Im Visier des Feindes

Erschienen: Januar 2021

Bibliographische Angaben

 - OT: Line of Sight

- aus dem Englischen von Reiner Pfleiderer

- HC, 480 Seiten

- Bd. 24 [Jack Ryan]

Couch-Wertung:

70°
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Sabine Bongenberg
Keine großen Überraschungen

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Feb 2021

Wie die sicherlich meisten Mütter weiß Mutter Ryan, welche Knöpfe sie bei ihrem Sohn Jack drücken muss. So bekommt er neben einer großen Portion seines Lieblingsessens auch gleich den Auftrag serviert, bei seiner Reise in das ehemalige Jugoslawien nach einem früheren Schützling seiner Mutter Ausschau zu halten: Die kleine Aida war seinerzeit von ihr operiert worden, in den Wirren des Krieges hatten sich aber später alle Spuren verloren. Jetzt hofft Mutter Ryan, etwas über den Verbleib Aidas zu erfahren. Diese kann tatsächlich gefunden werden, und aus dem ohnehin niedlichen Entlein ist ein stolzer, schöner Schwan erwachsen. Jack Jr. ist gerne bereit, ihr zuliebe seinen Urlaub zu verlängern, wenn auch das „Heimatbüro“ auf eine Rückkehr drängt: In Bosnien-Herzegowina häufen sich brutale, terroristische Überfälle und Morde, die Unruhe in eine Region bringen, die gerade mühsam befriedet werden konnte. Jack gerät wieder einmal zwischen die Fronten - und dieses Mal wird nicht nur sein Leben bedroht ...

Der Junior darf ran

Ich gebe es zu – bei Betrachtung des Buches und dessen goldfarbenem Einband fragte ich mich, ob hier das „goldene Jubiläum“ des Jack Ryan begangen werden soll, dürfte dieser doch mittlerweile zu den dienstältesten Geheimdienstlern ever gehören. Bevor hier aber nach dem Rezept der ewigen Jugend gefragt wird: In diesem Buch spielt Jack Ryan Jr. die Hauptrolle, denn sein alter Herr hat aus beruflichen Gründen keine Zeit mehr, sich persönlich um Sicherheitsfragen zu kümmern. Fragen könnten natürlich auch aufgeworfen werden, wie Tom Clancy nach seinem Tod im Jahr 2013 offensichtlich immer noch aus dem Grab heraus Bücher veröffentlichen kann. Kenner der Serie wissen aber, dass jetzt verschiedene Schriftsteller als „Koautoren“ das Leben seiner Figuren fortführen; in diesem Buch ist (ebenso wie im Vorgängerband) der Autor Mike Maden am Werk. Mit den Nummerierungen möchte ich mich lieber zurückhalten, denn hier scheint nicht unbedingt Einigkeit zu bestehen - wird der Band doch teilweise als 23. und teilweise als 24. Band bezeichnet. Einigkeit besteht allerdings darin, dass Clancys/Madens Weltbild nach wie vor ungetrübt ist: Die USA sind die einzig wahren, aufrechten Vertreter der westlichen Demokratie, am Tisch der Familie Ryan gibt es ehrliches, amerikanisches Essen und die gängige Bezeichnung für ein jüngeres Gegenüber ist der Begriff „Sohn“. Von der Europäischen Union und der NATO hält man dagegen recht wenig und bringt das auch gerne und häufig zum Ausdruck. Eine glückliche Zeit, die offensichtlich von der Existenz eines Don Trump noch nie etwas gehört hat.

Solide Politthriller-Kost

Von diesen ganzen politischen Spitzfindigkeiten abgesehen, liefert Im Visier des Feindes solide Polit-Thriller- bzw. Geheimdienstlerkost: Im ehemaligen Jugoslawien spitzen sich diverse Konflikte zu und es werden verschiedene brutale Attentate begangen, die die Weltöffentlichkeit schockieren und in Richtung eines möglichen Dritten Weltkriegs weisen. Die dabei eingesetzten Waffensysteme und deren Nutzung werden liebevoll erläutert und wer (so wie ich) nicht sonderlich technikaffin ist und sich auch für dieses Metier wenig interessiert, dem eröffnen sich einige Durststrecken. Dennoch ist es nicht schwer, zu verfolgen, wer auf welcher Seite steht, sind doch die US-Amerikaner durchgehend gut – von den Demonstranten gegen die USA mal abgesehen – und die bosnischen, serbischen, syrischen und wie auch immer nicht-amerikanischen Waffenträger in der Regel böse. Wenn auch eine Schwarz-Weiß-Malerei oft gescholten wird, erleichtert sie hier doch einiges.

Immerhin ist Jack Ryan Jr. nicht nur zum Schießen und Kaputtbomben nach Bosnien-Herzegowina gereist, sondern nimmt sich auch die Zeit, die touristischen Ziele des Landes zu besuchen. Mir gefiel, dass einiges über diese Sehenswürdigkeiten und die Besonderheiten der Städte berichtet wurde, mich überraschte aber auch, dass die Bürger des Landes als gefühlskalt bezeichnet wurden, wenn sie nicht mit der gebotenen Andacht an Schreckensmonumenten vorbeigingen. Auch wer in New York jeden Tag am Ground Zero vorbeihastet, wird dabei sicherlich nicht immer ein Gebet sprechen. Beunruhigt war ich allerdings vom Fortschreiten der Beziehung zwischen Jack und seiner charmanten Reiseführerin, denn jeder weiß ja, wie die Verhältnisse zwischen dem einsamen Kämpfer für Recht und Ordnung und einer zauberhaften Frau, der er sein Herz schenkt, erfahrungsgemäß enden. Beunruhigend hätte auch die Mordschwadron sein können, die in Anlehnung an einen berühmten biblischen Mord nach einem wichtigen Körperteil Jack Ryan Jr.’s gierte. Anders als im Vorbild des Alten Testaments waren die Bemühungen dieser neuen Übeltäter aber so dilettantisch, dass ich mir hier keine ernsthaften Sorgen um unseren Helden machte.

Der recht ruhige Fluss der Handlung wird zuletzt durch den Showdown einmal gehörig aufgemischt: Hier zeigt Mike Maden doch, dass er auch eine schnelle, temporeiche und aktionsgeladene Geschichte erzählen kann, und wem das Ganze bisher zu behäbig war, der kommt dann endlich auf seine Kosten (und fragt sich auch, warum erst jetzt). Die abschließend präsentierte Auflösung beantwortete dann alle offenen Fragen und belegte, dass sich doch auch Mutter Ryan offensichtlich mit ihrer Menschenkenntnis nicht irrte.

Fazit

Im Visier des Feindes präsentiert einen geradlinigen, nicht sonderlich überraschenden Polit-Thriller, der auf solide Unterhaltung und auf ein bewährtes Weltbild setzt. Einiges fliegt spektakulär in die Luft, ein ganzer Trupp Bösewichte wird vom Dies- ins Jenseits befördert und der Rest kommt dahin, wo er solide verschlossen ist. Die gute alte amerikanische Ordnung besteht – zumindest hier – fort.
 

Im Visier des Feindes

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