Der deprimierte Ritter und sein unberechenbarer Knappe.
In diesem Rückblick auf die 1990er Jahre ist Dave Robicheaux noch als Polizist in New Iberia, US-Südstaat Louisiana, tätig. Weniger Glück hatte sein bester Freund Cletus „Clete“ Purcel, dessen posttraumatischen Schübe sich mit einem Sinn für handfest-rabiate Gerechtigkeit verbinden, die eindeutig auf der falschen Seite des Gesetzes angesiedelt ist. Da man ihn bisher nicht umbringen konnte, er aber einiger krimineller Verfehlungen überführt wurde, konnte man Clete feuern. Nun schlägt er sich als Inhaber einer kleinen, gar nicht feinen Detektei durch.
Seiner Freundschaft mit Robicheaux konnten seine Eskapaden nie etwas anhaben. Deshalb darf er sich dessen Unterstützung sicher sein, als Diebe über Cletes geliebten Cadillac-Oldtimer herfallen: Sie suchen offenbar etwas, das in dem voluminösen Gefährt versteckt ist oder besser: war. Es steht fest, dass der Cadillac in jener Werkstatt zweckentfremdet wurde, in der Clete ihn hat warten lassen.
Nicht Rauschgift, sondern Fentanyl wurde auf diese Weise geschmuggelt, glaubt Clete. Das Schmerzmittel bringt noch mehr Menschen um als Heroin oder LSD. Clete hasst Fentanyl, denn eine Großnichte starb daran. Also will er die Bande ausheben - und sticht wie üblich in ein Wespennest. Extreme Gewalt ist das Markenzeichen dieser Strolche. Schon bald erregen Dave und Clete deren unliebsame Aufmerksamkeit und geraten in Lebensgefahr. Dann mischen sich das FBI sowie ein durch und durch korrupter Polizist in die Sache ein. Zu allem Überfluss übernimmt Clete als Detektiv einen Fall, weil eine schöne Frau von ihrem Gatten geschlagen und betrogen wird. Doch trifft dies zu, oder soll Clete und Dave nur an eine neuen Kampffront gelockt werden ...?
War’s das nicht schon?
Eigentlich war James Lee Burke ‚durch‘ mit seiner Serienfigur Dave Robicheaux. Er hatte sie seit 1987 durch 22 Fälle getrieben, deren kriminelle und kriminalistische Verwicklungen immer wieder in privaten Albträumen und Tragödien sowohl wurzelten als auch gipfelten. Der aufgrund einer komplizierten Vergangenheit ohnehin psychisch angeschlagene sowie immer wieder alkoholsüchtige Polizist und Ermittler geriet an comicartig überspitzte Gangster, die in ihrer Bösartigkeit nicht grundlos an die Dämonen erinnerten, die ihn heimsuchten.
Betont wurde dies durch die tropische Südstaatenfeuchte und den dadurch verstärkten Hang zu brutaler Gewalt und Rachsucht, geboren aus und verschärft durch Rassismus, Korruption und Bildungsmangel. Beleidigungen können in dieser Region buchstäblich ihre Verursacher überleben und Opfer in zukünftigen Generationen fordern. Geschichte bzw. Folklore und Gegenwart gehen in Burkes Lousiana nahtlos ineinander über.
Burke mag oder kann von seinem Anti-Helden nicht lassen. Mit „Verschwinden ist keine Lösung“ schrieb er 2020 einen 23. Band, der auf die ‚offizielle‘ Chronologie der Serie nur locker Rücksicht nahm. Die Mystik, die Burke seit jeher in seine Romane einfließen ließ und die sich aus der nicht nur mit Sumpfwasser, sondern auch mit Blut getränkten Erde Louisianas speist, ließ er von der Kette und beschrieb einen Kampf zwischen Gut und Böse, wie ihn sich Stephen King ausgedacht haben könnte. Auch in seinem neuen Roman scheint es zu spuken; ein Geisterschiff taucht auf, und Jeanne d’Arc persönlich steht von den Toten auf, um Clete im Kampf gegen Schurken beizustehen, die Burke uns als Ausgeburten des zeitlosen Bösen verkaufen will.
Kein Ruhestand im heißen Süden
Mit dem 24. Band umgeht Burke das Problem eines eigentlich schon geschlossenen Sacks, indem er zum einen die Handlung in die Vergangenheit verlegt. Darüber hinaus wechselt die Perspektive. Bisher stellte Dave Robicheaux das Zentrum der Krimi-Chronik dar, die der Verfasser entworfen hatte. An seiner Seite, aber auch in seinem Schatten stand Clete Purcel, der treue, gewaltbereite Sancho Panza, der dem Don Quijote Robicheaux bereitwillig folgte, wenn der gegen ein weiteres Paar Windmühlenflügel anritt.
Es ging und geht Burke schon lange nicht mehr (oder nie) um die realistische Beschreibung. Der US-Süden wird gleichermaßen verdammt wie idealisiert. Nie fehlen in einem Robicheaux-Roman ausführliche Schilderungen einer wuchernden, gefährlichen, aber lebendigen und Natur. Ihr gilt die besondere Liebe des Detektivs, weshalb er sich mehrfach mit denen anlegte, die in den Sümpfen nur einen Ort sehen, an dem Abfälle (oder Leichen) entsorgt werden können.
Ungeachtet der mythischen Überhöhung spiegelt die Serie dennoch Realitäten wider. Die Förderung des lokalen Fremdenverkehrs ist sicherlich nicht sein Ziel. Nicht nur das Verbrechen, sondern auch konzerngesteuerte und politisch gedeckte Umweltzerstörungen und die dramatischen Folgen fließen in das Geschehen ein. Früher war überhaupt nichts besser, aber anders. Selbst das Verbrechen folgte Regeln. Der Verlust jeglicher Ordnung und Zurückhaltung lässt jene Bestien entstehen, die Burke so farbenfroh auftreten lässt.
Mitternachtsstimmung auch am hellen Tag
Wie schlägt sich Clete Purcel als Hauptfigur und Ich-Erzähler? Wacker, aber nicht annähernd so gut wie sein Kumpel Dave Robicheaux, der nicht grundlos in 24 Romanen das Wort führte. Ungeachtet der Wertigkeit, die Clete in Daves Dasein bedeutet, ist er doch ein typischer „Sidekick“, der dem Helden in Notlagen zur Seite steht, die Pausen zwischen Turbulenz-Szenen mit meist politisch unkorrekten Scherzen oder aberwitzigen Gewaltattacken füllt und im Off verschwindet, sobald er für das Zentralgeschehen überflüssig wird.
Clete Purcel kam bisher zum Einsatz, wenn dem Recht auf eine Weise zum Durchbruch - dieses Wort wird hier absichtlich benutzt - verholfen werden sollte, dies jedoch auf eine brachiale Weise geschehen ‚musste‘, die Kerben in der Robicheaux-Rüstung hinterlassen würde. Zwar fasst auch er die Strolche seiner Welt nicht mit Samthandschuhen an, doch als Leser wusste man, dass die ganz grobe Kelle erst geschwungen wird, sobald Clete und Dave Seite an Seite in einen Gangsterkrieg ziehen, den sie auf keinen Fall überleben können, in dem sie aber doch stets siegen werden.
Es ist ein Risiko, charakterlich limitierte Figuren ins Zentrum zu stellen. Nun öffnet also Clete sein Herz, und zum Vorschein kommt - wer hätte es nicht gewusst? - ein Pfundskerl und Teddybär, der Schufte nur deshalb so unnachsichtig straft, weil ihm ob deren Taten die Seele so drückt. Hinzu kommen weitere Erinnerungen und Traumata, die bisher nicht störten, weil Clete solche Anwandlungen (glücklicherweise) in seinem Hirn verbarg und die Leser nicht mit ihnen nervte. Nein, den ‚netten‘ Clete müssen wir nicht kennen, und der als Denker gut eingeführte Dave wirkt eher unauffällig, wenn wir an seinen Gedanken nicht teilhaben können. Hinzu kommt ein Finale, in dem sich Burke um die Entladung des dämonisch aufgeladenen Plots drückt bzw. sich hilflos an einer Definition des „banalen Bösen“ versucht: Vielleicht trifft zu, worüber er selbst in seinem Nachwort sinniert - dass irgendwann „das eigene Talent wie ein Ballon aus dem Fenster schwebt“.
Fazit
‚Nachklapp‘ zu einer vielbändigen, literaturkritisch hoch geschätzten Serie, der den besten Freund des Helden zur Hauptfigur ernennt. Die bekannte Südstaaten-Szenerie bleibt erhalten, auch sonst gibt es nichts Neues. Man kann dies beklagen oder das Bewährte schätzen; formal lässt das Werk jedoch nichts zu wünschen übrig.

James Lee Burke, Pendragon




















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