Die Tote im Eisblock

  • Pendragon
  • Erschienen: Juli 2022
Die Tote im Eisblock
Die Tote im Eisblock
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Michael Drewniok
90°

Krimi-Couch Rezension vonJan 2023

Aufrecht gegen die Allmacht des Bösen

Im sumpfheißen New Iberia, US-Staat Louisiana, geraten Detective Dave Robicheaux und sein unberechenbarer Freund Clete Purcel abermals wider Willen ins Getriebe einer modernen Welt, in der Geschäft und Verbrechen so dicht verzahnt sind, dass ‚Spielverderber‘ halbwegs legal ausgetilgt werden können.

Es beginnt mit dem ungeschickten Versuch, ausgerechnet Purcel mit einer angeblichen Altschuld zu erpressen. Mit der für ihn typischen Wucht schlägt Purcel zurück. Kurz darauf sind seine Möchtegern-Gläubiger alle tot - offenbar umgebracht von einem beinahe legendären Auftragskiller namens „Caruso“. Parallel dazu verschwindet Tee Jolie Melton, die „Creole Bell“ des Originaltitels. Robicheaux kennt und mag die junge Frau, die ihn mehrfach anruft, weil man sie entführt habe. Als Tee Jolies jüngere Schwester Blue tot und in einem Eisblock eingebettet aus dem Fluss gezogen wird, beginnt Robicheaux zu ermitteln, obwohl er noch unter den Folgen einer üblen Schusswunde leidet und sich Tee Jolies Hilferufe auch einbilden könnte.

Eine Spur führt dorthin, wo in diesem Teil Louisianas die Macht weniger lebt als lauert. Pierre Dupree ist das aktuelle Oberhaut einer Familie, die schon vor dem Bürgerkrieg das Sagen hatte und auf Menschenrechte stets gespuckt hat. Sein Großvater Alexis gilt als Überlebender der Nazi-Gräuel, war aber womöglich selbst einer der Massenmörder. Noch-Schwiegertochter Varina ist eine pathologische Lügnerin. Im Hintergrund warten weitere Brutal-Kapitalisten, die nun auch Robicheaux, seine Familie und Purcel tot sehen wollen. Sie schicken ihnen „Caruso“ - die sich als Purcels lange verschollene Tochter entpuppt …

Der Mist, auf dem das Unrecht wuchert

Die Südstaaten der USA stellen eine gleichermaßen mythische und verfluchte Region dar. Das bereits tropische Klima sorgt für eine Explosion pflanzlichen und tierischen Lebens, was allerdings auch Parasiten, Giftschlangen oder die Erreger ekliger Krankheiten einschließt. Die wuchernde Natur wird durch die hier ansässigen Menschen in Schach gehalten bzw. ausgebeutet. Vor allem die Gier nach billigem Erdöl prägt eine ‚Kultur‘, die auf Korruption, Umweltzerstörung und Ignoranz gründet. Vor der Küste reihen sich die Bohrstationen, die dank laxer Betriebsvorgaben immer wieder gigantische Erdölmengen ins Meer auslaufen lassen, wo sie die Natur vergiften und Schäden anrichten, die mehr oder weniger ignoriert werden.

James Lee Burke gehört zu denen, die keine gute Meinung von der US-Administration haben. Er sieht sie als verlängerten Arm einer korrumpierten Regierung und Justiz, die gut geschmiert nach der Pfeife unersättlicher Konzerne tanzen. Dies wertet Burke als Fortsetzung einer lokalen Tradition, die tief ins 19. Jahrhundert reicht. Die Ökonomie der US-Südstaaten lastete bis 1865 auf den Schultern geschurigelter Sklaven. Sie wurden höchstens offiziell ‚befreit‘ und blieben stets dem Druck und Terror ihrer einstiger „Herren“ ausgesetzt. Dieses Unrecht blieb ungesühnt, der Rassismus lebendig, weshalb sich stellvertretend für die Nutznießer dieses Schattensystems die Duprees weiterhin ungestraft als Menschenschinder gebärden können.

Burke setzt dem Krone auf, indem er den ohnehin bis ins Mark verdorbenen Duprees einen ‚echten‘ Nazi zugesellt. „Creole Belle“, Band 19 der Dave-Robicheaux-Serie, erschien im Original 2012, weshalb ein solcher Bösewicht gerade noch plausibel wirkt, auch wenn Burke mehrfach abschweift und sich gar zu schwere (und keineswegs neue) Gedanken über die Natur des (Nazi-) Bösen macht, die mit dieser Geschichte nicht wirklich etwas zu tun haben. Wie Burke glaubhaft aufzeigt, wurzelt ein eigenständiges Übel in Louisiana, das älter als der Nationalsozialismus ist.

Der Finsternis die Stirn bieten

Es gibt kaum zwei seltsamere Kandidaten für den Stand des (modernen) Ritters als Dave Robicheaux und besonders Cletus Purcel. Sie brechen das Gesetz bzw. manipulieren es und hinterlassen regelmäßig eine Leichenspur. Gleichzeitig sind sie verflucht, werden von ihren Taten und Opfern heimgesucht. Dave und Clete haben im Vietnamkrieg weniger gekämpft als gemetzelt und werden seither von posttraumatischen Belastungsstörungen gepeinigt, die besonders Purcels Neigung zur Selbstzerstörung und -bestrafung enthüllen.

Dramatisch lässt Burke dieses Duo nach Erlösung oder wenigstens Seelenfrieden suchen, indem sie die Welt wenigstens etwas besser machen. Allerdings haben sie sich dafür den falschen Ort ausgesucht. Schon bevor sie in Vietnam gebrochen wurden, mussten Robicheaux und Purcel in einer ‚Heimat‘ aufwachsen - oder überleben -, die von Armut, familiärer Gewalt und obrigkeitlich abgesichertem Unrecht geprägt war. Zur trübsinnigen Vergangenheit gesellen sich die Plagen einer Gegenwart, in der das Grauen eine neue Dimension erreicht hat.

Es gelingt den beiden Männern nicht abzuschalten, in eine andere Richtung zu blicken oder gar selbst die Hände aufzuhalten. Wer auf die Seite des organisierten Verbrechens wechselt, kann gutes Geld verdienen. Doch Robicheaux und Purcel besitzen trotz ihrer zweifelhaften Taten ein Gewissen - jenes Gewissen, das Autor Burke mit den ‚richtigen‘ (US-amerikanischen) Werten gleichsetzt, die Rücksicht und Hilfe für die Schwachen versprechen. Obwohl oder gerade weil diese Werte zunehmend ausgehöhlt und lächerlich gemacht werden, wenden sich Robicheaux und Purcel vom Bösen nicht ab, sondern ihm störrisch zu. Sie profitieren dabei von ihrer Fähigkeit, exzessive Gewalt mit ihrem Moralkodex vereinbaren zu können.

Die pilzwuchernde Brut des Bösen

In gewisser Weise hat Burke resigniert. Brutale Gewalt ist theoretisch falsch, aber offenbar manchmal der einzige Ausweg, um den Verursachern ihre Grenzen aufzuzeigen. Im großen Finale schlagen Robicheaux und Purcel nicht zum ersten Mal einfach härter zu als ihre Gegner, weshalb sie trotz zahlenmäßiger Unterlegenheit die Bösen reduzieren, aber nicht ausrotten können: Stets gibt es Schurken, die noch weiter oben stehen und dort unsichtbar bleiben, während ihre Schergen die Drecksarbeit erledigen.

Dass die üppigen Baumalleen der Südstaaten auf weiße, säulenbestückte Prachtbauten zulaufen, hinter denen die Finsternis regiert, ist ein populärkulturelles Topos, das Literatur, Film und Fernsehen seit jeher bedienen. Es spiegelt die (historische) Realität wider, überhöht sie aber gern, weshalb die Duprees Burke ein wenig zu theatralisch geraten sind. Zum Nazi-Input gesellen sich noch Inzucht, Sadismus und Degeneration sowie entstellte und/oder psychisch derangierte Figuren, die dem gotischen Schauerroman entsprungen sein könnten (der übrigens ebenfalls in den US-Südstaaten gedeiht).

Vielleicht mäandriert die Handlung im Mittelteil zu ausgiebig umher. Burke türmt Rätsel auf Rätsel, lässt immer neue Grausamkeiten geschehen und räumt der Privatsphäre seiner Hauptfiguren überaus breiten Raum ein. Ausgerechnet der rabiate Purcel findet eine verlorene Tochter wieder. Selbstverständlich ist dies kein Anlass zur reinen Freude; es passt ins Bild, dass Gretchen Horowitz psychisch mindestens ebenso aus dem Lot wie ihr Vater ist. Aber obwohl man das Räderwerk dieser Geschichte hin und wieder knarren hört, ist es erstaunlich, mit welcher Verve der Autor dieses absurde Garn über beinahe 700 Seiten spinnt! Hier gibt es wohl Düsternis in Permanenz sowie reichlich Pathos, aber keine Langeweile, was „Creole Belle“ - der deutsche Titel ist ein plakativer Stimmungskiller - in die oberen Ränge dieser ohnehin außergewöhnlichen Serie hebt!

Fazit

Band 19 der Dave-Robicheaux-Serie zeigt den alternden Ermittler und seinen impulsgesteuerten Kumpel Clete Purcel auf einem weiteren Kreuzzug gegen ein modernes Böses, das stets auch historische Wurzeln besitzt, und in Hochform. Spannung, Tempo, Stimmung: Dieser Roman wuchtet mit allem, was der US-Südstaatensumpf zu bieten hat!

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