Marseille.73

Erschienen: November 2020

Bibliographische Angaben

- aus dem Französischen von Iris Konopik

- HC, 400 Seiten

- [Commissaire Daquin]

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Jörg Kijanski
Spannende Geschichtsstunde

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jan 2021

Herbst 1973: Ein neuer Runderlass verlangt von Einwanderern einen Arbeitsvertrag und eine feste Wohnadresse, wodurch 86 Prozent der Immigranten in Frankreich von heute auf morgen zu „Illegalen“ werden - und somit zu Abschiebekandidaten. Die ohnehin aufgeheizte Stimmung droht in Marseille zu eskalieren, nachdem ein Algerier einem Busfahrer bei laufender Fahrt die Kehle durchschneidet. Zwei Tage später erschießt ein Unbekannter den 16-jährigen Malek abends auf offener Straße. Die Ermittler der Police Urbaine zeigen auffällig wenig Interesse an dem Fall. Zwei Patronenhülsen werden am Tatort gefunden und unter den Kollegen herumgereicht, und somit entscheidende Spuren vernichtet. Wenig später erscheinen auch Commissaire Daquin und sein Kollege Delmas von der Brigade Criminelle am Tatort. Sie können ein weiteres Projektil auffinden, mit dem sich die Tatwaffe einwandfrei feststellen ließe, so man diese denn findet. Die Sache hat nur einen Haken: Es handelt sich bei dem Projektil um ein Kaliber 7,65 mm der Marke Unique - der Standardpistole der Police Urbaine ...

Der Algerienkrieg tobt weiter

Dominique Manotti (die eigentlich Marie-Noëlle Thibault heißt und promovierte Wirtschaftshistorikerin ist) genießt seit vielen Jahren in der Krimiszene einen exzellenten Ruf. Man muss kein Fan des Noir sein, um ihre Théodore-Daquin-Reihe zu mögen, deren erster Fall Hartes Pflaster im Jahr 1980 spielte. Etliche Bände später erschien mit Schwarzes Gold plötzlich ein Roman, der im Jahr 1973 spielt und über die Anfänge des aus Paris stammenden Daquin bei der Kriminalpolizei von Marseille erzählt. Hieran knüpft Marseille.73 an und ist von der zeitlichen Abfolge her somit Daquins zweiter Fall.

Marseille.73 kann als Noir gelesen, aber ebenso als spannende Geschichtsstunde betrachtet werden - die dem Leser allerdings einiges abverlangt. Ein Glossar und Namensverzeichnis im Anhang erleichtern den Überblick. Elf Jahre ist der Algerienkrieg vorbei, doch er wirkt immer noch nach. Viele Franzosen kehrten aus Französisch-Algerien zurück und werden seitdem „Pied-Noir“ (Schwarzfuß) genannt. Viele von ihnen träumen noch immer von der guten alten Zeit der Kolonialisierung und sind allein in Marseille mit ihren rund hunderttausend Personen eine nicht zu unterschätzende Macht. Sie wollen die Algerier aufmischen und aus ihrem Land vertreiben - Remigration mit freundlicher Unterstützung von Polizei, Justiz und Medien.

„Sagen Sie, Grimbert, ich habe den Leitartikel im Méridional gelesen. Wissen Sie, ob die Zeitung die Waffen gleich mitliefert?“

Wer ein Faible für Spionageromane hat, mag hier womöglich ebenfalls zugreifen wollen, denn zahlreiche ehemalige wie aktive Organisationen mischen mit, infiltrieren und intrigieren heftig: OAS und SAC, UFRA und CDM - Freund und Feind sind dabei nicht immer klar zu unterscheiden. Wie geschrieben: Das Glossar am Ende hilft. Kurzgefasst kann man sagen, dass die nationalkonservativen bis rechtsextremen Franzosen gegen die Algerier agieren, die wiederum von den Linksextremen, aber auch von Gewerkschaften und Kirchen unterstützt werden. Die Szenerie wechselt häufig, weitere Todesfälle geschehen, die Lage wird zunehmend unübersichtlicher.

Brandaktuelle Thematik „Rassismus“

Konfus ist auch die Lage bei der Polizei, deren Einheiten munter neben- und teils gegeneinander arbeiten. Die Sicherheitspolizei Sûreté, eine Abteilung der Police Urbaine, soll die Ermittlungen leiten - und macht genau dies nicht. So verwundert es wenig, dass Daquin und seine Mitarbeiter Delmas und Grimbert von der Brigade Criminelle, also der Kriminalpolizei, Spuren finden, die in die eigenen Reihen der Polizei führen. Mit knappen, markanten Sätzen zeichnet Manotti ein düsteres Szenario, welches vor dem Hintergrund wahrer Begebenheiten umso bedrohlicher wirkt. Sieht man heute allein nach Amerika, wird klar wie aktuell das Motiv Rassismus bei der Polizei noch immer ist. Fraglich nur, ob man dafür wirklich über den großen Teich schauen muss.

„Also, wer ist mit von der Partie. Wenn wir sie ins Meer werfen?“

„Du musst in eine Gruppe beschwipster Pieds-Noirs geraten sein.“

„Kneif nicht. Dem Akzent nach waren wohl Pieds-Noirs dabei, aber genauso viele waschechte Marseiller. Ganz normale Bürger, geschniegelt und gebügelt, die so ruhig, in vollem Ernst und in aller Öffentlichkeit vom Töten reden, ohne die geringste Missbilligung zu erregen, das habe ich noch nicht erlebt.“ 

Fazit

Aufgrund der zahlreichen Organisationen und Personen ein nicht für jedermann immer leicht zugängliches Werk, dass aber den mitunter etwas mühsamen Einstieg mehr als lohnt. Eine vielschichtige Geschichtsstunde zum „Algerienkrieg“, gepaart mit dem aktuellen Thema „Rassismus“ und einem vielschichtigen Mordfall, bei dem die vermeintlich Guten oft die wahren Bösen sind, macht Marseille.73 zu einem weiteren Noir-Highlight von Dominique Manotti.

Marseille.73

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Letzte Kommentare:
14.01.2021 10:17:20
Herbert Staub

Ein komplexes Geschehen. Der Roman lässt sich etwas umständlich an, viele Figuren werden eingeführt, viele Organisationen, eine fast undurchschaubare Polizeistruktur. Marseille, eben. Die Geschichte erhält dann aber einen solchen Sog, dass man das Buch nicht mehr weglegen kann.
Fremdenhass und Rassismus von 1973 erinnern ungut an die heutige Zeit. Und wenn Justiz und Polizei unter einer Decke stecken, ist die Hoffnung auf ein Happy End gering.
Vorbildlich im Anhang ein Verzeichnis der handelnden Personen und ein Glossar der genannten Organisationen. Denn die Geschichte basiert auf Fakten und erinnert an die böse Verstrickung Frankreichs mit Algerien. Der historische Bezug lässt oft vergessen, dass Marseille.73 "nur" ein Roman ist und daher das Lesefieber steigen.

BEHIND THE DOOR
Der Raum. Die Tat. Das Rätsel.

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