Flamingo

Erschienen: Januar 1990

Bibliographische Angaben

  • Boston: Little, Brown, 1990, Titel: 'A Morning for Flamingos', Seiten: 294, Originalsprache
  • : Little, Brown, 0

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Michael Drewniok
In der Hitze schwüler Nächte und Tage

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2003

Dave Robicheaux arbeitet für das Iberia Parish Sheriff's Department in New Iberia, einem kleinen Ort im US-Südstaat Louisiana. Ein Routineauftrag verwandelt sich in einen Albtraum: Mit seinem Partner Lester Benoit soll Robicheaux den Auftragskiller Jimmie Lee Boggs und den Mörder Tee Beau Latiolais in den Todestrakt des Staatsgefängnisses überführen. Boggs kann eine von Komplizen versteckte Waffe an sich nehmen; er erschießt Benoit und verwundet Robicheaux. Tee Beau soll ihm den Rest geben, täuscht aber den "Fangschuss" nur vor. So kann Robicheaux überleben, hat aber einen ernsten psychischen Knacks davongetragen.

Nur die Rache an Boggs kann ihm Frieden geben, doch der hat sich nach seiner Flucht in den Dienst des Mafiabosses Tony Cardo begeben, für den er unliebsame "Konkurrenten" aus dem Weg räumt. Nur über Cardo, der in New Orleans residiert, könnte Robicheaux an Boggs herankommen. Deshalb lässt er sich von einer Sondereinsatztruppe zur Drogenbekämpfung anheuern, die es auf Cardo abgesehen hat, und als Dealer in die Unterwelt von New Orleans einschleusen.

Diese Mission ist schwierig und gefährlich, denn Cardo ist ein Mann mit psychopathischen Neigungen, der jedoch gleichzeitig sehr menschliche Züge zeigt, was Robicheaux in eine moralische Zwickmühle bringt. Weitere Gefahren drohen: Boggs wurde von der Mafia-Konkurrenz auf Cardo angesetzt. Der Killer will auch Robicheaux endgültig beseitigen. Eine ehemalige Geliebte von Robicheaux taucht in seinem brisanten Doppelspiel auf. Sie könnte seine Verbündete oder eine Verräterin sein. Eine weitere Agentin taucht plötzlich auf. Der verwirrte Polizist verliert die Übersicht, wer Freund oder Feind ist, was sich bitter rächt, als er im großen Finale seinen endlich enttarnten Gegnern allein gegenübertreten muss ...

Die Welt ist weder schwarz noch weiß, sondern grau

Die Dave-Robicheaux-Romane gehören zu jenen Krimis, die von Kritikern generell lobend sowie als Beispiel erwähnt werden, wenn es gilt, die Brüchigkeit der Grenze zwischen Krimi-Unterhaltung und "richtiger" Literatur zu illustrieren. Über die Definition beider Genres ließe sich ebenso ausgiebig diskutieren wie über die Frage, ob eine solche Differenzierung nötig oder möglich ist. Fakt bleibt, dass James Lee Burke Geschichten erzählt, die auch den Laien ahnen lassen, dass er (oder sie) etwas Besonderes liest. Jeder Robicheaux-Roman ist nicht "nur" ein großartig geplotteter und geschriebener Thriller, sondern auch Teil einer Robicheaux-Chronik, die darüber hinaus fest in Geschichte und Gegenwart des US-Staats Lousiana verwurzelt ist.

Lousiana ist für Burke weit mehr als nur exotische Kulisse. Natürlich lässt er die bekannten Südstaaten-Klischees reichlich einfließen: Es ist heiß und feucht, die Vegetation wuchert ebenso üppig wie die Gefühle der Menschen. Rassismus und Gewalt sind allgegenwärtig; es folgen Korruption und Bigotterie. Burkes Verdienst besteht darin, besagte Klischees zu hinterfragen und zu abstrahieren, bis sie die - freilich literarisch "bearbeitete" - Realität widerspiegeln. Diese ist stets vielschichtig, was die bewegte Geschichte Lousianas begründet - ein Land, das französische Kolonie war, bevor es an die USA ging und das "europäisch" geprägt blieb. Später gehörte Lousiana zu den amerikanischen Südstaaten, deren Wirtschaft auf der Sklaverei basierte, die nach dem Bürgerkrieg von 1861-65 nahtlos in eine Rassendiskriminierung überging, die heute nicht mehr offensichtlich aber weiterhin sehr lebendig ist. Die daraus resultierenden Probleme sind immer integrales Element der Robicheaux-Romane.

Auch sonst hält sich Burkes angeschlagener "Held" immer wieder in den Schattenbezirken Louisianas auf. Der Sonnenstaat ist ein vom organisierten Verbrechen geplagtes Tropenparadies. Die Nähe zu Mittel- und Südamerika begünstigt den Drogenschmuggel im ganz großen Stil. In abgelegenen Sümpfen verkriechen sich religiöse und rassistische Fanatiker, die ebenso wirrköpfig wie schwer bewaffnet auf ihre Stunde warten. Sie sind verbandelt mit einer Politikerkaste, die sich weniger als Diener ihres Volkes, sondern als Angehörige einer Dynastie mit Privilegien auf Lebenszeit betrachten. Recht & Gesetz sind ihnen viel zu gern zu Diensten; Robicheaux' Ex-Partner und Freund Cletus Purcell ist so ein Gesetzesmann, der schwach wurde und sich kaufen ließ. Auf der anderen Seite stehen skrupellose Großkonzerne, die dank großzügiger Schmiergelder Gift und Abwässer speiende Fabriken inmitten von Naturschutzgebieten errichten. Lousiana mag die Heimat der Flamingos sein, die diesem Roman seinen Titel gaben, doch wenn sich diese schönen Vögel in einer rosafarbenen Wolke in die Luft erheben, bleibt unter ihnen ein hässlicher Sumpf zurück.

Der schillernde Schein und das moderne Verbrechen treffen in New Orleans nicht nur aufeinander, sondern sie gehen auch eine seltsame Koexistenz ein. Touristen sind wohlgelitten in der aufwändig restaurierten Altstadt mit ihren schmiedeeisernen Balkonhäusern und Jazzkneipen, doch die Seitenstraßen sollte man meiden. Burke vermag meisterhaft zwischen dem reizvoll "verkommenen" und dem wirklich kriminellen New Orleans zu differenzieren. Er spart dabei nach dem Vorbild seiner Schriftstellerkollegen Carl Hiaasen oder John W. Hall nicht mit deutlichen aber ironischen Worten, denn selbstverständlich pflegen die Stadtväter ausschließlich das Bild der verlockenden Südstaatenmetropole mit zwar lockeren aber doch präsenten Sitten.

Wo "Gut" und "Böse" ineinander verschwimmen

Dabei predigt Burke nicht, sondern projiziert das, was er zu sagen hat, auf die Figuren seiner Romane. Mit Dave Robicheaux ist ihm dabei ein bemerkenswerter stimmige Hauptfigur gelungen. Zwar ist seine Vergangenheit als traumatisierter Vietnam-Veteran in der Nach-Rambo-Ära zum Klischee verkommen, doch Robicheaux' Charakter weist viele Fassetten auf. So ist er ein Opfer seiner unglücklichen Kindheit, die ihn erst depressiv und dann zum Alkoholiker werden ließ, der sein berufliches wie privates Leben in den Sand setzen musste, bevor ihm ein Neuanfang glückte. Damit hat er die Vergangenheit allerdings nicht hinter sich gelassen - die Allgegenwärtigkeit von Vergangenheit ist ein ständig wiederkehrendes Motiv in den Robicheaux-Romanen.

Weiterhin steht Robicheaux, inzwischen beruflich wieder im Sattel und privat "trocken" sowie Vater einer Adoptivtochter, nie weit vom Abgrund. Dieses Mal ist es Jimmie Lee Boggs, ein "White Trash"-Unhold wie aus dem Bilderbuch, der ihn hineinstößt. Boggs ist in Gestalt, Rede und Handeln Fleisch gewordene Bedrohung. Burke ist exzellent darin, eigentlich überzogene Schurkenfiguren in echte Angstgestalten zu verwandeln. Dabei vergisst er nicht das Milieu zu schildern, das solche Kreaturen hervorbringt: Die Gesellschaft ist mitschuldig an dem Grauen, das sie über sich bringt. Will sie den Benachteiligten keine Chance gewähren, wird immer ein Jimmie Lee Boggs nachwachsen.

Oder ein Tee Beau Latiolais. Er gehört zur schwarzen Unterschicht des Südens, die zwar nicht mehr offen diskriminiert, doch wie eh und je ausgebeutet und in Armut gehalten wird. Tee Beau wollte nicht kriminell werden, doch er hatte nie eine Chance, sich dem Verbrechen fernzuhalten. Robicheaux weiß das, und sollte er es vergessen, erinnert ihn Tante Lemon, Tee Beaus verbitterte Großmutter, die weit älter als die Rassenintegration ist, mit der Inbrunst einer verdammten Seele daran.

Während Boggs das verkörperte Böse und Tee Beau ein Opfer der Verhältnisse ist, zeichnet Burke den Mafiosi Tony Cardo als weitaus komplexere Figur. Cardo ist in gewisser Weise Robicheaux' dunkles Spiegelbild, denn er weiß um die Dämonen, die diesen treiben. Er kämpft selbst mit ihnen, ist ihnen allerdings auch verfallen, was sich in zunehmend irrationalem Verhalten äußert. Robicheaux erkennt die geistige Verwandtschaft, die ihn moralisch ins Wanken geraten lässt: Cardo ist ein Kapitalverbrecher und weitaus "schädlicher" für die Gesellschaft als Boggs, doch Robicheaux fällt es schwer ihn zu verdammen, denn der Mafiosi trägt sympathische Züge und zeigt sogar Schwäche. Wie soll man einen solchen Gegner hassen? Robicheaux, der selbst oft in juristischen Grauzonen agiert, muss hier die Konsequenzen erkennen, die es haben kann, wenn man das Recht nach eigenem Gusto auslegt.

So fügen sich äußere und innere Handlung in "Flamingo" zu einer bemerkenswert dichten, trotz Abwesenheit expliziter "Action" unerhört spannenden Story, die - es mag abgeschmackt klingen, trifft aber den Kern - noch lange nach der Lektüre im Kopf bleibt, was nur gut ist, lässt es den Leser doch zuverlässig zu einem neuen Band des in Deutschland seltsamerweise immer noch nicht etablierten James Lee Burke greifen. Der Goldmann Verlag hat die Veröffentlichung der Reihe mit Band 12 offenbar abgebrochen. Die ambivalente Welt des Dave Robicheaux scheint nicht so gut verkäuflich zu sein wie die seifenoperlichen Krimi-Schmonzetten, Dan-Brown-Klone und Lady-"Thriller", die sich in den Buchläden stapeln.

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Letzte Kommentare:
07.06.2010 21:57:36
Stefan83

Von allen Schriftstellern im Hard-Boiled-Genre beweist James Lee Burke vielleicht die größte Konstanz, was sich nicht nur in den vielen Auszeichnungen widerspiegelt (u.a. zweimalig ausgezeichnet mit dem begehrten Edgar Award), sondern auch am beinahe ehrfürchtigen Lob der Konkurrenz zu erkennen ist. Burke gilt als Inbegriff des modernen Krimiautoren, welcher die eigentlich schon seit jeher brüchige Grenze zwischen der ernst genommenen Literatur und der oftmals müde belächelten „Spannungs“-Unterhaltung stets aufs Neue überwindet und zwischen ihnen Brücken schlägt. Seine Werke sind mehr als bloßer Thrill, gehen weit über die konstruierte Kurzweil hinaus und werden gerade deswegen von echten Krimi-Kennern auf dem deutschen Büchermarkt so schmerzlich vermisst. Seit Jahren sind alle seine Werke vergriffen, einige nur noch für teures Geld aus zweiter Hand zu erstehen. Das gilt (zumindest derzeit) nicht für „Flamingo“, dem vierten Band aus Burkes preisgekrönter Reihe um den Ex-Cop Dave Robicheaux vom Morddezernat in New Orleans. Ein Grund jetzt bei günstigem Angebot zuzuschlagen, zumal ich auch nach Beendigung der Lektüre von diesem Krimi feststellen musste: Viel besser als Burke kann man eigentlich nicht schreiben. Kurz zur Story:

Nach seinem Ausflug in die Bergwelt Montanas (nachzulesen in „Black Cherry Blues“) ist Dave Robicheaux nach New Iberia, einer kleineren Stadt im Süden Louisianas, zurückgekehrt, um dort seine Arbeit im Sheriff\'s Department wieder aufzunehmen. Im Gegensatz zu seiner früheren Tätigkeit im Morddezernat, herrscht hier weit mehr Routine. Allerdings hat auch diese ihre gefährlichen Seiten: Als Robicheaux gemeinsam mit seinem Partner Lester Benoit den verurteilten Mörder Tee Beau Latiolais und den Auftragskiller Jimmie Lee Boggs in den Todestrakt des Staatsgefängnisses überführen soll, kommt es zu einem folgenschweren Zwischenfall. Bei einer kurzen Pinkelpause schießt Boggs Benoit mit einer vorher auf dem Klo versteckten Waffe nieder und verletzt Robicheaux schwer. Letzterer kann sich blutend in ein benachbartes Flussbett retten, nur um dort von Tee Beau gestellt zu werden. Der soll ihm jetzt im Auftrag Boggs\' das Licht ausblasen, feuert allerdings absichtlich daneben. Robicheaux überlebt die Nacht, hat aber von nun an mit psychischen Problemen und Angstzuständen zu kämpfen.

Schon bald wird die Situation für Robicheaux unerträglich und er beschließt Rache an Boggs zu üben. Eine schwierige Aufgabe, hat sich dieser doch nach seiner Flucht in die sichere Gesellschaft des Mafiabosses Tony Cardo begeben. Schließlich sieht Robicheaux im Angebot eines Mannes von der DEA seine Chance. Er heuert bei der Sondereinsatztruppe zur Drogenbekämpfung an, um sich undercover als geschasster Ex-Bulle in die Kreise des Mobs von New Orleans einzuschleusen und dort zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Eine äußerst gefährliche Mission, da ihm vor Ort nicht nur jegliche Unterstützung fehlt, sondern auch weil Cardo als unberechenbar gilt. Der Vietnam-Veteran ringt wie Robicheaux selbst mit den Nachwirkungen des Dschungelkrieges und neigt zu psychopathischen Kurzschlusshandlungen. Es sind diese Gemeinsamkeiten, welche schließlich nicht nur die Entschlossenheit des Ermittlers ins Wanken bringen, sondern auch dafür sorgen, dass sein moralischer Kompass die Orientierung und dadurch das eigentliche Ziel aus dem Augen verliert. Ein fataler Fehler, denn Boggs, der ein doppeltes Spiel zu treiben scheint, hat Robicheaux keineswegs vergessen. Als dann auch noch die Jugendliebe von Robicheaux, selbst in Mafiakreisen ansässig, auf der Bildfläche auftaucht, droht die Mission auf ganzer Länge zu scheitern. Wie gut, dass ein alter Kumpel in höchster Not zur Stelle ist …

Ich sehe sie schon vor mir, die Anhänger der Fitzeks, McFadyens und Co., wie sie ein solches Buch naserümpfend nach knapp drei Kapiteln zur Seite legen, um dann vielleicht etwas in dieser Art zu sagen: „Wo ist denn hier die Spannung?“ „Wann passiert denn hier mal was?“ „Gibt ja gar keine Leichen hier!“ Richtig. Und wenn wir schon dabei sind: Der Ermittler verliebt sich auch nicht in eine brünette Latina-Profilerin vom FBI, um diese anschließend zu heiraten. Und ja, ich muss sie enttäuschen. Feuchte Geschlechtsteile und schnellen Rammelsex am Tatort sucht man ebenfalls vergebens. Möglicherweise ein Grund, warum die deutschen Verlage durch die Bank James Lee Burke derzeit für nicht verkäuflich halten. Eine Schande und ein Ärgernis bleibt es trotzdem, trumpft Burke doch einmal mehr mit einer Sprache auf, die mehr als nur erahnen lässt, wie viel Potenzial in einem Spannungsroman stecken kann. Seine Bücher sind Kopfkino vom Feinsten. Und wie bei den Verwandten von der Leinwand, so sind es auch in diesem Thriller die Bilder und die Hauptdarsteller, die das Werk zu etwas ganz Besonderem machen. Und „Flamingo“ ist besonders, ja, herausragend aus dem Allerlei des faden, grauen Mainstream.

Wer immer sich mit der Chronik des Dave Robicheaux beschäftigt, wird geistig unweigerlich in den tiefsten Süden der USA katapultiert. In die modernden, sumpfigen Bayous mit ihrer üppigen Flora und Fauna, wo sich drückende Hitzephasen mit sturmartigen Unwettern abwechseln. In einen Teil der USA, wo seit Ende des Bürgerkriegs das Erbe der Gewalt und des Rassismus an die nächste Generation weitergegeben wird. Spielt Burke also mit altbekannten Vorurteilen? Sicherlich, allerdings nur insoweit, um die realistische Situation in einem Rahmen wiederzugeben, welcher dem Aufbau eines zur Unterhaltung gedachten Romans nicht im Wege steht. Moralisch erhobene Zeigefinger sucht man hier vergebens. Burke, der viele Eigenschaften und Schwächen mit seiner Schöpfung Robicheaux lange Zeit teilte, will weder belehren, noch Stellung beziehen. Schwarz und Weiß gibt es nicht. Er lässt stattdessen seine Figuren agieren. Und diese sind bzw. deren Zusammenspiel ist es, welches dieses Buch (mal wieder) prägt und so einzigartig macht.

Wenn Tony Cardo und Dave Robicheaux aufeinander treffen, sich gegenseitig beäugen und abschätzen, knistert die Luft, hält man unweigerlich den Atem an, einen Ausbruch in brutalster Gewalt erwartend. Diese findet der Leser, im Vergleich zu den Vorgängern, wesentlich seltener vor. „Flamingo“ ist dialoglastiger, ohne das dies eine Last wäre, denn Burkes Zeichnung von Cardo allein genügt, um das Interesse und die Faszination zu wecken. Der Mafiosi ist der bisher komplexeste Gegenspieler von Robicheaux und ähnelt dem Ermittler auf beinahe schon beängstigende Weise. Cardo ist ein Robicheaux der seinen Trieben nachgegeben, sich seinen inneren Dämonen ergeben hat. Und die Trennlinie zwischen beiden ist ebenso dünn wie schattenreich. Wen wunderts, dass man da selbst im Verlauf des Buches eine gewisse Sympathie für den Schurken entwickelt bzw. am Ende gar nicht will, dass dieser der Justiz übergeben wird. Trotzdem fiebert der Leser dem Ausgang entgegen, von dem er sich eine schlüssige, logische und nicht unbedingt gerechte Auflösung erhofft. Wie Burke dieses Ende schließlich in Szene setzt ist ganz großes Kino und trotz des Fehlens von adrenalinsteigernder Action ungeheuer spannend.

Insgesamt ist „Flamingo“ ein ungemein tiefgründiger, geschliffener und wortgewandter Vertreter des Hard-Boiled-Genres, der lange nachwirkt und ein New Orleans fernab der touristisch verlockenden Sehenswürdigkeiten zeigt. Ein düsterer Trip, den ich in jeder einzelnen Zeile genossen habe und jedem Anhänger gut geplotteter Kriminalromane nur ans Herz legen kann. Fantastisch!

23.02.2008 23:00:10
Bartensen

Kann meinem Vorredner nur wiedersprechen ... Flamingo ist weit mehr als nur klassische Krimi-Ware ... die Welt der Bayous ist wieder einmal schillernd und lebendig geworden, die Figuren vielschichtig und die Dämonen in Dave Robicheauxs Kopf sind auch im vierten Teil nicht weniger hartnäckig geworden. Action steht hier nicht im Vordergrund und Dave Robicheaux muss einmal mehr erkennen, das die Grenzen zwischen Gut und Böse nicht immer eindeutig sind.

06.06.2003 22:14:55
Markuss G.

Was mich an "Flamingo" nervt: die endlose Wiederholung immer gleicher Naturschilderungen. Mit tödlicher Sicherheit fallen alle drei Seiten die Blätter in den Mangrovensumpf. Nichts gegen Naturschilderungen. Aber sie sollten irgendwie die Handlung kommentieren, spiegeln, was auch immer. Nix davon in "Flamingo".

Schmunzeln musste ich über die gelegentlichen homoerotischen Anspielungen auf die "animalische Sexualität" der Gangster.

Schliesslich geht der Roman nach seinem Ende noch 8 Seiten weiter.

Fazit: DER MANN BRAUCHT EINEN HARTEN LEKTOR ;-)

Ansonsten überdurchschnittliche Cops&Gangster-Ware