Der Zeuge

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • New York: G. P. Putnam’s Sons, 2004, Titel: 'A death in Vienna', Seiten: 403, Originalsprache
  • München; Zürich: Piper, 2006, Seiten: 414, Übersetzt: Wulf Bergner
  • München: audio media, 2008, Seiten: 6, Übersetzt: Axel Wostry

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Wolfgang Weninger
Ein nachhaltiger Eindruck

Buch-Rezension von Wolfgang Weninger Sep 2006

Der israelische Agent Gabriel Allon arbeitet in der venezianischen Kirche San Giovanni Crisostomo als Restaurator an einem Altarbild Bellinis, als in Wien im Büro der Organisation für Ansprüche und Ermittlungen wegen Kriegsschäden eine Bombe hochgeht und Allons Freund Eli Lavon und zwei Mitarbeiterinnen dabei das Leben verlieren. Nach offiziellem Wortlaut ist das Attentat ein Terrorakt der Al-Quaida, doch der eilig angereiste Allon kommt zu einem anderen Schluss, als Max Klein ihm anvertraut, dass er im Wiener Cafe Central einen ehemaligen Nazi-Schergen gesehen habe.

Ludwig Vogel soll an der Ostfront maßgeblich an der Ermordung jüdischer Menschen beteiligt gewesen sein und jetzt aktiv an der Unterstützung des rechtsextremen Kandidaten zur österreichischen Kanzlerwahl beteiligt sein. Aber noch bevor Allon weitere Details von Max Klein erfahren kann, wird dieser ermordet.

Allon, der daraufhin in israelischen Archiven Vogels wahre Existenz zu Tage fördert, muss erkennen, dass dieser Mann dafür verantwortlich ist, was seiner Mutter auf dem Todesmarsch von Birkenau widerfahren war und wovon sie sich Zeit ihres Lebens nicht mehr erholt hat. Diese persönliche Verstrickung lässt Allon noch intensiver an der Aufdeckung der Geschehnisse arbeiten, aber er kommt dabei der CIA und dem Vatikan in die Quere, die aus unterschiedlichsten Gründen kein Interesse haben, den Mörder auffliegen zu lassen.

Daniel Silva hat nach "Der Auftraggeber", "Der Engländer" und "Die Loge" den vierten und letzten Band seiner Gabriel Allon-Reihe als "Der Zeuge" im Piper Verlag veröffentlicht. Der ehemalige CNN-Reporter , dessen 400-Seiten-Thriller Wulf Bergner aus dem Amerikanischen übersetzt hat, greift mit "A Death In Vienna" die Thematik der Gräueltaten des Dritten Reiches auf. Ex-Geheimdienstchef Ari Schamron und seine Agenten sind zwar nicht vom israelischen Geheimdienst legitimiert, operativ zu arbeiten, aber das kümmert sie wenig, wenn es um die spektakuläre Aufdeckung in Buchform geht.

Wie schon in den Büchern zuvor, versteht es der Autor sprachlich hervorragend Spannung zu erzeugen. Sein Agent mit der Lizenz zum Töten stellt 007 in den Schatten und ist obendrein ein hochintelligenter, sprachgewandter und künstlerisch versierter Tausendsassa, der in diesem Buch nicht nur in Wien und Tel Aviv Glanzleistungen vollbringt, sondern auch in Argentinien und der Schweiz ermittelt, also überall, wo man die ehemaligen Kriegsverbrecher und ihre kapitalistischen Hinterlassenschaften vermutet.

Dass bei dieser Fülle an Schauplätzen die Recherche gelegentlich auf der Strecke geblieben ist, wird zumindest den Leser auf dem amerikanischen Buchmarkt nicht weiter stören. Hierzulande muss man allerdings milde lächeln, wenn etwa Allon in der Wiener U-Bahn erst Drehkreuze passieren muss, die es bislang noch nie gegeben hat oder ein geheime israelische Organisation dort angesiedelt ist, wo sich seit Jahrzehnten ein Wachzimmer der österreichischen Polizei befindet. Doch diese kleinen Malheurs stören wahrscheinlich nur einen Ortskundigen.

Viel störender ist die Tatsache, dass sich Herr Silva bei seinen Recherchen offensichtlich amerikanisch-jüdischer Quellen und ebensolcher Sichtweisen bedient hat, die in ihren Pauschalverurteilungen schon vor Jahren zu einem Boykott Österreichs geführt haben. Daraus einen Roman zu basteln, der im Anhang zwar als fiktiv bezeichnet wird und gleichzeitig zu ergänzen, die Geschichte basiere zwanglos auf tatsächlichen Ereignissen, erinnert ganz stark an den Schreibstil eines Dan Brown, dessen "Sakrileg" von vielen Lesern für bare Münze genommen wurde.

Die entsetzliche Geschichte des jüdischen Volkes in den Konzentrationslagern und Gaskammern hat der Autor so eindringlich im Bericht seiner Mutter beschrieben, dass man wirklich glaubt, einen Tatsachenbericht zu lesen, der einem die Tränen in die Augen treibt. Auch wenn man nicht mit allen Details in diesem Buch übereinstimmen kann, so haben die wenigen Seiten, in denen diese zeitgeschichtliche Tragödie beschrieben wird, einen besonders starken emotionellen Anspruch und zählen zum Besten, was Daniel Silva veröffentlicht hat.

Wie weit sich hier Sensationshascherei und ehrliches Anliegen vermischen, weiß wohl nur der Autor. Im Endeffekt ist "Der Zeuge" für mich das Beste, was der Autor in seinen Romanen mit Gabriel Allons zu Papier gebracht hat. Der Leser bekommt damit einen kurzweiligen Thriller, für den die Kenntnis der vorangegangenen drei Bücher nicht zwingend notwenig ist. Hätte Silva nicht mit solcher Sprachgewalt die Geschehnisse aus der NS-Zeit eingebaut, müsste man diesen Roman als guten Durchschnitt bezeichnen. So aber wird daraus ein Buch, dass über die reine Action hinaus nachhaltigen Eindruck hinterlässt.

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