Das kalte Lächeln des Meeres

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • Palermo: Sellerio, 2003, Titel: 'Il giro di boa', Seiten: 269, Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Lübbe, 2004, Seiten: 283, Übersetzt: Christiane von Bechtolsheim
  • Bergisch Gladbach: BLT, 2005, Seiten: 283
  • Bergisch Gladbach: BLT, 2008, Seiten: 283

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Lars Schafft
Wie ein guter Wein - je älter, desto besser

Buch-Rezension von Lars Schafft Jun 2004

Achtzig Jahre wird der Italiener Andrea Camilleri in diesem Jahr, seit zehn Jahren schreibt er an der Reihe um den auf Sizilien ermittelnden Commissario-Kauz Salvo Montalbano. Doch von Abnutzungserscheinungen keine Spur. Vielmehr ist es bei Camilleri wie mit einem guten Wein: Mit zunehmendem Alter wird er immer besser!

Der Untertitel von "Das kalte Lächeln des Meeres" lautet diesmal "Commissario Montalbano verliert die Geduld". Und wie! Montalbano fühlt sich von seinem eigenen Arbeitgeber verraten, kann das Vorgehen der Polizei beim G8-Gipfel, wo ein Demonstrant ums Leben kam, Unschuldige mit Tränengas beschossen werden, nicht mit seinem Gewissen vereinbaren. Nein, dieses Italien ist nicht mehr sein Fall - Montalbano will hinschmeißen.

Ein kühles Bad für einen klaren Kopf - mit Algenfrisur

Von einem kühlen Bad verspricht er sich dennoch einen klaren Kopf. Stattdessen stößt er auf einen "Kopf mit Algenfrisur" - eine Wasserleiche, die neben ihm schwimmt. Kurzentschlossen schleppt er den Toten an den Strand, wo ihn allerdings schon ein altes Ehepaar mit einer Schusswaffe erwartet. Auch das noch: Nackt steht er vor den beiden, hat gerade eine Leiche aus dem Wasser gezogen und muss sich als Mörder beschimpfen lassen. Ein Schlag mit einer Eisenstange aus der Hand der alten Dame gibt Montalbano dann endgültig den Rest.

Wieder auf den beiden gerät Montalbano am Hafen, wo ein Flüchtlingssschiff angekommen ist, erneut in ein Schlamassel. Beim Landgang einer Familie entdeckt er aus dem Augenwinkel, wie sich der kleine Sohn auf und davon machen will. Geistesgegenwärtig rennt der Commissario hinterher, bringt den jungen Ausreißer zurück an die Hand seiner Mutter. Dass dies keineswegs ein edler Zug war, wird Montalbano wenige Zeit später klar - als die Leiche eben dieses Jungen gefunden wird.

Über Montalbanos Gedankenwelt schieben sich düstere Wolken

Scharfzüngig und sprachlich gekonnt bringt Camilleri unter einen Hut, was so gar nicht zusammen passen will: Südländisches Dolce Vita verknüpft er mit einer deutlichen politischen Botschaft, nimmt ein korruptes System auf die Schippe und lässt seinen Protagonisten bei allerlei italienischen Köstlichkeiten über eines der größten Probleme Mittelmeeranreiner sinnieren. Über Montalbanos Gedankenwelt haben sich düstere Wolken geschoben. Bitterkeit, Frustation und Wut gesellen sich zu einem immer noch vorhanden Trotz, für das Gute, das Aufrichtige, zu kämpfen. Dieser Montalbano, von dessen "dunkler Seite" man in den bisherigen Romanen und Erzählungen nur wenig lesen durfte, ist ernster und moralischer geworden.

Abseits dieses Gedankenkenumschwungs seines Protagonisten macht Camilleri praktisch nebenbei den Unsinn einer Diskussion über unterhaltende U- und "ernsthafte" E-Literatur klar. U und E muss kein Widerspruch, selten wurde ein dermaßen heißes Eisen wie der Flüchtlingsstrom nach Europa dermaßen vergnüglich angepackt.

Die Balance zwischen U und E hält Camilleri dabei gewohnt sicher. Den Leser, der sich vor allem unterhalten lassen möchte, erschlägt er nicht mit der Moral-Keule. Den Leser, der mehr erwartet als einen guten Plot und eine pfiffige Schreibe, langweilt er nicht mit Belanglosigkeiten.

Der Wein ist nicht schlechter geworden, nur trockener und schwerer

Andrea Camilleri unterscheidet sich dann aber doch in einem Punkt vom edlen Rebensaft: Auch der letzte Schluck schmeckt keinesfalls schal, hinterlässt keinen schlechten Nachgeschmack. Allerdings ein kleines Grübeln über die Probleme Südeuropas, ein Stirnrunzeln, betroffene Nachdenklichkeit. Der Wein ist nicht schlechter geworden, nur trockener und schwerer. Und das sonnig-warme Mittelmeer lächelt kalt. Aber genau das wollte Camilleri ja.

Das kalte Lächeln des Meeres

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Letzte Kommentare:
04.01.2011 23:30:39
UlrikeHohl

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, sehr ernstes Thema. Montalbano will einem kleinen Jungen helfen zu seiner Mutter zurueckzukommen und merkt dann, dass er bei einer "falschen Familienzusammenfuehrung" geholfen hat. Das bringt ihn fast um den Verstand. Die Dialoge sind sehr witzig, und Montalbano ist sehr lebensnah und sympathisch geschildert. Auch die Schwedin Ingrid, die wir ja schon kennen, mag man sofort. Ich lese gerade den naechsten Montalbano...

04.04.2008 13:33:25
D. Piper

Ein unglaublich humorvoll geschriebenes Buch, ich möchte meinen, Camillieris beste Montalbano Geschichte! Viel Witz in den Dialogen und in der Handlung! Sehr empfehlenswert!

06.02.2008 14:22:55
Hans Steininger

Ich hab's noch nicht gelesen, kann aber nimmer lange dauern.
Ganz besonders am Herzen liegt mir nach aller Camilleri-Lektüre, dass die Übersetzerin entsprechend gewürdigt wird: Sie vermittelt mir ständig das Gefühl, als läse ich die Camilleris im Original ...
Danke, Frau von Bechtolsheim!

24.01.2007 17:26:04
Anja S.

Dieser Camilleri hingegen hat mir gaaaanz wunderbar gefallen. Originelle Story, spannend, witzige Dialoge und besonders meine Lieblingsfigur Catarella ist mal wieder in Hochform.

04.07.2006 15:44:03
Girl in Green

"Das kalte Lächeln des Meeres" war mein erstes Buch von Andrea Camilleri und es war nicht schlecht, ein guter Krimi, mehr aber auch nicht. An einigen Stellen wird es richtig unterhaltsam, nämlich dann, wenn Montalbanos humorvolle Seite zum Vorscheinen kommt. Aber ich finde, aus dem Thema hätte man durchaus noch mehr machen können.
Der Spiegel schrieb, Camilleri lesen sei wie Mozart hören.
Mir persönlich ist "Mozart" zeitweise leider etwas zu eintönig.

06.11.2005 00:39:42
Robert Henke

Apokalypse bei Camilleri:

Der Genußmensch Montalbano muß den Realitäten des 21. Jahrhunderts ins Gesicht sehen: Flüchtlingsansturm auf Europa. Kinderverkauf aus der dritten Welt nach Europa. Den Kindern werden zum Zwecke des größeren Erfolgs beim Betteln infektiöse Wunden beigebracht und Gliedmaßen abgehakt; wenn sie nicht sogar von Pädophilen zum Lustgewinn zu Tode gefoltert werden.

Ein alternder, depressiver und erschöpfter Montalbano verschuldet aus Naivität den Tod eines dieser Kinder und kann gegen das Verbrechersystem nur den berühmten Tropfen auf den heißen Stein beisteuern, indem er einen Statthalter des diabolischen Verbrecherkönigs, der Menschen bei lebendigem Leib von Krabben auffressen läßt, erschießt.

Am Rande sei noch angemerkt, dass Montalbano frustiert kündigen will, wohl einen Herzinfarkt erleidet, seine von uns seit vielen Jahren geschätzte Fernbeziehung zu Livia kriselt, weil es Montalbano zu der schönen Ingrid zieht und auch noch das Stammrestaurant unseren Helden schließt.

Absolut kein Platz für Lachen. Die Erwartungen in einen entspannenden Feierabendkrimi mit sizilianischem Flair werden komplett enttäuscht. Trotzdem Signore Camilleri: Eine eiskalte Leserdusche im richtigen Moment und im richtigen Ton. Ganz großer Wurf. Tatsächlich mindestens 97 Grad.

26.08.2005 12:36:27
Robert Hippacher

Comissario Montalbano ist wie das sizilianische Essen, das ebendort beschrieben: Zergeht auf der Zunge, schmeckt niemals fad und ist immer für Überraschungen gut. Um es mit Raich-Ranizcky zu sagen: Eige ntlich sind ja alle Geschichten schon geschrieben, nur vorallem das Wie... ist dementsprechend die Essenz des Andrea Camilleri. Und an dieser Stelle muss der Übersetzerin gednkt werden, die es schafft in deutschen Worten Italienisches zu sagen. Mehr Italien, was auch den tiefgründigen Humor, Land und Leute angeht, ist mir bis dato noch nicht begegnet - vorallem in einem Kriminalroman. Mit Spannung warte ich auf Neues aus der sizillianischen Feder...

15.11.2004 00:25:19
Ihr Name

hallo
Ich finde es ein sehr gutes und spannendes Buch. Ich habe es an einem Tag gelesen. Und nun mache ich in der Schule einere Buchvortrag darüber. Ich hoffes es glingt mir , dass spannende Buch zu wider geben....
Grüsse an alle!!

02.10.2004 21:11:57
Brigitte Eilert-Overbeck

Auch diesmal hat Camillieri es wieder geschafft: Ich bin total hingerissen! Das ist insofern nichts besoneres, als das bislang noch bei jedem Montalbano-Roman der Fall war, aber es gibt da doch noch so etwas wie eine Steigerung. „Das kalte Lächeln des Meeres“ lässt mich im einen Moment kichern, im anderen bin ich fast versteinert vor Entsetzen und möchte heulen vor Mitleid und Zorn. Trotz Gewöhnung an die Biler in den Nachrichtensendungen – wenn jetzt von diesen vollen Flüchtlingsbooten vor Lampedusa die Rede ist, ist das nicht mehr etwas, was ich zwar bedauernd, aber doch achselzuckend zur Kenntnis nehme. Das Flüchtlingselend, das Verbrechen an den Kindern – das ist nicht mehr irgendwas Abstraktes, das doch eigentlich recht weit weg bleibt. Camillieri schafft es, dass der Leser sich völlig mit dem Commissario identifiziert und mit ihm leidet, dass man persönlich zutiefst betroffen ist. Dennoch hat der Roman eine schwebende Leichtigkeit und einen wunderbaren Humor. Wie Camillieri dem kalten Lächeln des Meeres den warmen Blick der Menschlichkeit entgegensetzt, das ist in der Tat meisterlich. Was ich darüber hinaus bemerkenswert finde und was auch mal gesagt werden sollte: Mir scheint, Frau von Bechtolsheim ist eine ziemlich großartige Übersetzerin.