war das in dieser Ausprägung durchaus noch neu.  Silva hat zwar schon Romane mit mehr Action geschrieben, aber in Das Attentat baut er die Spannung ganz anders auf. Hier wird so manche Szene nicht ausführlich beschrieben, sondern nur der Ausgang einer Auseinandersetzung angedeutet. Die sich entwickelnde Geschichte fesselt den Leser dennoch, und insbesondere die scheinbare Lösung mit den Ereignissen in Wien macht einen nur noch neugieriger auf die Fortsetzung.

Protagonist kann die Leser spalten

Der Protagonist ist schon eine Figur, die mit ihrer Zwiespältigkeit die Leser und Rezensenten zu spalten vermag. Gabriel Allon tötet für sein Land, weil er glaubt, damit seine Landsleute zu beschützen. Dabei ist er keineswegs ohne Gewissen – ganz im Gegenteil. Aber wie viele Israelis deutscher Herkunft hat er Angehörige im Holocaust verloren, und das prägt ihn für den Rest seines Lebens. Neben dem ständigen Existenzkampf des Landes Israel ist das ein fortwährendes Thema – aber daneben erfährt der Leser auch andere Facetten seines Charakters. Die anrührenden Besuche bei seiner ersten Frau Leah zeichnen beispielsweise ein völlig anderes Bild. Allon kann aus seiner Haut nicht heraus, und reflektiert doch oft genug darüber, ob alles richtig ist, was er und seine Kollegen vom "Dienst" machen. Er ist kein Philosoph oder großer Denker, aber in meinen Augen eine Figur, mit der man sich auseinandersetzen kann – und sollte. Zumal er stellvertretend für viele Merkwürdigkeiten in der Welt der Geheimdienste steht. Daniel Silva bietet den Lesern auch mit diesem Thriller wieder gute Unterhaltung – wenn man sich denn darauf einlassen mag.

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