Zügellos

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Paris: Rivages, 1997, Titel: 'À nos chevaux!', Seiten: 236, Originalsprache
  • Hamburg: Argument, 2013, Seiten: 256, Übersetzt: Andrea Stephani

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Jochen König
Bevor man die Welt verändert, wäre es vielleicht doch wichtiger, sie nicht zugrunde zu richten

Buch-Rezension von Jochen König Jan 2013

 

"Es ist heutzutage kein Vergehen mehr, illegal zu Reichtum zu kommen. Es zeugt von Intelligenz und Stil. Nur wer von vorgestern ist, bleibt in den Achtzigern arm."

 

Eigentlich reicht ein einziger Satz für diese Rezension: Es gibt zurzeit kaum bessere Kriminalromane als die von Dominique Manotti.
Obwohl Zügellos bereits 1997 im Original (Á nos chevaux) veröffentlicht wurde, und die Handlung in den bewegten Sommer-/Herbstmonaten des Jahres 1989 angesiedelt ist, hat das Buch nichts an Brisanz, Originalität, Frische und Spannung verloren. Manotti gelingt es wieder (Tages)politik, wirtschaftliche Interessen, Verbrechen (beides zusammen ist oft eins) und dessen Bekämpfung kenntnisreich, intelligent, voller beißendem Humor und einem dramatischen Aktionsreichtum zu verquicken, dass man nur höchste Anerkennung zollen kann.

Ihre Sprache ist von einer knappen, punktgenauen Präzision, die in kurzen Sätzen komplexe Sachverhalte und ausgefeilte Charakterstudien formulieren kann, ohne dass es aufgesetzt oder belehrend wirkt. Manotti zu lesen auch in der Übersetzung ist ein sprachlicher UND inhaltlicher Genuss.

Bilder, die sich festsetzen, von brennenden Pferden auf nächtlichen Straßen, von Momenten der Liebe und von (gezügeltem) Hass. Menschen in Machtpositionen, die sich jenseits einer gesellschaftlichen oder justiziablen Verantwortung sehen, für die es egal ist, ob sie Drogen verschieben, mit Immobilien spekulieren, (Versicherungs)firmen "umstrukturieren" oder Lebewesen aus dem Weg räumen lassen, wenn deren Tod eine nützliche Alternative darstellt. Gefahr besteht meist nur, wenn man sich in seinen Obsessionen verheddert, angreifbar wird und verliert, während man selbst noch glaubt unantastbar zu sein.

Dankbare Fiktion ist die ruppige Polizeitruppe um den schwulen Kommissar Daquin, die engagiert und ohne Rücksicht auf Verlust beschließt, Sand im Getriebe des politisch und wirtschaftlich sanktionierten Verbrechens zu sein. Keine Beamten zum Vorzeigen, eher verbitterte Idealisten, die wissen wie die Welt um sie herum tickt und all die Schlechtigkeit und den Egoismus für sich arbeiten lassen. En passant zeigt Manotti Schwächen und Vergehen ihrer Protagonisten auf, lässt diese aber nie zum Selbstzweck geraten, sondern erdet ihre Figuren nur, damit sie nicht mit dem Heiligenschein der Rechtschaffenheit auf und davon flattern können.

Pragmatismus herrscht überall, im Guten wie Schlechten. Jeder ist bereit den anderen zu verraten, wenn er selbst einen Vorteil daraus ziehen kann. Bei Manotti gibt es keinen Code des Schweigens; jeder ist sich selbst der Nächste und das ist eine bittere Erkenntnis: Mögen die Ermittlungsergebnisse auch noch so klar und stichhaltig sein, Erfolge erzielt man erst, wenn man Schwächen bloßlegt, der Schutzpanzer des eigenen, kleinen Egos durch Gewalt, Einsicht oder gute Worte so weit zerstört wird, dass standardisierte Verhaltensmuster kein Ausweg mehr sind.

Es wird kleine Erfolge geben im Kampf gegen das globalisierte Verbrechen, der Preis dafür ist nicht verhandelbar. Pferde und Menschen werden sterben, egal ob bewusst ausgewählt oder zufällig anwesend. Kollateralschäden in einem beständig andauernden Krieg, den sämtliche Beteiligten ambitioniert führen, jederzeit bereit abzustreiten, dass er überhaupt existiert.

Dominique Manotti zeigt wie tief das Verbrechen in unserer Gesellschaft verwurzelt ist. Selten spektakulär und offensichtlich, sondern schlicht als ein Handlungselement unter anderen. Unrechtsbewusstsein natürlich nicht vorhanden. Dankbar, dass sich die Autorin des Krimigenres angenommen hat, so können ein paar Unbestechliche zumindest für eine kleine Zäsur im geregelten Ablauf des Ausverkaufs aller Werte sorgen.

Unaufgeregt, klar, durchdringend und scharfsichtig ist Zügellos ein atemberaubendes Beispiel wie gelungene Kriminalromane aussehen können. Egal ob Noir oder Politthriller, Manottis mittlerweile sechzehn Jahre altes Buch verleiht dem Genre eine Frische und Relevanz, die ihm lendenlahme Allgäuer Dorfpolizisten und hysterische Eurocop-Abziehbilder leider allzu oft austreiben.

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Letzte Kommentare:
09.09.2018 12:24:41
Martzel RR

Anderes Beispiel wäre natürlich die Schießerei an der Tankstelle.
3 "Gangster", aber in der Folge sind zwei auf der Flucht, einer zu Fuß, einer per LKW.
zwei wurde allerdings zuvor 'überwältigt'.
Vielleicht muss man es extrem genau lesen, aber ich meine, hier verzettelt sich die Autorin oder die Übersetzung wieder. Jedenfalls wird nicht klar, wo die vierte Person her kommt.

09.09.2018 12:14:55
Martzel RR

hab's gelesen. Es hat schon Schwächen.
Die Rezension erwähnt keine.
Liegt es an der Übersetzung?
Beispiel:
Der schwule Kommissar verabredet sich zum Essen mit der Reitstallbesitzerin und knabbert an ihr rum. Dieser ganze Handlungsstrang endet abrupt und wird nie wieder aufgegriffen. Erklärung fehlt.
anderes Beispiel:
Assistent Romero wird mit der Observation beauftragt. In der Folge ist zu lesen, wie Assisten Le Dem observiert. Sieht so aus, als käme die Autorin mit den Namen und Handlungssträngen durcheinander.
Wie überhaupt vieles nur schwer nachvollziehbar ist.
Handlungsstränge werden nicht zu Ende geführt.
Viele Namen werden eingeführt.
Gut, mit dem e-Book-Reader kann man noch mal danach suchen, wann denn eine Name eingeführt wurde.
aber als normales Buch da den Überblick zu behalten.
ich sage ja mal, der Autorin ist es nicht ganz gelungen. Wie soll es dann dem Leser gelingen?

24.09.2013 15:30:06
Darix

Erneut ein temporeicher, harter und schnörkelloser Krimi-Noir aus der Feder von Dominique Manotti. Kaum eine andere Autorin schreibt so direkt, packend und realistisch. Ihre Charaktere werden differenziert beschrieben und haben Ecken und Kanten. Sie sind nicht ausschließlich Gut oder Böse, sondern differenziert, manchmal undurchschaubar. Schnell wird der Leser in den Bann der Geschichte um Finanzjongleure und Drogenhandel, Ende der 1980er Jahre gezogen. Manotti verlässt dieses Mal die Banlieus von Paris, sie beschreibt die Situation der Hochfinanz, die Welt der Aktien- und Finanzjongleure, aus dem Centrum von Paris. Während der Hauptversammlung des Aktienkonzern PAMA stürzen im Handstreich Vorstandsmitglieder den konservativen Vorsitzenden und reorganisieren die komplette Neuausrichtung der PAMA. In einer Parallelhandlung wird der Leser mit Pferdezüchter, Jockeys und Drogendealer vertraut gemacht. Auf der Pferderennbahn Longchamp treffen sich Finanzhaie und Drogendealer im großen Stile, um ihre internationalen Geschäfte abzusprechen. Scheinfirmen werden requiriert, Versicherungsschwindel, Absprachen mit Politiker getroffen. Der Niedergang des Ostens soll Gewinne in einem noch nie dagewesenen Umfang ermöglichen.
Man merkt Manottis ihr Insiderwissen, aus der Welt der Großfinanz wie auch der Politiker aus dem Elysee, an.
Hier schreibt sie ihre Wut gegen soziale Ungerechtigkeit und Korruption nieder. Selten gibt es Krimiautoren(innen) die so knallharte und brisante Politik- und Wirtschaftsthriller schreiben. Zügellos hat nicht ganz das außerordentlich hohe Niveau von „Einschlägig bekannt“ oder dem historischen Thriller „Das schwarze Korps“, gehört jedoch zur Politik Thriller Spitzengruppe.