Das Vermächtnis

Erschienen: September 2020

Bibliographische Angaben

- OT: The New Girl

- aus dem Englischen von Wulf Bergner

- TB, 480 Seiten

- Bd. 19 [Gabriel Allon]

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Andreas Kurth
Selbst unter Erzfeinden ist geteiltes Leid nur noch halbes Leid

Buch-Rezension von Andreas Kurth Jul 2021

Es ist schon bemerkenswert, wenn sich ein Autor, der sich mit seinen Agenten-Thrillern relativ eng am Weltgeschehen orientiert, gezwungen sieht, das Manuskript für sein nächstes Buch eine gewisse Zeit beiseite zu legen. So ist es nach eigener Aussage Daniel Silva ergangen, wie er im Vorwort zu Das Vermächtnis einräumt: Er habe einen Roman über einen jungen arabischen Prinzen schreiben wollen, der sein religiös intolerantes Land und die gesamte islamische Welt umkrempeln wollte. Doch dann sei der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman in die Ermordung von Jamal Kashoggi verwickelt gewesen. Nach einer Denkpause hat Daniel Silva diesen Roman dann doch noch geschrieben - allerdings wohl etwas anders als zunächst geplant.

In der Schweiz wird ein zwölfjähriges Mädchen auf dem Schulweg entführt. Während die eidgenössischen Behörden rätseln, erfährt Mossad-Direktor Gabriel Allon von dem Vorfall - und um wen es sich gehandelt hat. Über ihre gemeinsame Bekannte Sarah Bancroft, eine ehemalige CIA-Agentin, mit der Allon mehrfach zusammengearbeitet hat, wendet sich Kronprinz Khalid bin Mohammed an den Israeli und bittet um Hilfe. Gegen die Bedenken seiner engsten Mitarbeiter fliegt Allon nach Saudi-Arabien und willigt in die Bitte des Kronprinzen ein, ihm bei der Suche nach den Entführern zu helfen - denn der Geheimdienstchef weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, ein Kind zu verlieren.

Mit ihren erprobten und ausgefeilten Methoden kommen die israelischen Agenten den Entführern näher. Dabei zeigt sich, dass auch Verräter aus der Umgebung des Kronprinzen an der Entführung beteiligt sind. Über Frankreich führt die Spur schließlich zu einem Haus im Baskenland, das die Mossad-Leute allerdings leer vorfinden - sie sind knapp zu spät gekommen. Die Entführer fordern nun, dass Gabriel Allon die Übergabe des Mädchens organisiert, nachdem ihr Vater öffentlich seinen Thronverzicht erklärt hat.

“ ‚Ich bin ein Profi, Allon. Genau wie Sie.‘
‚Wirklich? Und was machen Sie beruflich, wenn Sie nicht gerade Kinder entführen und foltern?‘
‚Das Kind‘, behauptete sie, ‚war gut versorgt.‘
‚Ich habe den Raum in Areatza gesehen, in dem sie die Kleine gefangen gehalten haben. Der wäre für einen Hund zu schlecht gewesen, von einer Zwölfjährigen ganz zu schweigen.‘
‚Ein Mädchen, das sein ganzes Leben in unvorstellbarem Luxus verbracht hat. Immerhin hat sie jetzt eine Ahnung davon, wie der weitaus größte Teil der Weltbevölkerung haust.‘
‚Wo ist sie?‘
‚In der Nähe.‘ ”

Bei der geplanten Übergabe kommt es zu einer dramatischen Zuspitzung. Die Prinzessin wird auf einem Feld ausgesetzt. Als Allon und der Araber das Mädchen entdecken, merkt der Israeli in letzter Sekunde, dass etwas nicht stimmt. Die Jacke des Mädchens ist zugenäht - darunter trägt sie einen Sprengstoffgürtel. Den Kronprinzen kann Allon mit letzter Not retten - die Tochter nicht. Noch am Tatort schwört Gabriel Allon den Mördern, dass er sie ebenfalls töten werde.

Allerdings geht es nun zunächst darum, herauszufinden, wer hinter dem Komplott gegen Khalid bin Mohammed steckt. Schnell gerät sein Onkel Abdullah ins Visier des Mossad, und dem MI6-Chef Graham Seymour erzählt Allon, dass der neue Kronprinz den Russen verpflichtet ist; offenbar hat er in Moskau gute Geschäfte gemacht. Nun geht es darum, die nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen.

“ Seymour lächelte schwach. ‚Glaubst du wirklich, du könntest den nächsten saudischen Herrscher auswählen?‘
‚Nicht unbedingt. Aber ich werde nicht dulden, dass eine Marionette Russlands den Thron besteigt.‘
‚Wie willst du das verhindern?‘
‚Ich könnte ihn einfach umlegen, denke ich.‘
‚Du darfst den zukünftigen saudischen König nicht umlegen.‘
‚Warum nicht?‘
‚Weil das unmoralisch und ein Verstoß gegen das Völkerrecht wäre.‘
‚In diesem Fall‘, sagt Gabriel, ‚werden wir wohl jemanden finden müssen, der ihn für uns beseitigt.‘ ”

Mit Khalid bin Mohammed hat Daniel Silva eine mehr als zwiespältige Figur geschaffen, die im Buch wie der reale Kronprinz von Saudi-Arabien im Blickpunkt der Weltöffentlichkeit steht. Der Autor bietet hier wieder viele politische Implikationen zum Nachdenken an, ist mit seiner Story einmal mehr eng am Puls der Zeit. Natürlich ist es völlig unrealistisch, dass sich der saudische Kronprinz an den Mossad um Hilfe wendet, aber in sich ist dieser Thriller absolut nachvollziehbar konstruiert.

Silva versteht es, die Spannung immer wieder zu steigern, auch wenn schnell klar ist, worauf es am Ende hinausläuft. Aber er hat eine Erzählweise, die mich ungemein fesselt, und die Erfolge seiner Bücher zeigen, dass diese Faszination für viele Leser gilt. Silvas Thriller entwickeln von Beginn an einen großen Sog, dem man sich schon nach wenigen Seiten nur ungern entzieht. Und bei allem Ernst der Handlung versteht es der Autor hervorragend,  den Leser mit witzigen Dialogen und schräger Situationskomik jenseits der Spannung auch zu unterhalten. Neu für Silva ist, dass es hier ein zweideutiges Ende gibt. Ich bin gespannt, ob und wie das im nächsten Buch aufgelöst wird.

Fazit:

Daniel Silva versteht es immer wieder, den Leser seiner Bücher zum Mitwisser, ja zum Mitglied dieser scheinbar so eingeschworenen Geheimdienst-Community zu machen. Und dabei zeigt er auch neue Seiten seiner älter gewordenen Hauptfigur. Gabriel Allon lässt sich vom Leid eines Mannes mitreißen, den er eigentlich als Erzfeind betrachten müsste. Hier zeigt sich mal wieder der weiche Kern des Mossad-Chefs, der selbst schon unendliches Leid erfahren hat - jedenfalls in der fiktionalen Welt dieser Romane. Lesenswert, spannend, unterhaltsam - und das immer wieder aufs Neue.

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