Aufgeklärt:
Noir

»Die Straßen waren schwarz nicht vom Dunkel der Nacht allein.« (Raymond Chandler)

„Die Hölle, das sind die anderen“, heißt es in Jean Paul Sartres Theaterstück „Geschlossene Gesellschaft“. „Ich ist ein anderer“, schrieb Arthur Rimbaud. Beides spielt für den Noir eine grundlegende Rolle. Das „Anders“-sein“ bedeutet ausgeschlossen zu sein, Randfigur einer Gesellschaft, deren alltäglichen Rituale keine Rolle mehr spielen. Die „Hölle“ erklärt sich von selbst. Die Protagonisten werden hineingerissen, -geworfen, lassen sich bereitwillig fallen oder werden gestoßen. Es ist die Welt, in der man lebt, leidet und stirbt. Und manchmal ist man die Hölle selbst.

Verbrechen und Ermittlung stehen nicht im Mittelpunkt der Erzählung, sondern die Auswirkungen, die Gewalt, Kriminalität und deren Folgen auf die jeweiligen Protagonist*innen besitzen.  Noir ist kein Genre mit festgeschriebenen Regeln und Begrenzungen. Derek Raymond geht sogar so weit in seinem lesenswerten Werk „The hidden files“ („Die verdeckten Dateien“), einer höchst spannenden, informativen und durchaus kontrovers zu diskutierenden Mischung aus autobiographischen Erinnerungen und Ergründung des Noir, William Shakespeare als größten Noir-Dichter zu bezeichnen. Das hat etwas für sich, denn Shakespeare lässt seine Figuren mit den Fallstricken der Politik, eigenen Obsessionen oder der Missgunst ihrer Umgebung kollidieren. Wahnsinn, Scheitern, Verzweiflung, gerade in Verbindung mit Liebesdingen, und Tod reißen seine Figuren in den Abgrund. 

Im Gegensatz zu vielen eskapistischen Kriminalromanen, in denen Sprache nur leidiges Transportmittel zu sein scheint, das die ewig gleiche Oberflächenspannung vermitteln soll, ist sie im Noir wesentliches Mitgestaltungsmittel. Egal ob Strukturen zerpflückt oder ausgefeilt Inhalte und Atmosphäre transportiert werden. Und das beherrscht Shakespeare meisterlich.

„Im Noir gibt es kein individuelles Problem: Die Welt ist das Problem“ (Nicholas Seeley)

Ein großer Sprung ins 20. Jahrhundert. Eine schier endlose Abfolge von Kriegen und Krisen. Dunkelheit und Unsicherheit sind prägende Bestandteile. Noir reagiert darauf, „seine Aufgabe besteht darin, einen Zeitungsartikel auf der Verbrechensseite zu der Tragödie auszuweiten, die sich dahinter verbirgt; Gewalt, Elend und Verzweiflung zu erforschen, das Niedrigste zu analysieren, all das was wirklich schrecklich falsch ist an der Art, wie wir leben“ (Derek Raymond, „Die verdeckten Dateien“).

1934 erschien mit James M. Cains „The Postman Always Rings Twice“ (Zunächst als „Die Rechnung ohne den Wirt“ veröffentlicht, erst ab 1981 als „Wenn der Postmann zweimal klingelt“. Der „Postmann“ heißt hierzulande übrigens Briefträger und ist gar nicht gemeint. Der Titel ist ein synonym für eine zweite Chance) ein prototypischer Noir. Während der Weltwirtschaftskrise bekommt der Herumtreiber Frank Chambers einen Job an einer Tankstelle und bändelt mit Cora, der Frau seines Chefs Nick Papadakis, an, was zu einer tödlichen Intrige gegen ihn führt. Cora und Frank geraten zwar unter Verdacht, doch werden nicht überführt. Kurze Zeit später kommt Cora bei einem Autounfall  ums Leben. Obwohl diesmal unschuldig, lässt sich Frank widerstandslos in die Todeszelle verfrachten. Die zweite Chance erweist sich als Höllenfahrt.

Hier haben wir bereits vieles von dem, was einen Noir ausmacht. Im Hintergrund eine bedrückende Wirtschaftssituation, im Vordergrund Verzweiflung, obsessive Liebe, die zu einem Mord führt, am Ende Ungeschick und Fatalismus. Es gibt kein Entkommen, vor allem, wenn man an entscheidender Stelle falsch abbiegt.

Der Roman wurde mehrfach verfilmt, zu den bekanntesten Adaptionen gehören die italienische Version von Luchino Visconti („Ossessione“, dt. „Besessenheit“), die 1943er amerikanische Verfilmung von Tay Garnett - und Bob Rafelsons späte Interpretation aus dem Jahr 1981: Die am wenigsten düstere, im kollektiven Gedächtnis hauptsächlich wegen der Frage geblieben, ob Jessica Lange und Jack Nicholson den Sex auf dem Küchentisch tatsächlich nur vorgetäuscht haben.  Die passende Gelegenheit für einen kleinen Exkurs, denn das Thema Noir ist kaum abzuhandeln ohne die filmischen Vertreter der „Schwarzen Serie“. Eine freie Übersetzung des Begriffs „Film Noir“, den der französische Filmkritiker Nino Frank 1946 erstmals verwandte.

„In keinem Noir ist eine weiße Wand frei von Schatten“ (Foster Hirsch)

Gleich am Anfang steht 1941 ein Klassiker, John Hustons „The Malteste Falcon“ („Die Spur des Falken“), nach dem Roman von Dashiell Hammett. Eigentlich eine Hardboiled-Geschichte, wird der Film durch seine Bildersprache, die Figurenzeichnungen (grandioses Schauspiel von Peter Lorre und Sidney Greenstreet) und vor allem die Femme Fatale, die den männlichen Protagonisten in den Abgrund reißt. Fast. Sam Spade steht zwar am Ende als manipulierter Loser da, behält aber sein Leben und seine Kaltschnäuzigkeit. Das wird sich spätestens mit Billy Wilders herausragendem „Double Indemnity“ („Frau ohne Gewissen“, 1944) ändern, in dem die vorzügliche Barbara Stanwyck den leicht verkniffenen Versicherungsangestellten Walter Neff (Fred MacMurray) in einen willfährigen Handlanger verwandelt, dessen obsessive Liebe sein Ende einleitet und bedeutet. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Roman von James M. Cain.

Die Schwarze Serie mit ihrer ausgefeilten Lichtgestaltung, in der Schattenwurf eine beredte Sprache spricht, hat deutliche Bezüge zum, insbesondere deutschen, expressionistischen Film der Zwanziger Jahre. Kein Wunder, waren doch viele der bedeutendsten Regisseure wie Billy Wilder, Fritz Lang, Robert Siodmak oder Otto Preminger Immigranten, die bereits das frühe europäische Kino mitgestalteten.

Die Schwarze Serie war thematisch vielseitig, sie wies Spionage-, Detektiv-, Gangster- Polizei- oder Liebesfilme („Laura“) auf, funktionierte als Psychothriller und kam sogar ganz ohne Verbrechen aus. Wie Billy Wilders delirierendes Alkoholiker Drama „The Lost Weekend“ („Das verlorene Wochenende, 1945) belegt. Vielfach wird Orson Welles „Touch Of Evil“ („Im Zeichen des Bösen“, 1958) als Endpunkt der klassischen Schwarzen Serie bezeichnet, doch darf man Allen Barons höchst konsequenten, aufs Nötigste reduzierte Noir-Studie „Blast Of Silence“ („Explosion des Schweigens“, 1961) nicht vergessen, der zwar an der Kinokasse floppte, doch mit den Jahren zu Recht an Bedeutung gewann und mit Lob überschüttet wurde.

Die Schwarze Serie endete, doch der Film Noir blieb. Ob im französischen Kino durch Jean Pierre Melville perfektioniert oder mit Produktionen wie „Chinatown“ (1972), „Taxi Driver“ (1974) oder „Rumblefish“ (1983). Herausragend sind noch Ridley Scotts Science Fiction-Noir „Blade Runner“ (1981), der im Jahr 2017 eine Fortsetzung fand („Blade Runner 2049“) und David Lynchs surreale Phantasmagorien wie „Lost Highway“ oder „Mulholland Drive“.

Auch im Fernsehen spielt Noir eine Rolle, nicht erst seit „Twin Peaks“. Aktuell startet die dritte Staffel von „True Detective“, jener Serie, die kommerziell höchst erfolgreich den Noir audiovisuell auf heimischen Bildschirmen zelebrierte.  Deren Schöpfer Nic Pizzolatto abseits des Fernsehens mit dem Roman „Galveston“ 2010 ein markiges Zeichen gesetzt hat.  Und mit „Veronica Mars“ (mit hohem Hard-boiled-Anteil) und „Riverdale“ hat der Noir die Pubertätszone erreicht.

Zurück zur Literatur der Schwärze

Literarisch blieb der Noir – vor allem qualitativ – eine konstante Größe. Die sich nicht unbedingt in Verkaufszahlen niederschlug. So starb Jim Thompson, einer der herausragenden Noir-Autoren völlig verarmt. Literarisch ist sein Erbe kaum zu überschätzen. Obwohl die (Groß)stadt der Hauptschauplatz des Noir ist, schuf Thompson bereits Werke, die man dem Country Noir zuschreiben kann, den Autoren wie Pete Dexter, Daniel Woodrell, Joe R. Lansdale, Gerard Donovan oder Benjamin Whitmer bis heute gekonnt hegen und pflegen.

Für weitere Höhepunkte sorgten Cornell Woolrich, Horace McCoy („They Shoot Horses, Don’t They?“, dt. „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss“, wurde von Sidney Pollack exzellent verfilmt), David Goodis (einer der Autoren, die in Frankreich eine Renaissance erlebten), Gerald Kersh, dessen „The Dead Look On“, dt. „Die Toten schauen zu“ (1943), eine überwältigende Paraphrase des Massakers von Lidice, eigentlich Pflichtlektüre für jeden aufgeklärten Lesenden sein sollte. Ted Lewis schuf mit Jack Carter einer Kultfigur und war einer der maßgeblichen britischen Noir-Autoren der Siebziger. „Jack’s Return Home“ (dt. „Jack Carters Heimkehr“, später auch „Jack rechnet ab“, 1970) wurde dreimal verfilmt. Bereits ein Jahr nach der Veröffentlichung gelang Mike Hodges mit Michael Caine in der Titelrolle eine adäquate, düstere Adaption des Stoffes. 1972 verwandelte George Armitage den Roman in eine Blaxploitation-Variante, die keinen großen Eindruck hinterließ, und verlegte die Handlung nach Oakland und Südkalifornien. 2000 verwandelte sich der Antiheld Jack Carter in den Brechmann Sylvester Stallone. Bekam weder dem Stoff noch der Figur gut. Es gibt zwar einen schönen Michael Caine-Cameo als Hommage an die britische Verfilmung, aber Stallone und Co. trieben „Get Carter“ den Noir fast vollends aus und servierten dem Hitman-Film von der Stange sogar ein Happy End. 

Und dann ist da noch der bereits erwähnte Derek Raymond (eigentlich Robin William Arthur Cook), dessen Roman „I was Dora Suarez“ („Ich war Dora Suarez“, 1990) einer der dunkelsten, verzweifeltsten, brutalsten und liebevollsten Noirs ist (was aber fast ohne Abstriche ebenso für seine anderen Bücher aus der „Factory“-Reihe gilt). Der Ermittler verschmilzt mit einem Mordopfer und geht dabei (fast) verloren. Raymond schildert eine Welt voller unbeschreiblicher Grausamkeiten, die nie zum Selbstzweck verkommen, sondern Bestandteile eines aus den Fugen geratenen Systems sind. Raymond erzielt eine durchdringende Wirkung gerade dadurch, dass seine Figuren mit tiefreichender Empathie  gezeichnet werden.

Kadaver, die in der Sonne bräunen

Während der Noir in der deutschsprachigen Literatur, mit wenigen Ausnahmen (Gert Ledigs „Vergeltung“ ist, obwohl kein Krimi, ein großer Noir-Roman. Im Krimibereich kann man Ulf Miehe, Jörg Fauser und Frank Göhre anführen), keine exzeptionelle Rolle spielt, sieht das in Frankreich ganz anders aus. Hier führt die von Marcel Duhamel ins Leben gerufene „Serie Noire“ zu einer eigenen Ausprägung, dem „Roman noir“, der auch als „Polar“ Bekanntheit erlangt. Stellvertretend seien Autor*innen wie Jean Amila, Leo Malet, Jean-Patrick Manchette, Didier Daeninckx, Jean-Bernard Pouy und Dominque Manotti genannt. Georges Simenon schuf ebenfalls hervorragende Noirs („La veuve Couderc“, dt. „Die Witwe Couderc“, 1942,  „La neige était sale“, dt. „Der Schnee war schmutzig“, 1948 ).

Der Noir geht dahin, wo es wehtut, scheut keine Risiken und entblößt Menschen, Beziehungen und Strukturen bis auf ihre Rudimente. Das ist schmerzhaft, aber auch befreiend und erhellend. Zeitgeschehen wird einbezogen, das Ausloten der Grenzen der Menschlichkeit per se. Am Ende steht kein Befreiungsschlag, keine Erlösung dank eines Ermittlungserfolgs, sondern die Erkenntnis, dass es bereits ein Erfolg ist, überlebt zu haben. Zu Kreuze gekrochen zu sein, ohne vollständig daran zu zerbrechen. Mehr sitzt nicht drin.

Das waren nur kurze Schlaglichter auf ein grenzsprengendes Thema, das Fjodor Dostojewskis „Schuld und Strafe“ und Franz Kafkas „Der Prozess“ ebenso berührt wie Batmans „Dark Knight“-Inkarnation. Das in Literatur lebt, in Filmen, in Comics, im Theater und in der Musik. Wie in den Kompilationen „Jazz Noir“ oder „Ultra Noir“, die vorwiegend Stücke aus Film Noirs enthalten. Da heißt es „Farewell My Lovely“ zu „Laura“, während in L.A. ganz vertraulich „Bloody Christmas“ gefeiert wird, um anschließend mit James Sallis‘ „Driver“ den „Lost Highway“ entlang zu brettern. Auf jeden Fall die passende Begleitung zu den folgenden Lesetipps.

"Aufgeklärt: Noir" von Jochen König
Foto: © istock.com/peepo

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