Hartes Pflaster

Erschienen: Januar 2004

Bibliographische Angaben

  • Paris: Seuil, 1995, Titel: 'Sombre Sentier', Originalsprache
  • Berlin; Hamburg; Göttingen: Assoziation A, 2004, Seiten: 333, Übersetzt: Ana Rhukiz

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Thomas Kürten
Willkommen in der Wirklichkeit!

Buch-Rezension von Thomas Kürten Mai 2006

Wieder einmal ein Spitzenroman, der viel zu lange ungelesen in meinem Regal stand. Schon im Oktober 2004 brachte der kleine Verlag Assoziation A den Roman der Französin in den deutschen Buchhandel. Erst die Pariser Aufstände im März 2006 bewogen mich, diesen Roman endlich zu lesen. Es ist das Jahr 1980, Paris, im März: Das Viertel Sentier ist ein wirklich "Hartes Pflaster": Ziel vieler Einwanderer- und Gastarbeiterfamilien, die sich zum größten Teil illegal in Frankreich aufhalten und zu Dumpinglöhnen in den Schneiderwerkstätten der Haute Couture ausgebeutet werden. Die meisten der illegalen Arbeitskräfte kommen aus der Türkei und dem vorderen Orient und sie formieren sich zum Straßenkampf, um eine Legalisierung und somit eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten, wodurch sie auch mehr Rechte in den Werkstätten beanspruchen könnten.

In der wilden Zeit dieser Demonstrationen spielt Dominique Manottis Noir-Roman. Der schwule Kommissar Daquin fahndet mit seinem Team im Sentier nach einem Netz von Drogenhändlern, das die französische Hauptstadt mit Heroin versorgt. Soleiman ist türkischer Einwanderer und organisiert den türkischen Aufstand der "Sans Papiers". Er hat jedoch eine dunkle Vergangenheit in der Türkei und wird damit von Kommissar Daquin erpresst, ihn mit Informationen zu versorgen und für sexuelle Gefälligkeiten zur Verfügung zu stehen. Gerade als die erste Demonstration erfolgreich und friedlich beendet ist, wird die Polizei in eine illegale Schneiderwerkstatt gerufen, in der die Leiche eines geschändeten Thai-Mädchens gefunden wurde.

Die Strippenzieher vom Sentier

Da Daquin den Tatort mit seinen eigenen Ermittlungen in Verbindung bringen kann, lässt er das Umfeld beobachten und verdächtige Personen mit Hilfe Soleimans identifizieren. In sein Visier gerät ein Fotostudio, das abends als Liebesnest an Geschäftsleute vermietet wird. Als immer wieder Namen eines engen Personenkreises auftauchen, ist dies der Ausgangspunkt weitreichender Nachforschungen, die nicht im Sentier bleiben, sondern ein Netz von Korruption erahnen lassen und in diplomatische Dimensionen führen.

Die Autorin fährt höchstes Tempo und führt dem Leser meisterhaft die Brisanz und die Gefahren des Berufes eines Polizisten vor Augen. Sätze wie Maschinengewehrfeuer. Kurz, präzise, treffend. Die Personen werden messerscharf von ihr skizziert, wobei sie in deren Psyche nur soweit einsteigt, wie es dem Roman gut tut. Personen, denen die Polizei auf der Spur ist, sterben plötzlich wie die Fliegen. Daquin muss hellwach sein, wenn er noch einen Fahndungserfolg für sich verbuchen will. Manotti vermittelt dabei ein beängstigend authentisches Bild der Realität Es ist kein Wort, kein Buchstabe zu viel geschrieben. Je deutlicher die politischen Hintergründe des Verbrechens werden, desto gefährlicher wird das Terrain, auf dem sich Manotti bewegt. Aber egal ob Menschenhandel oder diplomatische Beziehungen zum Iran, die Autorin meistert die schwersten Hürde glaubhaft und souverän. Nachhaltig beeindruckend bleibt, wie Manotti die komplexen Zusammenhänge auf rund 330 Seiten zusammenfasst.

Eine Gewerkschafterin erinnert sich an ihren größten Kampf

Einzig mit einem Charakter wagt sich die Autorin einen Schritt zu weit: Dass sie mit Ali Agca eine allzu reale Person als Killer in die Handlung einbindet, ist vielleicht zu gewagt von ihr. Ihr Agca plant einen Anschlag auf den Papst bei seinem Besuch in Paris 1980 und erledigt bis dahin eine Reihe von Morden im Auftrag der türkischen Rechtsradikalen. Der reale Agca wurde nach dem Papst-Attentat im Vatikan 1981 verhaftet und erst vor wenigen Jahren von Italien an die Türkei ausgeliefert. Den Roman auf diese Dimension auszuweiten hinterlässt eine minimale Trübung.

Ein Noir-Roman, der so links ist, wie er nur links sein kann. Der den Arbeitskampf des Proletariats glorifiziert, der Kampf türkischer links- und rechtsradikaler im Exil (recht einseitig) schildert und kriminelle Globalisierung anprangert. Die Wahl des türkischen Aufstands im Sentier 1980 ist kein Zufall, denn es war zum Zeitpunkt, da Manotti 1995 den Roman verfasste, der letzte erfolgreiche Aufstand in Frankreich. Und an diesem Kampf der türkischen "Sans-Papiers", die für ihre Legalisierung auf die Straße gingen, war sie damals als Gewerkschafterin aktiv beteiligt. Ein absolut zu Recht preisgekrönter Roman, der in die Spitzenklasse des französischen Noir gehört und einer der wenigen Titel, bei denen man auch für ein Paperback gerne einen hohen Preis zahlen mag.

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Letzte Kommentare:
13.04.2009 13:26:43
Juergen

Das Viertel Sentier in Paris ist wirklich ein "Hartes Pflaster": Ziel vieler Einwanderer- und Gastarbeiterfamilien, die sich zum größten Teil illegal in Frankreich aufhalten und zu Dumpinglöhnen in den Schneiderwerkstätten der Haute Couture ausgebeutet werden. Die meisten der illegalen Arbeitskräfte kommen aus der Türkei und dem vorderen Orient und im Jahre 1980 formieren sie sich zum Straßenkampf, um eine Legalisierung und somit eine Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten.
In der wilden Zeit dieser Demonstrationen spielt Dominique Manottis Noir-Roman. Der schwule Kommissar Daquin fahndet mit seinem Team nach einem Netz von Drogenhändlern, das die französische Hauptstadt mit Heroin versorgt. Soleiman ist türkischer Einwanderer und organisiert den türkischen Aufstand im Sentier. Er hat jedoch eine dunkle Vergangenheit in der Türkei und wird damit von Kommissar Daquin erpresst, ihn mit Informationen zu versorgen. Gerade als die erste türkische Demonstration erfolgreich und friedlich beendet ist, wird die Polizei in eine illegale Schneiderwerkstatt gerufen, in der die Leiche eines geschändeten Thai-Mädchens gefunden wurde. Da Daquin den Tatort mit seinen eigenen Ermittlungen in Verbindung bringen kann, ist dies der Ausgangspunkt weitreichender Nachforschungen, die nicht im Sentier bleiben, sondern ein Netz von Korruption erahnen lassen und in diplomatische Dimensionen führen.

Sätze wie Maschinengewehrfeuer. Kurz, präzise, treffend. Die Autorin fährt höchstes Tempo und führt dem Leser meisterhaft die Brisanz und die Gefahren des Berufes eines Polizisten vor Augen. Die Personen werden messerscharf von ihr skizziert, wobei sie in deren Psyche nur soweit einsteigt, wie es dem Roman gut tut. Personen, denen die Polizei auf der Spur ist, sterben plötzlich wie die Fliegen. Daquin muss hellwach sein, wenn er noch einen Fahndungserfolg für sich verbuchen will. Es ist kein Wort, kein Buchstabe zu viel geschrieben. Nachhaltig beeindruckend bleibt, wie Manotti die komplexen Zusammenhänge auf rund 330 Seiten zusammenfaßt.

Ein Noir-Roman, der so links ist, wie er nur links sein kann. Der den Arbeitskampf des Proletariats glorifiziert und Globalisierung anprangert. Die Wahl des türkischen Aufstands im Sentier 1980 ist kein Zufall, denn es war zum Zeitpunkt, da Manotti 1995 den Roman verfasste, der letzte erfolgreiche Aufstand in Frankreich. Ein absolut zurecht preisgekrönter Roman, der in die Spitzenklasse des französischen Noir gehört und einer der wenigen Titel, bei denen man auch für ein Paperback gerne einen hohen Preis zahlen mag.

01.05.2006 21:42:56
Anja S.

Ich kann mich Herrn Kuerten nur anschliessen. Das hier ist ein wirklich gut geschriebener franzoesischer Noir, sehr spannend mit viel Tempo. ja, sehr linkslastig, aber das hat mich nicht weiter gestoert. Nur der unverschaemte Preis von 16.90 Euro fuer ein Taschenbuch sollte verringert werden, um diesem Buch mehr Leser zu verschaffen.