Sturm über New Orleans

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • New York: Simon & Schuster, 2007, Titel: 'The Tin Roof Blowdown', Originalsprache
  • Bielefeld: Pendragon, 2015, Seiten: 576, Übersetzt: Georg Schmidt, Bemerkung: Mit einem Nachwort von Oliver Huzly
  • München: Heyne, 2017, Seiten: 576

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Jürgen Priester
Keine Ruhe nach dem Sturm

Buch-Rezension von Jürgen Priester Feb 2015

Ob im TV, Kino oder in der Literatur Serien oder Mehrteiler sind beliebt beim Publikum, insbesondere bei den Krimifans. Es gibt keine zweite Kategorie in der Unterhaltungsbranche, in der mehr Reihen mit einem relativ festen Stammpersonal veröffentlicht werden als im Krimi- und Thrillergenre. Manche dieser Reihen sind von Anfang an erfolgreich, weil sie den aktuellen Geschmack des Publikums treffen. Bei manchen dauert es etwas länger, bis sie sich durchsetzen können; andere schaffen es nie, weil es ihnen an Qualität mangelt. Und es gibt die Reihen, die trotz höchster Qualität Geheimtipps blieben/bleiben. Zu letzteren gehört die Dave-Robicheaux-Reihe des Amerikaners James Lee Burke.

Burke begann die Reihe 1987 mit Neonregen und hat es bis dato auf stolze 20 Folgen gebracht. In deutscher Übersetzung lagen bis 2003 die ersten zwölf Bände vor (Ausnahme: Band 7- "Dixie City Jam"). Es folgten keine weiteren Übersetzungen aus welchen Gründen auch immer. Unter Kennern war die hervorragende Reihe über die Jahre im Gespräch und das Bedauern über ausbleibende Übersetzungen groß. Zwölf Jahre sollten vergehen, bis sich im Herbst des letzten Jahres eine Wiederbelebung von Burkes Werk ankündigte. In der Heyne-Hardcore-Reihe erschien Regengötter ("Rain Gods", 2009), ein Huckberry-Holland-Roman, der stante pede mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurde.

Nun geht es auch mit der Dave-Robicheaux-Reihe weiter. Neben der hartnäckigen Nachfrage einiger Leser haben wir es Günther Butkus, dem Chef des Bielefelder Pendragon-Verlags, zu verdanken, dass jetzt Band 16 "The Tin Roof Blowdown" (2007) als Sturm über New Orleans vorliegt. Warum gerade dieser Band und nicht chronologisch weiter? - fragten Leser im Krimi-Couch-Forum. Der Verleger antwortete in einer Mail, dass er sich mit Burke-Kennern, Übersetzern, Buchhändlern und Kritikern beraten habe, um den Roman mit dem größten Potenzial für ein deutsches Publikum zu wählen, denn der Erfolg dieses Romans sei wesentlich für weitere Planungen. (Wir Leser haben es in der Hand.) Auf jeden Fall wird es diesen Herbst eine Neuauflage des ultra-raren Debüts Neonregen geben.

Es mag Bedenken geben, dass es nicht besonders sinnvoll ist, mitten in eine Serie einzusteigen. Aber auch hier ist der vorliegende Roman gut ausgewählt, weil der Autor mit minimalem Stammpersonal arbeitet. Das sind Dave Robicheaux himself, seine Frau Molly, Adoptivtochter Alafair und der Ex-Cop und Freund aus alten Tagen Cletus Purcel. Außerdem ist die Handlung sehr eigenständig, weil sie sich um ein konkretes Ereignis rankt.

Es ist Spätsommer 2005. Nach vielen Stationen eines bewegten privaten und beruflichen Lebens wohnt Detective Dave Robicheaux in New Iberia, einer Kleinstadt im südlichen Louisiana, gerade zwei Autostunden von seiner ehemaligen Wirkungsstätte New Orleans entfernt. Als Ermittler im örtlichen Sheriff-Büro genießt er ein eher beschauliches Leben, doch das Unheil dräut am südlichen Horizont, im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Hurrican der Kategorie 5, der unter dem Namen Katrina in die Geschichte der USA eingehen wird, bewegt sich auf die Golfküste zu. Am 29. August trifft er leicht abgeschwächt, dennoch mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 200 km/h auf Land. Die Stadt New Orleans, die zu weiten Teilen unterhalb des Meeresspiegel gelegen ist, wird überflutet. Über Jahre entstandene Defizite bei der Sanierung und dem Ausbau der Deichsysteme führen zu katastrophalen Auswirkungen. Millionen Menschen müssen evakuiert werden; fast 2.000 verlieren ihr Leben. Es herrscht Chaos.

Im Rahmen der Amtshilfe werden Polizeikräfte aus allen umliegenden Landesteilen nach New Orleans beordert. Dave Robicheaux soll sich um die Aufklärung einer nächtlichen Schießerei kümmern, bei der ein schwarzer Jugendlicher tödlich getroffen, ein weiterer schwer verletzt wurde. Die beiden waren zusammen mit zwei Kumpels auf Diebestour. Die von ihren Bewohnern verlassenen, teilweise schlecht gesicherten Häuser waren eine leichte Beute für das Quartett. Schon mit einer üblen Vorgeschichte (Vergewaltigung) belastet werden die Vier Kristallisationspunkt für weitere Gewalttaten, die sie selbst begehen oder die ihnen angetan werden. Wir sprechen hier von Mord, Totschlag, Entführung und Folter. Die letzte Adresse, die sie auf ihrem Beutezug heimsuchten, war eine falsche gewesen – das Haus gehörte einem "seriösen" Geschäftsmann mit Kontakten zum Organisierten Verbrechen.
Dave Robicheaux weiß nicht so recht, in welche Richtung er ermitteln soll. Viele Dinge geschehen gleichzeitig und sind, wie sich später immer wieder herausstellt, miteinander verwoben. Daves Handeln wirkt unentschlossen, fast schon apathisch. Möglicherweise fühlt er sich von den Auswirkungen der Naturkatastrophe überrollt. Sein gewohntes Engagement kehrt erst zurück, als das Verbrechen seine Stadt (New Iberia) erreicht und seine Familie bedroht.

Die Dave-Robicheaux-Reihe zählt wie auch die anderen Werke des Autors zur "hardboiled crime-fiction". Dieses Subgenre der Spannungsliteratur, schwerpunktmäßig in den USA beheimatet, geht auf den recht unbekannten Carroll John Daly zurück. Es ist müßig, all die Autoren aufzuführen, die in der Folgezeit ihre Hardboiled Detectives auf Verbrecherjagd schickten. Auch soll hier nicht über alle Ingredienzien eines Hardboiled-Krimis diskutiert werden. Nur, alle Autoren fanden ihre Themen auf der Straße oder lasen sie in den Zeitungen. Sie waren/sind Chronisten ihrer jeweiligen Zeit und betrachten die Gesellschaft aus einem speziellen Blickwinkel. Ihr Blick richtet sich nicht auf die "sunny side of life", sondern auf die Ecken, die eine Gemeinschaft lieber verstecken würde.

Diese kritische Weltsicht hat auch James Lee Burke in seinen Romanen. Wenn man seinem Helden über viele Jahre folgt, vergisst man, dass dieser Dave Robicheaux eine Kunstfigur ist und nicht eine Person der Realität, die aus ihrem Tagebuch berichtet. Der US-amerikanische Alltag ist dermaßen von Gewalt geprägt, dass es sich für einen Autor erübrigt, Straftaten zu erfinden. Gewaltbereitschaft und Gewaltanwendung können steigen, wenn Menschen sich in lebensbedrohlichen Situationen befinden. So kommt es in Sturm über New Orleans zu einer Verkettung von Verbrechen, die den besonderen Umständen geschuldet ist.

James Lee Burke ist ein großer amerikanischer Erzähler. Ihn "nur" als Krimi-Autor zu klassifizieren, wird ihm nicht gerecht. Mit dieser Prämisse ist Sturm über New Orleans mehr hardboiled novel als hardboiled crime-fiction. Wie Burke in seinem Grußwort an die deutsche Leserschaft schreibt, bot der Roman auch die Gelegenheit, seine Gedanken und Gefühle, inklusive seiner Wut, die er vor, während und nach "Katrina" empfunden hat, zu verarbeiten. Er tut das eher dezent; manchmal nur in Nebensätzen. Man wünschte, er wäre in einigen Dingen deutlicher geworden, weil man in Deutschland wenig über Hintergründe informiert wurde. So wissen sicher die wenigsten, dass die späte oder unzureichende Hilfe seitens der staatlichen Stellen nicht nur auf Unfähigkeit zurückzuführen war, sondern dass Methode dahinter steckte. Wenn Jahre später auf Deutschlandradio Kultur zu lesen ist, dass "New Orleans wohlhabender und weißer geworden ist", weiß man, was der Plan damals war – Privatisierung der Daseinsvorsorge und Gentrifizierung der city-nahen Stadtteile. Betroffen davon war vornehmlich die schwarze Bevölkerung. Näheres kann man bei Naomi Klein (Die Schocktherapie) nachlesen.

Sturm über New Orleans ist ein lebendiges Zeitgemälde, das Gesellschaftsroman, Krimi und Epos beinhaltet. Absolut lesenswert!

Sturm über New Orleans

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Letzte Kommentare:
18.09.2015 19:25:35
john

Ein Typ, mit dem man sich öfter als einen Abend treffen kann und der einen nicht mit aufgesetzter Kühnheit und unsensibler Härte nervt. Einfach mit ihm am Tresen hängen, kein Satz zuviel, auch wenn er nur an seinem verdammten Dr. Pepper nuckelt - ein cooler Typ, dieser Dave Robicheaux. Naomi Klein "Schock Strategie" heißt der Titel und Danke für die Erwähnung dieses wichtigen Titels.

08.08.2015 19:22:09
Heino Bosselmann

Heino Bosselmann

Verbrechen im Sturm

Der apokalyptische Hurrikan Katrina stellt in New Orleans die Welt auf den Kopf, und so öffnet sich die Hölle.

Der Charme des Erzählens von James Lee Burke und seiner einschlägige Kollegen vom Hardboiled-Genre liegt in geradezu körperhaft gegenwärtiger Plastizität von Personen und Ereignissen. Die wiederum gründet im bevorzugten Milieu des Erzählten, in Schauplätzen, die dem Recht und dem Zugriff der Exekutive entzogen sind. Wie Justiz und Behörden sich nicht mehr zu behaupten wissen, wo also der Staat dysfunktional ist, dort entgrenzt und entartet der Mensch, gewissermaßen ähnlich der Natur in der Katastrophe. Im gleichfalls hervorragenden Roman „Regengötter“ war der Staat der Ödnis der texanischen Grenzregion zu weit entfernt; es bleib nur der Sheriff, der der Gewalt gegenüberstand, ganz existentialistisch.

Hier, in „Sturm über New Orleans“, ist die Zivilisation durch den Hurrikan paralysiert. Die in Überlebensnot geratenen Menschen fallen in eine Art hobbesianischen Naturzustand zurück: Bellum omnium contra omnes.

Ein Trupp junger Schwarzer, moralisch aus Gründen ihrer Sozialisation weitgehend degeneriert, nutzt das Unwetter, um auf Plünderungen schnelle Beute zu machen und geht dabei so skrupellos und brutal wie dilettantisch vor. Abgesehen davon, dass Unschuldige sterben, wird auch noch der Falsche beraubt, und die Kids sind schließlich mit so heißer Ware unterwegs, dass sie selbst von brutalen Vollprofis verfolgt werden, denen nichts Unmenschliches fremd ist. Um diesem Kern entwickelt sich das Geschehen – wie stets von James Lee Burke nicht nur filmreif und mit höchster Beschreibungspräzision spannend erzählt, sondern gleichfalls als Versuch angelegt, das Unheimliche und Perverse anthropologisch zu fassen oder wenigstens zu illustrieren.

An der Seite von Detective Dave Robicheaux, „dem gezeichneten Ex-und-immer-wieder-Cop, Mehrfach-Witwer und penetrant passiv-aggressivem Ex-Alki“ (Oliver Huzly), kämpft dessen treuer Kumpel Clete Purcel, ‚fleischgewordenes Es in reinster Freud’scher Form, eine menschliche Abrissbirne mit einem fatalen Sinn für Gerechtigkeit“.

Neben dem Beispiel des gerechten Amerikaners, der neben seinen Werten zu seiner Familie steht, gerade wenn er gleich Hiob alles verliert – der wackere Versicherungsagent Otis Baylor –, gibt es die pathologischen Horrorgestalten in Caprichos der Gewalt, allen voran der zunächst nur ominös wirkende, sich dann aber als pervers entpuppende falsche Privatdetektiv Ronald Bledsoe, schon seiner Physiognomie nach ein Schulbeispiel für die „Ästhetik des Hässlichen.“

Bei aller Spannung der drängenden Handlung gelingt es Burke, lebensweise Aphorismen einzustreuen und verdichtete lebensphilosophische Betrachtungen anzustellen. Alle Figuren sind psychologisch diffizil und glaubwürdig gezeichnet; nichts wirkt schablonenhaft, alle Sätze klingen frisch und unverbraucht. Große Meisterschaft, hochklassige Kriminalliteratur, auch wenn der Schwerpunkt mit sozialkritischem Akzent eher auf der Schilderung des Milieus als auf der Darstellung des Detektivischen liegt. Bedient werden die ganz großen Themen in ihrer mythischen Kraft: Schicksal und Freiheit, Erfolg und Niederlage, somit Gewinn und Verlust, Schuld und Vergebung. Den Hintergrund bilden die in der Katastrophe freigesetzte menschliche Triebnatur und deren Süchte, der Egoismus als Grundprinzip amerikanischen Selbstverständnisses, die alten, nicht vernarbenden furchtbaren Wunden des Südens als Ort von Sklaverei, Entwürdigung und schweren Verbrechen am Nächsten.

Ich war skeptisch, ob ein konkretes Katastrophenereignis wie der Hurrikan Katrina von 2005 die Kulisse für einen fiktiven Krimi abgeben kann oder ob das alles dann nicht scheindokumentarisch klingt. Fiktiv? Fiktional? Wir wissen ja: Das alles, die Abgründe des Verbrechens, ist möglich, ja mag die Fiktion vielfach überholt haben.

Und ich weiß endlich, was Pecanbäume, immergrüne Eichen und Poorboy-Sandwiches sind.

26.06.2015 08:15:46
Janko

Die Erwartungshaltung ist groß, wird bei "Sturm über New Orleans" doch generell von Meisterwerk und "sucht seines gleichen" gesprochen. Viel Hype im Voraus und das zu Recht. Das ist selten, aber doch möglich, wie man anhand der (leider) seit Jahren nicht mehr veröffentlichten James Lee Burke Romane sehen kann. Der Autor beschreibt eine gefühlskalte, verwahrloste Welt, die erbarmungslos ihre Opfer frisst, restlos zerkaut und den rotgefärbten Speichel achtlos in irgendeine Ecke rotzt. Recht flüssig zu lesender Stoff, eine lebendige, bildreiche, zugleich kompromisslose Erzählweise und viele schräge Charaktere. Das sind in erster Linie die Hauptattribute, die „Sturm über New Orleans“ ausmachen. Der „Dave Robicheaux Thriller“, der 2015 im Pendragon Verlag erschienen ist, verspricht Kopfkino pur. Leider kommt es gerade zu Anfang und auch in der Mitte des Buches immer wieder zu abgehackten Szenenwechseln, die durchaus in der Lage sind, Verwirrung unter der potentiellen Leserschaft zu stiften, deren Lesefluss hin und wieder ein wenig zu hemmen und an mancher Stelle gar anstrengend zu werden. Die Story an sich ist kurz nach der Katastrophe im Jahre 2005, als Wirbelsturm Katrina unter anderem über New Orleans und große Flächen Louisianas hinweggefegt ist und dort riesige Flächen überflutete, angelegt. Plünderungen, Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung. Sogar Teile der Ordnungsmacht sind daran beteiligt. Mitten hinein platzen vier junge Schwarze, die nach einem Raubzug angeschossen und teils tödlich, teils schwer verletzt werden. Wen Sie da ausgeraubt haben und wer da auf sie geschossen hat, darum entspinnt sich eine äußerst facettenreiche, vielschichtige und von Spannung getragene Geschichte. Man hat das Gefühl vor Ort zu sein, die Hitze zu spüren und den Gestank zu riechen. Das hat so etwas Endgültiges, Trostloses. Aber wie sollte es auch in einer solchen Situation anders sein. Dabei hat James Lee Burke allerdings auch immer ein fettes Pfund Humor oder besser gesagt Sarkasmus in der Hinterhand, welchen er mit Bedacht und an den Richtigen Stellen ausstreut. Besonders gut gefallen hat mir dieser Auszug aus einem Dialog zwischen Purcel und einem Mafia Kleinganoven:
„Hey, Purcel, dein Cabrio sieht aus, als ob es Herpes hat, sagte der andere Mann.“
„Yeah, ich weiß. Ich hab deiner Schwester gesagt, sie soll sich nicht draufsetzen. Aber was will man machen?“…
Die Geschichte jedenfalls wird in ihrem Verlauf immer interessanter in Szene gesetzt und nimmt im letzten Drittel noch mal so richtig Fahrt auf. Dave Robicheaux und seine etwas unkonventionellen Ermittlungsmethoden lassen selbigen menschlich und nachvollziehbar erscheinen. Tolle Story. Eigentlich alles richtig gemacht Herr Burke!
Meine Wertung: 88/100

08.06.2015 20:07:33
ffb76

Nach dem hohen Lob in einigen Rezensionen hatte ich mir von "Sturm über New Orleans" ein wenig mehr versprochen. Personen und Handlung sind überschaubar, was natürlich zunächst nichts Schlechtes bedeuten muss. Der Aktionsradius von Burkes Protagonisten erschöpft sich jedoch in Verdächtigungen, Mutmaßungen und gegenseitigem Belauern, wodurch die Geschichte 570 Seiten nur um sich selbst kreist. Das ist mir für ein Roman diesen Umfangs zu wenig.
Zudem kommt auch Burke im Beziehungsgeflecht seiner Personen nicht um unglaubliche Zufälle herum, wodurch man irgendwann den Eindruck gewinnt, dass New Orleans und ganz Louisiana ein Dorf sein muss.

Richtig punkten kann James Lee Burke durch seine bereits oft gelobte bildgewaltige Sprache, so dass Lesen zu einem beinahe physischen Ereignis wird. Leider neigt er hin und wieder zu Wiederholungen, wodurch man irgendwann zu der Auffassung kommt, dass die Vegetation Louisianas hauptsächlich aus "immergrünen Eichen" besteht und das Lieblings-Schimpfwort der Amerikaner "Arschgeige" ist.

Ohne den amerikanischen Originaltext zu kennen, glaube ich, dass die Übersetzung recht gelungen ist. Allerdings hätte man darauf verzichten sollen, den Slang in einigen Dialogen ins Deutsche zu übertragen. Dieser wirkt in der Übersetzung nicht authentisch, wodurch einige Passagen einen nervigen Beigeschmack erhalten.

19.05.2015 11:06:44
Banon

Wohl kein anderer Autor im Krimi-Genre beschreibt die Orte des Geschehens so lebendig und greifbar nah, wie James Lee Burke.
Als Leser entwickelt man in seinen Romanen ein genaues Bild von Landschaften und Wetterlagen, Farben oder Formen. Man spürt den Wind oder die Sonne auf der Haut, die Düfte und Gerüche kitzeln einem in der Nase. Ob nun angenehm oder eher abstossend, James Lee Burke findet genau die Worte, die dem Leser einen unvergleichen Eindruck der Szenerie geben. Dass das der Autor ohne seitenlange Beschreibungen schafft, ist die große Leistung von James Lee Burke.

In "Sturm über New Orleans" gibt es nicht nur idylische Südstaaten-Romantik, sondern auch das Bild einer Katastophe zu besichtigen. Welche Auswirkungen der Hurrikan Katrina auf die Stadt New Orleans hatte, und vorallem wie die Menschen nach der verheerenden Naturgewalt ihrem Schicksal überlassen waren, ist das Thema dieses Romans. Eine aufgelöste Zivilisation, die zurück in die menschliche Anarchie gerät, weil die Behörden Vorort völlig überfordert sind und die Hilfe von auswärts nicht erfolgt. Der Autor geht mit diesem Sündenfall der amerikanischen Geschichte hart ins Gericht. Mehrmals wird dies in diesem Buch deutlich.

Das es in dieser Lage zu kriminellen Übergriffen kommt, ist keine Frage, sondern traurige Wahrheit. James Lee Burke schickt seinen eigenwilligen Charakter Dave Robicheaux in eine ganze Reihe von Geschichten, die sich für ihn nur schwer auflösen. Als Leser braucht man etwas Geduld, da sich die einzelnen Handlungsstränge immer wieder abwechseln oder übereinander lagern.
Belohnt wird man in diesem Fall mit einem besonders stimmungsvollen Krimi, der die jüngere amerikanische Gegenwart kritisch dokumentiert. Ein echtes Highlight!

10.05.2015 13:12:41
Hermann Maier

ich kann mich dem nur anschliessen und verstehe irgendwie nicht dass dieser Autor mir über Jahre völlig unbekannt war.

Ich bin vor zwei Jahren über Regengötter auf Burke gestossen und war, wenn auch die story ziemlich langatmig war, sofort von seiner bildgewaltigen Sprache fasziniert - genau so stelle ich mir Kino im Kopf vor.
Nach "Black Cherry Blues" war ich ein Burke-addict und ich begann speziell die Robicheaux Reihe von Beginn an zu lesen - mittlerweile bin ich ich bei Band 9 "Nacht über dem Bayou" - natürlich lese ich auch andere Autoren dazwischen.

Dazwischen passiert es mir aber immer wieder dass ich auf neuere Weke wie dieses hier stosse, und kann dann einfach nicht widerstehen sie zu kaufen, auch wenn ich damit den Erzählfaden von Robicheaux's story etwas durchbreche.
Alle Bücher sind gottseidank aber in sich storymässig so abgeschlossen, dass dies dem grossartigen Lesevergnügen keinen Abbruch tut.

Vor kurzem habe ich mir auch schon den neuesten Robicheaux "light of the world" von amazon.com geholt, weil es wieder in Montana spielt, wo mich schon "Black Cherry Blues" angefixt hat.

Ich hoffe dass die deutschen Verlage sich endlich wirklich besinnen und von diesem grossartigen Autor bald alle Werke veröffentlichen.

09.05.2015 00:58:56
Andreas Bartram

Gar keine Frage, es ist unverständlich, warum diese Reihe nicht fortgesetzt wird???Die Geschichten sind wie ein Sog, ein Tornado, dem man nicht entkommen kann.Dave, Alafair, Cletus und nicht zuletzt Batist, sein schwarzer Helfer im Angelladen werden zu Nachbarn, zu vertrauten Gesichtern.Ich habe den neuen Robicheaux schon länger, warte aber noch mit dem Lesen, da ich den Genuss noch steigern will. Man weiß ja nie, wann es etwas Neues gibt.Dazu kommt noch die grandiose Sprache, man sieht die Bayous, hört die Ochsenfrösche, schmeckt das Gumbo und riecht die aufplatzenden Sumpfblumen.Sie sollten kein Buch verpassen.

20.04.2015 10:47:20
Pontifex Maximus

Hab die ersten 200 Seiten gelesen. Ist erst mein zweiter Burke Krimi nach "Regengötter". Entgegen der hochlobenden Kommentare hier bin ich bis dato allerdings weniger begeistert. Finde das Buch sehr zäh und die Geschichte bislang weder besonders spannend noch gut erzählt. Es ist ein Epos, gar keine Frage. Für mich jedoch im negativen Sinne.

23.03.2015 15:18:04
manni

Episch breit angelegter Burke (Robicheaux) Kriminal-Roman, der Autor läßt sich Zeit die Charaktere liebevoll zu entwickeln, auch die der Bösewichter oder vom Weg abgekommenen. Lesegenuss aus einem Guss! Burke schreibt in der ersten Liga (Winslow,Lehane, Connely, Ellroy) 85°! Das die Burke Krimis nicht kontinuierlich in deutscher Ausgabe erscheinen ist mir ein Rätsel. Aber es soll sich ja laut Klappentext ändern. Wenn man die Serie vom ersten Buch an miterlebt hat kann man sich der Magie dieses Autors nicht entziehen. Unbedingt von Anfang an lesen, es ist wirklich spannend und dramatisch !

11.03.2015 10:02:32
Anfangsverdacht

Ich lese James Lee Burke seit 1991. Neonregen ist in seiner Dichte Psychopathentums betreffend unerreicht. Die Beschreibung der Landschaft, des Regens, der Gewitter bezwingend. Heimat und Sehnsucht stellen sich gleichzeitig ein. Mann liebt, begehrt die Frauen der ersten beiden Romane. Und die Helden mit dem Hang zum verfuschten Leben entzücken.
Es stellte sich dann zwischen Flamingo und Weißes Leuchten ein zarter Verdruß ein.
Der führte zu einer jahrelangen Pause, die sich wiederum als Fehler entpuppte als ich die Romane dann weiter in ihrer Chronologie endlich las.
Goldmann gab auf und ich war wieder da und ensetzt. Dieser Verlag war ja unfähig den Autor würdig zu vertreten in Deutschland. Bayou, Bayou, Mangroven, Mangroven, Delta, Delta und auch dementsprechend blöde, stupide Cover.
Ich wich aus auf die Website. Sah, oh, er schreibt unverdrossen, gut, auch über Katrina und New Orleans Untergang.
Fühlte seinen Zorn und mich beschlich dabei ein ungutes Gefühl.
Nun ist der Roman übersetzt und bei Pendragon erschienen.
Handelt der Roman von Katrina, der Urgewalt dieses Sturms? Nein, der Autor lehnt es ab, schreibt dazu einen Satz, der mich mitnichten überzeugt. Hat er zuviele Filmberichte, Videos damals gesehen? Vertraut er seiner Sprache nicht? Wären es dann 1000 Seiten geworden?
Dass die Administration, ja George Bush persönlich an seinen Umgang mit Katrina und New Orleans scheiterte, eine Szene, ein, zwei Sätze über zurückgeführte Deichbauschutzprogramme. Das ist faul und peinlich.
Die Auswirkungen für das Leben in der Stadt und Louisiana bekommt er hin.
Aber nicht mehr.
Vom Tableau der Menschen her ist dieser Roman dennoch gut bis herausragend,
aber: Nicht nur George Bush ist an Katrina und New Orleans gescheitert.