Das Nest der Schlangen

Erschienen: Januar 2019

Bibliographische Angaben

  • Palermo: Sellerio, 2013, Titel: 'Un covo di vipere', Seiten: 304, Originalsprache
  • Köln: Lübbe Audio, 2019, Seiten: 5, Übersetzt: Bodo Wolf

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Almut Oetjen
Eine düstere Familiengeschichte, hervorragend erzählt

Buch-Rezension von Almut Oetjen Mai 2019

Der wohlhabende Geschäftsmann Cosimo Barletta wird frühmorgens von seinem Sohn Arturo tot in seiner Sommervilla am Strand aufgefunden. Die Ursache scheint klar: ein Genickschuss aus nächster Nähe beim Frühstückskaffee. Da Fensterläden und Haustür verschlossen waren, gibt es nur zwei Möglichkeiten. Der Mörder hatte einen Schlüssel - oder Barletta hat ihn selbst hereingelassen.

Barletta hatte die Nacht in der Villa verbracht, den Spuren zufolge mit einer Blondine. Es gab keine feste Geliebte, aber er hatte ein reges Sexualleben, zahlreiche Kurzaffären, vor allem mit jungen Frauen. Manche beschenkte er mit Schmuck und seinem billigen Charme, wie die angehende Literaturstudentin Stefania, andere erpresste er, wie die Medizinstudentin Stella. Von allen Frauen machte er heimlich Fotos in obszönen Posen, die er in seinem Schreibtisch deponierte, ordentlich sortiert und beschriftet – allerdings nur mit Vornamen.

Als Geschäftsmann war Barletta nicht weniger skrupellos, so verlieh er Geld zu Wucherzinsen und trieb damit Menschen in den Bankrott oder Wahnsinn. Kurz: er war ein gemeiner Schurke, dem viele den Tod wünschten.

Während Commissario Salvo Montalbano mit der Identifizierung der Verdächtigen beginnt, überrascht ihn Gerichtsmediziner Pasquano mit einer Bombe: Todesursache war ein Gift in Barlettas Morgenkaffee. Dieses Gift gibt es nur in Krankenhäusern und es führt zu sofortiger Lähmung mit Todesfolge. Barletta saß bereits tot am Tisch, als er „erschossen“ wurde.

Mord bleibt Mord

Ausnahmsweise hat Montalbano es nur mit einem einzigen Mord zu tun. Doch der hat es in sich. Denn das Opfer wurde gleich zweimal getötet, von zwei unabhängig voneinander, in geringem zeitlichem Abstand agierenden Tätern.

Zwei Personen beschließen am gleichen Tag und fast zur gleichen Uhrzeit, jemanden umzubringen. Das kann kein Zufall sein. Montalbano fragt sich, was Barletta an seinem Todestag vorhatte, das gleich zwei Mörder auf den Plan rief, wobei der zweite Mord nicht justiziabel ist. Für Montalbano ändert das nichts. Er muss nach zwei Tätern suchen, hat doppelte Arbeit. 

Bei all dem bietet das Opfer wenig Grund, sich in die Ermittlungen zu stürzen, weil der Fall mit Montalbanos Gerechtigkeitssinn kollidiert. Er möchte nicht gerne den Mörder eines gemeinen Schurken hinter Gitter bringen.

Camilleri konstruiert einen Fall von Seltenheitswert in der Krimilandschaft. Er steigert den Schwierigkeitsgrad zusätzlich durch eine erhebliche Anzahl potentiell Verdächtiger. Barletta war derart verhasst, dass es mehrere Dutzend Personen mit einem Mordmotiv gab, darunter seine Kinder Arturo und Giovanna. 

Beide haben ein offensichtliches Motiv: Geld. Beide führen einen teuren Lebensstil. Barletta belästigte außerdem Arturos Frau Michela sexuell, sie war vor ihrer Heirat seine Geliebte gewesen und hasst ihn, was sie ebenfalls verdächtig macht. Arturo und Giovanna belasten sich indirekt gegenseitig, geben sich aber auch ein Alibi.

Wer fragt hier eigentlich wen aus?

Um der Wahrheit auf den Grund zu gehen, muss sich Montalbano auf seine Menschenkenntnis und sein Verständnis für die Sprache verlassen, will er die Geschichte der Familie entziffern und damit ihr Geheimnis erfahren. Mal nutzt er das Moment der Überraschung, belegt Verdächtige mit einem Sperrfeuer an Fragen. Dann wieder gibt er sich arglos, um den Verdächtigen in Sicherheit zu wiegen. Das Verhör mit Michela und das Rendezvous mit Giovanna sind beispielhaft für die Rhetorik, mit der er Informationen extrahiert.

Doch wer fragt hier eigentlich wen aus? Giovanna, eine beeindruckende Erscheinung und Verkörperung einer modernen Femme fatale, ausgesprochen schön und elegant, verleitet Montalbano zu einer großen Dummheit, trotz Warnung und Vorsicht.

Eine zentrale Rolle spielt die Unbekannte, die die Nacht mit Barletta verbrachte. Ihre Identifizierung bereitet Montalbano große Kopfschmerzen, denn in Barlettas Umfeld wimmelt es nur so von attraktiven Blondinen. Ein weiteres Rätsel gibt ihm ein geheimnisvoller Brief mit brisantem Inhalt auf, den er entschlüsseln und dessen Verfasser er identifizieren muss. 

Die Kriminalhandlung wird verknüpft mit einer anderen Geschichte, der des Vagabunden Mario. Der wohnt in einer Höhle in der Nähe von Montalbano und stellt sich vor einem Regenschauer in dessen Veranda unter. Mario, kultiviert und gebildet, beeindruckt und ängstigt den Commissario gleichermaßen. Er ist eine moralische Gegenfigur zu Barletta, ein Mensch, der sich selbst bestraft. Mit einer vertraulichen Information gibt er Montalbano das letzte Puzzleteil zum Verständnis der Familie Barletta. 

Je mehr Montalbano über die Familie Barletta erfährt, desto mehr fühlt er sich an ein Schlangennest erinnert. Er hat das Gefühl, unaufhaltsam in einen höllischen Abgrund zu stürzen. Die ungeheuerliche Wahrheit stellt ihn vor ein Dilemma. Soll er sie Staatsanwalt Tommaseo sagen? Würde der ihm überhaupt glauben?

Das Original von „Das Nest der Schlangen“ um Camilleris Serienhelden Commissario Salvo Montalbano aus dem sizilianischen Vigàta erschien 2013 unter dem Titel „Un covo di vipere“, wurde aber laut Anmerkung des Autors bereits 2008 geschrieben, so schnell nach „Die dunkle Wahrheit des Mondes“, dass die Veröffentlichung verschoben wurde.

Fazit:

Andrea Camilleri erzählt in „Das Nest der Schlangen“ auf 267 Seiten eine düstere Familiengeschichte über ein schwieriges Thema und nimmt kritisch männliches Verhalten ins Visier. Hervorragend erzählt, pointiert, dialogstark, effizient: kein Wort zuviel, keins zuwenig.

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