Verschwinden ist keine Lösung

  • Pendragon
  • Erschienen: Juli 2023
  • 0
Wertung wird geladen
Michael Drewniok
80°1001

Krimi-Couch Rezension vonJun 2023

Tristan & Isolde aus den Südstaaten-Sümpfen

Inzwischen zum dritten Mal tragisch verwitwet, versucht Ex-Detective Dave Robicheaux sich der Flasche fernzuhalten. Einigermaßen ‚trocken‘ wird er auf Probe wieder in den Dienst der Polizei von New Iberia im US-Südstaat Lousiana aufgenommen. Dort stößt er umgehend in ein neues Wespennest, als sein unbändiger Sinn für Gerechtigkeit Robicheaux auf Johnny Shondell und Isolde Balangier aufmerksam werden lässt. Die beiden jungen Leute sind Mitglieder zweier seit Urzeiten in der Gegend ansässiger, ebenso mächtiger wie skrupelloser Gangsterfamilien. Um endlich Frieden zu schaffen, wurde Isolde dem perversen Mark Shondell, Johnnys Onkel, ‚versprochen‘.

Die Polizei hält sich tunlichst fern, wenn die Shondells oder Balangiers involviert sind. Viele Beamte sowie Juristen und Politiker sind ihnen ohnehin durch Korruption verbunden. Einmischungsversuche durch das ‚Gesetz‘ enden üblicherweise übel. Robicheaux kann sich nur auf seinen alten Kumpel Clete Purcell stützen, der sich nie durch Vorschriften davon abhalten ließ, unverbesserliche Kriminelle heimzusuchen.

Dieses Mal könnten die beiden Brüder im Geiste ihre Meister gefunden haben. Schon vor Jahrhunderten haben die Shondells dem Teufel Gefolgschaft geschworen. Deshalb müssen Robicheaux und Purcell sich nicht nur mit den brutalen Mafia-Schergen beider Familien auseinandersetzen, sondern treten auch gegen Gideon Richetti an, den „Offenbarer“, einen unsterblichen Dämon, der die Feinde der Shondells seit Jahrhunderten grausam straft. Dennoch bleiben die Freunde standhaft, obwohl sie wissen, dass sie dieses Mal direkt gegen das Böse antreten müssen ...

Wehe denen, die aus der Reihe tanzen!

Abermals kehrt James Lee Burke in die ebenso faszinierende wie düstere Welt der US-Südstaaten zurück. Dort ist aus seiner Sicht die Zeit stehengeblieben; vielleicht sollte man besser von Nischen sprechen, in denen die Vergangenheit sich halten konnte. Sie wird von Burkes noch ausgiebiger als sonst thematisiert; als Kessel, in dem jene Suppe brodelt, die der Verfasser seit jeher aufkocht, um seinem tragischen Anti-Serienhelden Dave Robicheaux die Hölle auf Erden zu bereiten.

Das Szenario ist bekannt, die wilde Landschaft tropisch-sumpfig. Ständig ist es heiß, aber feucht. Krankheiten, Giftschlangen, Alligatoren und stechlustige Insekten sind allgegenwärtig, doch wesentlich gefährlicher ist wie üblich der Mensch. In den Südstaaten der USA ist altes, nie bewältigtes Unrecht dauerpräsent. Der verlorene Sezessionskrieg, dem weiterhin ungezügelter Rassismus und Diskriminierung folgten. Hinzu kommt eine Politik, damals wie heute die von Intrigen und einer Korruption geprägt wird, die Justiz und Polizei einschließt und eine wirtschaftliche Oberschicht begünstigt. Auf den Knochen einst ausgebeuteter Sklaven zieht sie weiterhin die Fäden zieht und fühlt sich unangreifbar.

Hinzu kommt eine moderne Kriminalität, die mühelos an diese Strukturen andocken konnte. Das organisierte Verbrechen arbeitet mit lokalen Clans zusammen. Die Regeln sind nicht fixiert, doch man sollte sie kennen, wenn man in diesem Umfeld überleben will: Glaubt man Burke, sind die Südstaaten ein Hort vorgeblich vornehmer, jedoch bis ins Mark verdorbener „Ehrenmänner“, die eine sadistische Vorliebe für besonders ekelhafte Mordtaten hegen, mit denen der Verfasser uns gleich mehrfach konfrontiert.

Endgültige Reise ins dunkle Nichts?

Wohl nur in diesem buchstäblich hitzigen Ambiente wirken Figuren wie Dave Robicheaux oder Clete Purcell plausibel. Eigentlich sind sie Schmerzensmänner eines Schicksals, das sich offensichtlich die Zeit nimmt, sie gezielt ins Visier zu nehmen und auf eine Weise zu piesacken, die nur die wirklich Guten dieser Welt spüren.

Burke achtet darauf, Dave und Clete förmlich in Schmerz und Niedertracht zu tränken. Mehr denn je soll man sie als Ritter betrachten, die der Umgebung angemessen ihre Mission erfüllen und dem Bösen Einhalt gebieten. Dabei können sie keine reine Weste behalten, denn sie kommen hautnah mit dem Dreck in Kontakt, der sich auf der dunklen Seite der Menschlichkeit häuft. Doch sie wurden gehärtet (bzw. verdorben), wuchsen in Anti-Familien auf, machten sich in Vietnam die Finger blutig und gerieten als Polizisten bzw. Privatermittler immer wieder ins Zentrum schauerlicher Taten, wobei sie sich mehrfach selbst auf die Seite der Dunkelheit schlugen, um der Gerechtigkeit auf eine Weise zu dienen, die das Gesetzbuch nicht vorsieht.

Nach vielen Serien-Jahren fällt es Burke schwer, diese depressiven Ritter noch schlimmer zu beuteln. Außerdem ist ihr gemeinsamer Weg eigentlich beendet. Mit „The New Iberia Blues“ (dtv. „Blues in New Iberia“), dem 22. Band der Serie, hatte der Autor ihn zu einem plausiblen Ende gebracht. „Verschwinden ist keine Lösung“ reiht sich nicht in die Chronologie ein, sondern spielt in einer nie exakt fixierten Vergangenheit vor oder kurz nach dem Millennium. Man könnte diesen Roman als Epilog betrachten, der jenseits der Realität, der die Robicheaux-Serie ungeachtet ihrer lyrischen Passagen verbunden blieb, die seelischen Nöte ihrer Protagonisten in den Mittelpunkt stellt und sogar Gestalt annehmen lässt.

Der Teufel lässt die Deckung fallen

Robicheaux ist zum dritten Mal (!) verwitwet, kämpft wieder mit der Flasche, wurde vom Dienst freigestellt und bläst auch sonst aus allen Rohren Trübsal. Dem setzt er wie immer gleich mehrere Kronen auf, indem er sowohl mit der Gattin eines Todfeindes als auch dessen Geliebter schläft, besagten Todfeind verprügelt und sich in dessen intensivmafiösen Umtriebe einmischt: Fast meint man Robicheaux, aber auch Purcell auf einer umständlich eingefädelten Selbsttour zu beobachten, wobei sie sich große Mühe geben, wirklich jeden nur möglichen Feind und nun sogar die Hölle gegen sich aufzubringen.

Zum Bösen gesellt sich das Grauen, und Burke meint, was er schreibt, wenn er satanische Verträge, über Jahrhunderte gezielt geschürtes Leid und einen leibhaftigen Dämon in die Handlung einführt. Viele Kritiker und Leser haben ihm dies übel genommen oder es als Indiz dafür gedeutet, dass der mehr als achtzigjährige Burke jenen Faden verloren hat, der die Robicheaux-Serie zu einer der besten aller modernen Krimi-Reihen aufsteigen ließ. Hat er es inzwischen nötig, auf den Spuren von John Connolly zu wandeln, der in seiner ebenfalls in den Südstaaten angesiedelten Charlie-Parker-Reihe das Übernatürliche ausdrücklich einschließt?

Hinzu kommt eine Gewalt, die beinahe parodistisch ausufert. Vor allem im Finale kommt es an Bord einer brennenden Jacht zu einem apokalyptischen Gemetzel. Dies ist quasi metaphysisch zu sehen, denn hier werden Robicheaux und Purcell endgültig an den Rand der Finsternis gedrängt. Das Böse könnte siegen, und eine Galeere, die ihre Geister aufnehmen würde, wartet buchstäblich in der Nähe. Selbst das Wetter nimmt die allgegenwärtige Bedrohung auf und unterstützt Burkes ohnehin grandiosen Landschaftsbeschreibungen. Die Handlung wird zu einem Strudel, der Realhistorie und religiöse bzw. magische Mythen mit ‚gotischer‘ Südstaaten-Folklore mischt und auf die Spitze treibt. Wer sich auf der Jacht aufhält, steht vor der Wahl: Wähle deine Seite - das Böse oder die Erlösung - und stelle dich den Konsequenzen deiner Entscheidung. Auf dieses Konzept muss man sich einlassen, darf keinen ‚normalen‘ Robicheaux-Krimi erwarten.

Fazit

Der 23. Band der Dave-Robicheaux-Serie wurzelt nur flach im realen Verbrechen, sondern beschwört bewusst einen direkten Kampf zwischen „Gut“ und „Böse“ auf mehreren Ebenen herauf, der das Übernatürliche einschließt: düster und weniger der Logik, sondern den Fragen nach dem Sinn des Lebens folgend, dabei intensiv geschrieben und auf seine abgehobene Weise spannend.

Verschwinden ist keine Lösung

James Lee Burke, Pendragon

Verschwinden ist keine Lösung

Ähnliche Bücher:

Deine Meinung zu »Verschwinden ist keine Lösung«

Wir freuen uns auf Deine Meinungen. Ein fairer und respektvoller Umgang sollte selbstverständlich sein. Bitte Spoiler zum Inhalt vermeiden oder zumindest als solche deutlich in Deinem Kommentar kennzeichnen. Vielen Dank!

Letzte Kommentare:
Loading
Loading
Letzte Kommentare:
Loading
Loading

Dr. Drewnioks
mörderische Schattenseiten

Krimi-Couch Redakteur Dr. Michael Drewniok öffnet sein privates Bücherarchiv, das mittlerweile 11.000 Bände umfasst. Kommen Sie mit auf eine spannende und amüsante kleine Zeitreise, die mit viel nostalgischem Charme, skurrilen und amüsanten Anekdoten aufwartet. Willkommen bei „Dr. Drewnioks mörderische Schattenseiten“.

mehr erfahren