Vita Nuova

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Zürich: Diogenes, 2008, Seiten: 7, Übersetzt: Frank Engelhardt, Bemerkung: Regie: Katharina Schubert
  • Zürich: Diogenes, 2009, Seiten: 321

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Jochen König
Abschied von Maresciallo Salvatore Guarnaccia

Rezension von Jochen König Feb 2008

Vita Nuova ist der vierzehnte Roman der Reihe um den sympathischen Maresciallo Salvatore Guarnaccia. Er ist zugleich ein Vermächtnis, denn die englische Autorin Magdalen Nabb starb im August 2007 im Alter von nur sechzig Jahren in Florenz an einem Hirnschlag. Ein tragischer Verlust (nicht nur) für die Literatur, denn ihr Maresciallo Guarnaccia ist in seiner umsichtigen Menschlichkeit - mit all seinen Schwächen - ein sehr überzeugender Charakter, der nicht zu Unrecht mit Simenons Inspektor Maigret verglichen wurde. Zumindest was die Ruhe und Nachdenklichkeit betrifft, mit der er seine Ermittlungen angeht.

Zu Beginn des "neuen Lebens" leidet Guarnaccia zuerst einmal. An der Trennung von seiner Frau Teresa, die sich um Guarnaccias krebskranke Schwester kümmert, an der Hitze und wegen der toten Daniela Paoletti, die erschossen in einer Villa am Stadtrand von Florenz liegt. Was aussieht wie das Werk eines hasserfüllten Profikillers oder die tödliche Folge eines missglückten Raubüberfalles, wird für Guarnaccia zu einem Ausflug in eine Familienhölle, die sich hinter den Symbolen flüchtigen Reichtums verbirgt.

Dank seines Freundes, dem investigativen Journalisten Nesti, kommt Guarnaccia mit einer Welt in Verbindung, die ihm nicht geheuer ist und zutiefst Angst einflößt. Denn die als Stellenvermittlung getarnte Firma des Vaters der Ermordeten, ist eine Menschenhandelsfabrik, die nicht nur billige Arbeitskräfte, sondern auch Prostituierte jedes Alters erzeugt. Allzu bald muss Guarnaccia erfahren, dass die "Dienste" Paolettis von diversen hochgestellten Persönlichkeiten in Anspruch genommen werden, die ihm und seinem persönlichen Umfeld das Leben zur Hölle machen können. Inmitten eines Klimas der Angst reicht Guarnaccia sogar seine Kündigung ein, um sich und seine Lieben zu schützen, bleibt aber letztlich (und fast zwangsläufig) hartnäckig in dem Versuch, die Welt, bzw. Florenz, zu einem lebenswerteren Platz zu machen.

So wird ein Mord aufgeklärt, manche Beteiligte können vorsichtige Schritte in neugewonnene Freiheiten wagen, auch auf die Gefahr hin, dass diese scheinbare Freiheit den Tod bedeutet. Guarnaccia hat in seinem ängstlichen Stoizismus jedenfalls vieles richtig gemacht und wäre bereit für den nächsten Fall. Soll leider nicht sein.

Vita Nuova ist ein exzellent geschriebener Roman, der in seiner behutsamen Gangart, die er seinem bedächtigen Helden schuldig ist, unterschiedliche Formen des zwischenmenschlichen Grauens spürbar werden lässt. Seien es die familiären Verhältnisse der Paolettis, deren Fassade nach nur wenigen Fragen zerbricht und den Blick freigibt auf ein marodes Gefüge. Eines jener Beziehungsgeflechte, die auf der Androhung und Ausübung psychischer, sexueller und physischer Gewalt beruhen, die am Ende aber zwangsläufig implodieren müssen, weil der interne Druck zu groß wird. Als finanzielle Grundlage für die sich selbst zerfleischende Familie dienen die billigen und willig gemachten Arbeitskräfte aus Osteuropa, für die es nur zwei Kategorien gibt: hübsch genug, als Prostituierte zu arbeiten, oder Teil einer Putzkolonne zu werden. Nabb stellt klar heraus, dass das zweite Schicksal das Erträglichere ist.

Als Gegenpol funktioniert der gemütvolle Maresciallo Guarnaccia: seine biedere Sehnsucht nach seiner Frau, die ihm mit alltäglichen Ritualen das Leben erst erquicklich macht, gehen Hand in Hand mit seiner Sorge um seine lauteren Freunde, die er bedroht sieht, als ihm mitgeteilt wird, welche einflussreichen (auch was die Ermittlungen betrifft) Personen zu Paolettis (erpressbaren) Kunden gehören. Von Natur aus eher ängstlich, ist es ihm hoch anzurechnen, dass er nicht kneift, sondern seine Ermittlungen gegen alle Widerstände zum Ende und teilweisen Erfolgt bringt.

Vita Nuova braucht keine bluthustenden Elemente, um auf spannende Weise Einblicke in eine Welt bar jeder Moral zu geben. Nabb reichen Andeutungen, um die Verlorenheit ausgebeuteter Menschen deutlich zu machen. Ihr Florenz ist kein pittoresker Schauplatz, der nassrote Morde vor den Uffizien im Sonnenuntergang nötig hat. Florenz ist eine Stadt mit einer originären Atmosphäre, die nicht geprägt wird durch angelesenes Wissen aus Touristenführern, sondern durch emotionale und intellektuelle Durchdringung. Zwischen Palästen und zweckmäßigen Behausungen der reinen Triebbefriedigung, findet sich ein breitgefächertes Kaleidoskop von Menschen und individuellen Geschichten, die keine effekthascherische Übertreibung nötig haben, um überzeugend zu sein.

So verabschiedet sich Magdalen Nabb mit einem wunderbaren Roman, der charmant und beseelt von tiefer Menschlichkeit eine aufregende Vielfalt erzeugt.

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