Weißes Leuchten

Erschienen: Januar 1994

Bibliographische Angaben

  • Bielefeld: Pendragon, 2017, Seiten: 496
  • New York: Hyperion, 1992, Titel: 'A Stained White Radiance', Seiten: 305, Originalsprache
  • München: Goldmann, 1994, Seiten: 377, Übersetzt: Oliver Huzly

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Michael Drewniok
Schwüle Rache mit vielen Leichen

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2003

New Iberia, ein kleiner Ort US-Staat Louisiana, gar nicht weit von New Orleans gelegen und doch ein abgeschiedenes Fleckchen in den tropischen Sumpfwäldern, die diesen Teil der Südstaaten prägen. Tropisch ist das Klima, heißblütig die Bevölkerung. Fast anderthalb Jahrhunderte nach dem Bürgerkrieg scheint sich nur wenig geändert zu haben. Bigotterie, Hinterwäldlertum, Korruption

und Rassendiskriminierung prägen weiterhin den Alltag. Die Waffen sitzen locker, die Nerven liegen in der schwülen Hitze schnell blank. Das moderne Verbrechen hat sich problemlos in die alten Strukturen integriert. Die Mafia ist präsent, sie schätzt Louisiana vor allem als Umschlagplatz für eingeschmuggelte Drogen aus Südamerika.

Weldon Sonnier ist ein typischer Vertreter des schillernden Establishments von New Iberia. Als Ölbohrer ist er zu Geld gekommen, dann in Schwierigkeiten geraten und sich Kredit suchend an die Mafia gewandt. Mit der scheint er eine Meinungsverschiedenheit zu haben; man hat ihn mit einer großkalibrigen Waffe durch das Wohnzimmerfenster anvisiert und beinahe getroffen. Dave Robicheaux vom Sheriff's Department beginnt mit den Ermittlungen, die sich zäh gestalten, weil sich das mutmaßliche Opfer überaus wortkarg gibt. Robicheaux steckt ohnehin in einem Gewissenskonflikt. Er kennt die drei Geschwister Sonnier. Mit Weldons Bruder Lyle war er in Vietnam, mit der Schwester Drew ist er sogar kurz zusammen gewesen. Außerdem weiß er um die düstere Kindheit der Sonniers, deren Kindheit von Misshandlung und Inzest geprägt war.

Drei irre Auftragskiller jagen Weldon. Dies festzustellen kostet einige Menschenleben. Joey Gouza, der hoch in der Hierarchie der Mafia steht, scheint es zu sein, der es auf den Ölmagnaten abgesehen hat. Robicheaux sieht freilich auch Verbindungen zum Demagogen Bobby Earl, der einem Bund neonazistischer Gewalttäter, Mitläufer und Rassisten vorsteht - ein Pack, das sogar die Mafia fürchtet. Viel Ärger also für Robicheaux, als er wieder einmal zwischen sämtliche Fronten gerät, derweil im Hintergrund ein entstellter Unbekannter sein Unwesen treibt, welcher der verschollene, geistig derangierte Vater der Sonniers sein könnte, auf die in rascher Folge einige Anschläge verübt werden ...

Der schäbige Charme des lässigen Südens

Die literarische oder filmische Darstellung der US-amerikanischen Südstaaten kennt - buchstäblich - nur weiß oder schwarz. Entweder schwelgt man in Romantik à la "Vom Winde verweht" (schneeweiße Herrenhäuser, stolze Herren in Leinenanzüge, schöne Damen in wallenden Kleidern, üppige Plantagen, vorn singende & tanzende schwarze Plantagenarbeiter, im Hintergrund Ol' Man River) oder man suhlt sich im Schlamm, aufgerührt von selbst ernannten "Herrenmenschen", bigotten Predigern, korrupten Sheriffs, Ku-Klux-Klan- und "Aryan Brotherhood"-Trash, während aufdringlich schwarze Frauen belästigt und tapfere schwarze Männer mit dem Ochsenziemer verprügelt werden. Und immer ist es heiß und feucht, der Schweiß fließt in Strömen, die Hitze steckt im Blut, das allzu leicht überkocht.

Die Realität sieht anders aus. Vor allem wirkt sie trügerisch ruhig. James Lee Burke ist wahrlich kein Schriftsteller, der mit drastischen Bildern sparsam umgeht. Auch "Weißes Leuchten" präsentiert wieder Szenen detaillierter Gewalttaten. Sie stehen indes nicht im Vordergrund. Präsent ist dagegen eine Atmosphäre brütender Bedrohlichkeit. Während die Fassade aufrechterhalten wird, geht es hinter den Kulissen zur Sache. Politische Schieberei, Verbrechen, Umweltzerstörung, familiäre Gewalt: Nach Burke sind dies keine Ausnahmen, sondern Alltag in "seinem" Louisiana.

Diesen Zustand und diese Stimmung weiß er meisterhaft zu ermitteln. Gleichzeitig erzählt er eine sauber geplottete Kriminalgeschichte, die den Leser befriedigend lange im Dunkeln tappen lässt. Die Auflösung überrascht - und doch wieder nicht, denn natürlich kann es in einem Burke-Thriller keine glatte Lösung geben. In Louisiana gehen die Uhren anders als im Yankeeland, hier ist es an der Tagesordnung, der Gerechtigkeit über einige Abkürzungen zum Sieg zu verhelfen. Auf die "Guten" sind nie ohne Fehl.

So ist es zu erklären, dass sich Dave Robicheaux trotz zeitweiliger Gewissensnöte (über die er uns ausführlich berichtet) in einem recht zwielichtigen Umfeld bewegt. Sein Chef, der Sheriff, will gar nicht genau wissen, wie sein bester Mann die ihm übertragenen Fälle löst. Loyalität ist Robicheaux ohnehin gleichzeitig Last und Ehrensache. Sein bester Freund Cletus Purcel ist ein gestrauchelter Polizist mit manischen Zügen. Cletes anarchistische Attacken gegen Verbrecher, denen das Gesetz nichts anhaben kann, würzen wieder einmal die Handlung und verhindern, dass diese gar zu Ernst wird; Robicheaux neigt nämlich gern zur Predigt über die Verkommenheit der modernen Welt. Ausgeklammert bleiben nur seine tapfere Gattin, das süße Töchterlein und der gute, alte, schwarze Kumpel, die man als Leser bald sehr satt hat.

White trash beautiful?

Bemerkenswert klare Worte findet Burke, wenn er über den "white trash", den explosiven Bodensatz der Südstaaten-Gesellschaft schreibt: "Als Individuen sind diese Menschen gewöhnlich unselige, von Misserfolg verfolgte Geschöpfe, die unter einem schlechten Stern geboren wurden und deren größte Erfolgserlebnisse im Leben für gewöhnlich darin bestehen nicht ins Gefängnis zu müssen, Schulden bei den Kautionsagenturen abstottern zu können und die Termine mit Bewährungshelfern und Sozialarbeitern einzuhalten. Es ist wahrscheinlich kein reiner Zufall, dass die meisten hässlich und dumm sind." (S. 145) "Ein klares Bewusstsein einer eigenen Identität hatten diese Menschen nur, wenn es ihnen gelang, jemandem Angst einzujagen. Voller Neid und Eifersucht suchten sie ihre Arbeitsplätze vor Schwarzen und vietnamesischen Flüchtlingen zu schützen, die in ihren Augen ein riesiges und gefräßiges Heer bildeten, das nur darauf wartete, sich über ihre Frauen, ihre Wohngegenden, ihre Schulen, selbst ihre klapprigen Bretterkirchen herzumachen, so sie sich jeden Sonntag- und Mittwochabend die Versicherung abholten, dass die Bitterkeit und Furcht, die ihr Leben beherrschten, nichts mit den sozialen Umständen ihrer Herkunft oder eigenem Unvermögen zu tun hatten." (S. 361)

Mit solchen Rednecks bekommt es Robicheaux immer wieder zu tun. Gefährlicher sind allerdings Männer wie Bobby Earl, die sich den fanatisierten Mob zu Eigen machen und ihn zur Durchsetzung eigener Ziele missbrauchen. Beide, die Meute und ihre Herren, sorgen dafür, dass jene weiter oben skizzierten Südstaaten-Klischee fortleben.

Burkes Mafia ist gierig, brutal und ohne Moral, seine Killer sind monströse Psychopathen, Väter treten als Schreckgestalten auf. Man könnte zu dem Schluss kommen, dass der Autor in der Tat "böse" mit "hässlich" gleichsetzt. Hier sollte man keinem Trugschluss aufsitzen. Figuren wie Lyle Sonnier, der als Gaukelpfarrer von eigenen Gnaden den Armen, Ängstlichen und Dummen das Geld aus der Tasche zieht, ist auch ein von Erinnerungen und Selbstzweifeln geplagter Mann mit einer Mission: Er will tatsächlich helfen - und ein angenehmes Leben führen. Ausgerechnet der moralisch geschmeidige Weldon Sonnier hat von Gewissensbissen geplagt Mafiadrogen vernichtet. Irgendwo leuchtet es trotz aller Schlechtigkeit auf Erden doch, das "weiße Licht der Ewigkeit", das der Mensch so ausgiebig bricht und verdunkelt. (Burke legt die Erläuterung des Romantitels Lyle Sonnier in den Mund; er paraphrasiert Worte von Percy Bysshe Shelley, in dessen Gedicht "Adonais" es 1821 heißt: "Life, like a dome of many-coloured glass, / Stains the white radiance of Eternity, / Until Death tramples it to fragments.")

Wem es nun zu poetisch wird sei beruhigt: "Weißes Leuchten" erzählt eine Geschichte ganz aus dem Hier & Jetzt. Sie ist es Wert gelesen zu werden. Auf alle Romane von James Lee Burke trifft zu, dass sie mehr sind als "nur" Kriminalromane. Die Abwertung des Genres ist ungerecht, ich weiß, aber Fakt ist, dass zumindest hierzulande weiterhin zwischen "Literatur" (hehr & gut) und "Unterhaltung" (tragbar aber pöbelhaft) geschieden wird. Burke verschmilzt unbekümmert beides und es ist erfreulich, wie vorzüglich ihm das gelingt.

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