Sturm über New Orleans

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • New York: Simon & Schuster, 2007, Titel: 'The Tin Roof Blowdown', Originalsprache
  • Bielefeld: Pendragon, 2015, Seiten: 576, Übersetzt: Georg Schmidt, Bemerkung: Mit einem Nachwort von Oliver Huzly
  • München: Heyne, 2017, Seiten: 576

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Jürgen Priester
Keine Ruhe nach dem Sturm

Buch-Rezension von Jürgen Priester Feb 2015

Ob im TV, Kino oder in der Literatur Serien oder Mehrteiler sind beliebt beim Publikum, insbesondere bei den Krimifans. Es gibt keine zweite Kategorie in der Unterhaltungsbranche, in der mehr Reihen mit einem relativ festen Stammpersonal veröffentlicht werden als im Krimi- und Thrillergenre. Manche dieser Reihen sind von Anfang an erfolgreich, weil sie den aktuellen Geschmack des Publikums treffen. Bei manchen dauert es etwas länger, bis sie sich durchsetzen können; andere schaffen es nie, weil es ihnen an Qualität mangelt. Und es gibt die Reihen, die trotz höchster Qualität Geheimtipps blieben/bleiben. Zu letzteren gehört die Dave-Robicheaux-Reihe des Amerikaners James Lee Burke.

Burke begann die Reihe 1987 mit Neonregen und hat es bis dato auf stolze 20 Folgen gebracht. In deutscher Übersetzung lagen bis 2003 die ersten zwölf Bände vor (Ausnahme: Band 7- "Dixie City Jam"). Es folgten keine weiteren Übersetzungen aus welchen Gründen auch immer. Unter Kennern war die hervorragende Reihe über die Jahre im Gespräch und das Bedauern über ausbleibende Übersetzungen groß. Zwölf Jahre sollten vergehen, bis sich im Herbst des letzten Jahres eine Wiederbelebung von Burkes Werk ankündigte. In der Heyne-Hardcore-Reihe erschien Regengötter ("Rain Gods", 2009), ein Huckberry-Holland-Roman, der stante pede mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet wurde.

Nun geht es auch mit der Dave-Robicheaux-Reihe weiter. Neben der hartnäckigen Nachfrage einiger Leser haben wir es Günther Butkus, dem Chef des Bielefelder Pendragon-Verlags, zu verdanken, dass jetzt Band 16 "The Tin Roof Blowdown" (2007) als Sturm über New Orleans vorliegt. Warum gerade dieser Band und nicht chronologisch weiter? - fragten Leser im Krimi-Couch-Forum. Der Verleger antwortete in einer Mail, dass er sich mit Burke-Kennern, Übersetzern, Buchhändlern und Kritikern beraten habe, um den Roman mit dem größten Potenzial für ein deutsches Publikum zu wählen, denn der Erfolg dieses Romans sei wesentlich für weitere Planungen. (Wir Leser haben es in der Hand.) Auf jeden Fall wird es diesen Herbst eine Neuauflage des ultra-raren Debüts Neonregen geben.

Es mag Bedenken geben, dass es nicht besonders sinnvoll ist, mitten in eine Serie einzusteigen. Aber auch hier ist der vorliegende Roman gut ausgewählt, weil der Autor mit minimalem Stammpersonal arbeitet. Das sind Dave Robicheaux himself, seine Frau Molly, Adoptivtochter Alafair und der Ex-Cop und Freund aus alten Tagen Cletus Purcel. Außerdem ist die Handlung sehr eigenständig, weil sie sich um ein konkretes Ereignis rankt.

Es ist Spätsommer 2005. Nach vielen Stationen eines bewegten privaten und beruflichen Lebens wohnt Detective Dave Robicheaux in New Iberia, einer Kleinstadt im südlichen Louisiana, gerade zwei Autostunden von seiner ehemaligen Wirkungsstätte New Orleans entfernt. Als Ermittler im örtlichen Sheriff-Büro genießt er ein eher beschauliches Leben, doch das Unheil dräut am südlichen Horizont, im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Hurrican der Kategorie 5, der unter dem Namen Katrina in die Geschichte der USA eingehen wird, bewegt sich auf die Golfküste zu. Am 29. August trifft er leicht abgeschwächt, dennoch mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 200 km/h auf Land. Die Stadt New Orleans, die zu weiten Teilen unterhalb des Meeresspiegel gelegen ist, wird überflutet. Über Jahre entstandene Defizite bei der Sanierung und dem Ausbau der Deichsysteme führen zu katastrophalen Auswirkungen. Millionen Menschen müssen evakuiert werden; fast 2.000 verlieren ihr Leben. Es herrscht Chaos.

Im Rahmen der Amtshilfe werden Polizeikräfte aus allen umliegenden Landesteilen nach New Orleans beordert. Dave Robicheaux soll sich um die Aufklärung einer nächtlichen Schießerei kümmern, bei der ein schwarzer Jugendlicher tödlich getroffen, ein weiterer schwer verletzt wurde. Die beiden waren zusammen mit zwei Kumpels auf Diebestour. Die von ihren Bewohnern verlassenen, teilweise schlecht gesicherten Häuser waren eine leichte Beute für das Quartett. Schon mit einer üblen Vorgeschichte (Vergewaltigung) belastet werden die Vier Kristallisationspunkt für weitere Gewalttaten, die sie selbst begehen oder die ihnen angetan werden. Wir sprechen hier von Mord, Totschlag, Entführung und Folter. Die letzte Adresse, die sie auf ihrem Beutezug heimsuchten, war eine falsche gewesen – das Haus gehörte einem "seriösen" Geschäftsmann mit Kontakten zum Organisierten Verbrechen.
Dave Robicheaux weiß nicht so recht, in welche Richtung er ermitteln soll. Viele Dinge geschehen gleichzeitig und sind, wie sich später immer wieder herausstellt, miteinander verwoben. Daves Handeln wirkt unentschlossen, fast schon apathisch. Möglicherweise fühlt er sich von den Auswirkungen der Naturkatastrophe überrollt. Sein gewohntes Engagement kehrt erst zurück, als das Verbrechen seine Stadt (New Iberia) erreicht und seine Familie bedroht.

Die Dave-Robicheaux-Reihe zählt wie auch die anderen Werke des Autors zur "hardboiled crime-fiction". Dieses Subgenre der Spannungsliteratur, schwerpunktmäßig in den USA beheimatet, geht auf den recht unbekannten Carroll John Daly zurück. Es ist müßig, all die Autoren aufzuführen, die in der Folgezeit ihre Hardboiled Detectives auf Verbrecherjagd schickten. Auch soll hier nicht über alle Ingredienzien eines Hardboiled-Krimis diskutiert werden. Nur, alle Autoren fanden ihre Themen auf der Straße oder lasen sie in den Zeitungen. Sie waren/sind Chronisten ihrer jeweiligen Zeit und betrachten die Gesellschaft aus einem speziellen Blickwinkel. Ihr Blick richtet sich nicht auf die "sunny side of life", sondern auf die Ecken, die eine Gemeinschaft lieber verstecken würde.

Diese kritische Weltsicht hat auch James Lee Burke in seinen Romanen. Wenn man seinem Helden über viele Jahre folgt, vergisst man, dass dieser Dave Robicheaux eine Kunstfigur ist und nicht eine Person der Realität, die aus ihrem Tagebuch berichtet. Der US-amerikanische Alltag ist dermaßen von Gewalt geprägt, dass es sich für einen Autor erübrigt, Straftaten zu erfinden. Gewaltbereitschaft und Gewaltanwendung können steigen, wenn Menschen sich in lebensbedrohlichen Situationen befinden. So kommt es in Sturm über New Orleans zu einer Verkettung von Verbrechen, die den besonderen Umständen geschuldet ist.

James Lee Burke ist ein großer amerikanischer Erzähler. Ihn "nur" als Krimi-Autor zu klassifizieren, wird ihm nicht gerecht. Mit dieser Prämisse ist Sturm über New Orleans mehr hardboiled novel als hardboiled crime-fiction. Wie Burke in seinem Grußwort an die deutsche Leserschaft schreibt, bot der Roman auch die Gelegenheit, seine Gedanken und Gefühle, inklusive seiner Wut, die er vor, während und nach "Katrina" empfunden hat, zu verarbeiten. Er tut das eher dezent; manchmal nur in Nebensätzen. Man wünschte, er wäre in einigen Dingen deutlicher geworden, weil man in Deutschland wenig über Hintergründe informiert wurde. So wissen sicher die wenigsten, dass die späte oder unzureichende Hilfe seitens der staatlichen Stellen nicht nur auf Unfähigkeit zurückzuführen war, sondern dass Methode dahinter steckte. Wenn Jahre später auf Deutschlandradio Kultur zu lesen ist, dass "New Orleans wohlhabender und weißer geworden ist", weiß man, was der Plan damals war – Privatisierung der Daseinsvorsorge und Gentrifizierung der city-nahen Stadtteile. Betroffen davon war vornehmlich die schwarze Bevölkerung. Näheres kann man bei Naomi Klein (Die Schocktherapie) nachlesen.

Sturm über New Orleans ist ein lebendiges Zeitgemälde, das Gesellschaftsroman, Krimi und Epos beinhaltet. Absolut lesenswert!

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