Schwarzes Gold

Erschienen: Januar 2016

Bibliographische Angaben

  • Paris: Gallimard, 2015, Titel: 'Or Noir', Originalsprache
  • Hamburg: Argument, 2016, Seiten: 384, Übersetzt: Iris Konopik

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Jürgen Priester
Die Manotti hat's echt drauf

Buch-Rezension von Jürgen Priester Apr 2016

Der Künstlername "Dominique Manotti" hat nicht nur in ihrem Heimatland Frankreich, sondern auch bei uns einen solchen Bekanntheitsgrad erreicht, dass man leicht vergisst, dass sie mit bürgerlichem Namen Marie-Noëlle Thibault heißt und eine gestandene Wirtschaftshistorikerin ist. Laut Wikipedia "untersucht die Wirtschaftsgeschichte die Entwicklung, die Organisation und die Handlungslogiken von bzw. in Volkswirtschaften, Branchen, Unternehmen, Akteuren und Akteursgruppen in historischer Perspektive." Dass Manotti diese Disziplin beherrscht, zeigt sie zum wiederholten Mal auch in dem hier vorliegenden Kriminalroman Schwarzes Gold aus dem letzten Jahr, für den sie schon mit dem "Grand Prix du Roman Noir 2016" ausgezeichnet wurde. Selbstredend geht es in Schwarzes Gold um Erdöl, dem Lebenssaft unserer westlichen Zivilisation. Die Autorin führt uns zurück in das Marseille des Jahres 1973 und das nicht ohne Gründe. 1973 war das Jahr, in dem das Währungssystem von Bretton-Woods zusammenbrach, was zur Folge hatte, dass die vormals festen Wechselkurse der Landeswährungen gegenüber dem Dollar (Weltreservewährung) freigegeben wurden, was wiederum Tür und Tor zu Spekulationen öffnete. 1973 war zudem das Jahr der ersten Ölkrise (Sonntagsfahrverbot). Marseille war in den 1960er Jahren und zu Beginn der 70er der Hauptumschlagplatz für harte Drogen in Richtung USA (French-Connection).

Vor diesem spannenden Hintergrund spielt Manottis Roman, für den sie ihren Helden Théodore Daquin reaktivierte. Commissaire Daquin ist die Hauptfigur in Manottis Debütroman Hartes Pflaster, der im Jahr 1980 spielt, und der beiden Folgeromane. Da Schwarzes Gold zeitlich vor den genannten angesiedelt ist, könnte man ihn als Folge Null der Commissaire-Daquin-Reihe bezeichnen oder als eine Art Prequel.

Marseille ist erste Einsatzort des 27-jährigen Kommissars der Kriminalpolizei. Nach erfolgreichem Studium (Politologie, Jura), dem Abschluss der Polizeihochschule und einem einjährigen Aufenthalt in Beirut kommt er eines Sonntagmorgens im März 1973 in die vom Niedergang bedrohte Hafenstadt an der französischen Mittelmeerküste. Schon gleich wird er mit einem heimtückischen Mordfall konfrontiert, der zwar in Nizza stattgefunden hat, aber das Opfer ist Maxime Pieri, ein bekannter Geschäftsmann aus Marseille, dem gute Kontakte zum Organisierten Verbrechen der Stadt nachgesagt werden. Weil Pieri mehr oder weniger auf offener Straße von 10 Schüssen niedergestreckt wurde, will die Marseiller Polizeiführung die Tat gerne als Racheakt innerhalb rivalisierender Banden einordnen. Diese Hypothese gerät ins Schwanken, als zwei Tage später Pieris Stellvertreter, Jacques Simon, im Parkhaus des Flughafens von Nizza erschossen wird.

Daquin und zwei ihm zugeteilte lokale Ermittler durchforsten die Vergangenheit der beiden Opfer und versuchen, sich einen Überblick über die undurchsichtigen Geschäftsverbindungen deren Firma zu schaffen. Pieri und Simon leiteten eine kleine Reederei mit 10 Schiffen, die verschiedenste legale und illegale Frachtgüter übers Mittelmeer transportierten, unter anderem auch Erdöl unbekannter Herkunft. Die Tätersuche gleicht mehr den Aufgaben von Wirtschaftsprüfern oder Steuerfahndern. Ein Dickicht von Schein- und Tarnfirmen verschleiert die wahren Strippenzieher, die in ihrem Geschäftsgebaren auch über Leichen gehen. In den Fokus der Ermittlungen geraten ein amerikanischer Geschäftsmann und seine südafrikanische Frau.

Vor einigen Wochen sorgten die sogenannten "Panama-Papers" für einen kurzzeitigen Medienwirbel. Reporter waren in den Besitz großer Datenmengen aus einer Kanzlei in Panama gekommen, die eine systematische Steuerflucht, Steuerhinterziehung oder andere dubiose, teilweise kriminelle Aktivitäten Prominenter aus Wirtschaft, Sport und Politik offenbarten. Das mediale Getöse war so gewaltig, dass der Eindruck entstand, die Journalisten hätten da eins der größten Geheimnisse der Menschheit aufgedeckt. Dabei weiß ein jeder, der sich auch nur ein bisschen mit dem Weltgeschehen befasst, dass die Einrichtung und Betrieb von Briefkastenfirmen in Steueroasen seit Jahrzehnten gängige Praxis sind und weitestgehend toleriert werden.

Zufällig - Manotti schrieb diesen Roman ja schon vor einem Jahr - aber auch naheliegend in einem Roman über Ölgeschäfte beschäftigt sich die Autorin mit illegalen Praktiken im Rohstoffhandel. Die Steuerparadiese im Roman sind Malta und Zypern. Aber auch die Schweiz mit ihren Banken und Rechtsanwaltskanzleien spielt eine gewichtige Rolle. Neben den Global Playern der Erdölbranche (siehe: Sieben Schwestern) und den Ölländern ist reichlich Platz für Hasardeure, denn Milliarden Gewinne locken. Erdöl wird zu Recht als Schwarzes Gold bezeichnet.

Schwarzes Gold ist vom Aufbau her ein Kriminal- bzw. Polizeiroman der klassischen Ausrichtung. Commissaire Theo Daquin, den wir hier am Anfang seiner Laufbahn erleben, hat sich ja schon als erfolgreicher Serienheld etabliert. Schwarzes Gold ist ein weiterer Meilenstein auf dem Erfolgsweg der französischen Ausnahmeschriftstellerin. Unbedingt lesen!

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