Der Dieb der süßen Dinge

Erschienen: Januar 2000

Bibliographische Angaben

  • Palermo: Sellerio, 1996, Titel: 'Il ladro di merendine', Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Edition Lübbe, 2000, Seiten: 315, Übersetzt: Christiane v. Bechtolsheim
  • Bergisch Gladbach: BLT, 2001, Seiten: 317
  • Köln: Bastei Lübbe, 2012, Seiten: 317

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Wolfgang Weninger
Wie man drei Fäden zum Zopf der Erkenntnis flechtet

Buch-Rezension von Wolfgang Weninger Mai 2003

Und wieder befinden wir uns in dem fiktiven sizilianischen Dörfchen Vigàta an der sizilianischen Küste. Zum dritten Mal muss Commissario Montalbano seinen Grips beweisen, wenn er in Andrea Camilleris Roman "Der Dieb der süßen Dinge" eben diesem das Handwerk legen soll.

Aber vor das kriminalistische Tagwerk hat der Autor natürlich die Leichen und ihre Entdeckung gestellt. Wie üblich bleibt unserem sizilianischen Paradeermittler keine Zeit, um sich um sein Liebesleben mit der attraktiven Livia zu kümmern, denn der alternde Geschäftsmann Signor Lapecora hat es vorgezogen, mit einem Messer im Körper im Aufzug seines Wohnhauses den Dauerschlaf anzutreten.

Durchsiebter Tunesier auf Fischkutter

Es wäre kein richtiger Montalbano-Krimi, gäbe es da nicht gleichzeitig einen weiteren Toten. Auf einem sizilianischen Fischkutter, der angeblich zu weit in tunesische Gewässer geraten ist, wird rein zufällig von einer tunesischer Küstenpatrouille ein ebenso zufällig frisch angeheuerter tunesischer Seemann mit Munition durchsiebt. Und der Leser der ersten beiden Montalbanokrimis ist sich jetzt sicher, dass sich diese beiden Verbrechen gar nicht so zufällig kreuzen und Camilleri im Verlauf der Handlung die Fäden zu einem einzigen verknüpft.

Doch vorher muss noch die geheimnisvolle "Fußbodenmasseuse" des bedauernswerten Signor Lapecora gefunden werden, in deren Honorar offensichtlich auch noch andere Massagetätigkeiten gefallen sind, von denen sich herausstellt, dass auch die Rentnerband der Umgebung eifrig Gebrauch gemacht hat. Karima, wie dieses offenherzige Säuberungsliebchen heißt, ist nicht nur bildhübsch, sondern auch Tunesierin mit einem Hang zum gefüllten Sparbuch.

Die holde Horizontalmaid

Bei der Lokalisierung der holden Horizontalmaid gerät Montalbano auch an den Titelhelden, der sich als Jausenklau bei diversen Schulknaben spezialisiert hat. Blaue Augen für die Besitzer der Eierkuchen erzürnen das Volk und schon hat Montalbano den dritten Faden in der Hand, um mit den anderen beiden, den Zopf der Erkenntnis zu flechten.

Dabei kommen dem Commissario auch seine eigenen Gefühle in die Quere, liegt doch der eigene Vater im Sterben. Und zum Drüberstreuen will auch noch die Dauerflamme Livia geehelicht und zur Mutter gemacht werden. Die ständig angedrohte Beförderung, die der Commissario so fürchtet und der Druck seiner persönlichen Probleme verleiten den bedauernswerten Mann dann zu einem Schwur, dessen Einhaltung neben der Lösung der Straftaten zum unvermeidbaren Ende führt.

Der dritte Teil der Camillerimania ist meines Erachtens der bislang beste. Obwohl auch hier die Fälle und ihre Verknüpfung in haarsträubender Geschmeidigkeit ineinander verwoben werden, zeigt der Commissario plötzlich menschliche Anwandlungen. Natürlich belohnt er sich für seinen Einsatz wieder mit den ausgeklügeltsten Delikatessen, ignoriert sämtliche Regeln menschlichen Einfühlungsvermögens, um doch wieder auf den Boden durchschnittsmenschlicher Tatsachen geholt zu werden.

Das Ganze ist in sehr lesbaren, mit teilweise blumigem Ausdruck geschriebenem Text fabriziert, der den Roman zu einer leichten Freizeitlektüre macht. Es kann und darf ja nicht immer hehres Kulturschaffen sein, solche Bücher braucht der Workaholic für Zwischendurch zur Entspannung. Dieser Camilleri ist folglich Gebrauchsliteratur der guten Art, empfehlenswert nach einem langen Arbeitstag vor dem Einschlafen oder für einen gemütlichen und verregneten Lesesonntag.

Der Dieb der süßen Dinge

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