Ketzerei in Orange

Erschienen: Januar 1971

Bibliographische Angaben

  • New York: Crown, 1971, Titel: 'The Burnt Orange Heresy'
  • Frankfurt am Main; Berlin: Ullstein, 1991, Seiten: 143, Übersetzt: Rainer Schmidt
  • Berlin: Maas, 2005, Seiten: 219
  • Daun: TechniSat Digital, Radioropa Hörbuch, 2006, Seiten: 5, Übersetzt: Wolfgang Berger

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Thomas Kürten
Die schwarze Seele eines Kunstkritikers

Buch-Rezension von Thomas Kürten Okt 2004

Krimi-Couch-Volltreffer Januar 2006

Eine wahre Rarität, die in der inzwischen ruhmvollen "Pulp Master"-Reihe des Maas Verlages erschienen ist, sind die beiden Romane "Ketzerei in Orange" und Die schwarze Messe des Amerikaners Charles Willeford. Bereits 2001 veröffentlichte man dessen Erstling "Der Hohepriester" in der Anthologie "Antihero" nach knapp 50 Jahren in deutscher Erstübersetzung. Nun also eine Fortsetzung, wobei das hier besprochene "Ketzerei in Orange" ("The Burnt Orange Heresy") aus dem Jahre 1971 Willefords erster Roman war, der in den USA im Hardcover publiziert wurde. Hierzulande wurde dieser Roman bereits 1991 unter dem (tendenziell misslungenen) Titel "Die Kunst des Tötens" bei Ullstein erstmalig aufgelegt.

Willeford wird mitunter als der "unbekannteste große amerikanische Autor des 20. Jahrhunderts" bezeichnet. Sein Werk blieb lange Zeit von der Kritik unentdeckt, da es in Billig-Paperbacks aufgelegt wurde und so als literarische Perlen in der breiten Masse amerikanischer Schundromane verschwand. Dabei war er unter den Vielschreibern eigentlich Fehl am Platze, da er mit ausdauernder Akribie an seinen Texten feilte: es war ihm Ernst mit der Literatur und er orientierte sich durchaus an literarischen Größen wie Joyce. (In "Der Hohepriester" lässt er seinen Protagonisten eine verständliche Version des "Ulysses" schreiben.)

Willefords Pulp Fiction bedient sich dem Prinzip, über einen Antihelden - der in seinen Romanen fast durchweg als Ich-Erzähler auftritt - den Blick des Lesers auf die Gesellschaft in eine andere Perspektive zu rücken. Hier werden Schattenbereiche der menschlichen Existenz und der damit verbundenen Existenzangst betreten; es geht vordergründig nicht um Verbrechen, Mord und Totschlag, sondern um das pure Überleben in sozialen Grauzonen. Das erstaunliche und zugleich verstörende für den Leser dabei: man findet sich unmittelbar mit existenziellen Problemen des Antihelden konfrontiert und sieht ebenfalls nur die Auswege, die der Autor ihm vorlegt. Die Verbrechen in Willefords Romanen sind Ausdruck von Verzweiflung und Sinnlosigkeit.

Der beschissene Job eines Kunstexperten

James Figueras ist einer von vielleicht 25 Kunstexperten in den USA und trotz seiner jungen Jahre ein ausgewiesener Spezialist für zeitgenössische Kunst. Und er hat es schwer in seinem Job, denn in steter Finanznot lebend muss man in der High Society verkehren, um Präsenz zu zeigen und um Veröffentlichungen in entsprechenden Zeitschriften bemüht sein, um seinem guten Namen zusätzlichen Glanz zu verleihen. Figueras arbeitet für eine New Yorker Zeitschrift und hat nach zähem Ringen mit seinem Chef erreichen können, dass er ohne Ersatz der Spesen den Sommer an Floridas Gold Coast verbringen kann, um den dortigen Kunstbetrieb zu beobachten. Was ihn bei seiner Arbeit jedoch behindert ist die nervige Berenice, die wohl ursprünglich nicht mehr als eine Affäre für ihn werden sollte, dann aber zu ihm in sein winziges Appartement gezogen ist. Wer kann schon intellektuelles Gedankengut zu Papier bringen, wenn eine unwissende Jetset-Blondine im Zimmer ist (auch wenn sie sich bemüht, still zu sein)? Eigentlich nervt sie ihn nur und James will sie am liebsten loswerden, damit sein Aufenthalt in Florida sich für seine Arbeit doch noch lohnt.

Dann jedoch wendet sich das Blatt, als er im Anschluss an eine jämmerliche Vernissage eines untalentierten "Malers" den steinreichen Sammler Cassidy kennen lernt. James hat die Dollarzeichen in den Augen, in der Hoffnung, für Cassidy einen Katalog über dessen Sammlung zeitgenössischer Kunst zu verfassen. Diesen lukrativen Auftrag hat zwar bereits ein anderer Kritiker (der das auch noch umsonst macht), aber für James soll es besser kommen: Cassidy kann ihm ein Interview mit Jacques Debierue, der Ikone des nihilistischen Surrealismus, vermitteln. Für James kann das den Durchbruch in den Olymp der Kunstkritiker bedeuten, denn Debierue ist schon fast 90 und hat in seinem ganzen Leben erst vier exklusive Interviews gegeben sowie nie auch nur eines seiner Gemälde der Öffentlichkeit präsentiert. Aber Cassidy fordert eine Gegenleistung von James: Er soll ihm ein Gemälde Debierues mitbringen - und wenn er es stehlen muss!

Debierue = Willeford ???

Das besondere Meisterstück Willefords in diesem Roman liegt nicht nur in der perfekten Inszenierung des Antihelden James Figueras (der sich keine Mühe zu machen braucht, als egoistischer, ehrgeiziger und geldgeiler Chauvi durchzugehen), sondern vor allem in der Konzeption des Künstlers Debierue. Der Mann, der als Rahmenmacher in Paris arbeitete und sich mit gebotenem Ernst den geheimen Spaß erlaubte, einen antiken Rahmen um einen Riss in der Wand zu hängen, das Objekt "No. One" zu nennen und die Leute für die Einzelbetrachtung dieses Kunstwerks vor seinem Laden Schlangestehen zu lassen. Der Mann, der seitdem die Öffentlichkeit scheute, allein durch die Gespräche mit vier erhabenen Kunstexperten absoluten Weltruhm erlangte und nun von den Almosen eines weltweiten Freundeskreises gut lebt.

In dieser Figur verarbeitet der Autor nicht nur seine eigene nihilistische Weltanschauung, sondern er rechnet auch mit den wenigen Kritikern seines eigenen literarischen Werkes ab, indem er ihnen vorhält, es nie gesehen oder verstanden zu haben. Willeford selbst lebte in dem Bewusstsein, dass sein Tun zwar Wichtigkeit besaß, aber eben auch ernüchternde Bedeutungslosigkeit. Mit Debierue hat er einen Romancharakter geschaffen, der aus dieser Erkenntnis Zufriedenheit und Nutzen gezogen hat und so Frieden mit sich selbst hat finden können.

Kernstück der amerikanischen Krimitradition ist der "tough guy": integer und rechtschaffen kämpft er auf der Seite des Gesetzes als unbesiegbarer Superheld. Nicht selten schmalzt die Moral zwischen den einzelnen Zeilen der den Krimimarkt überschwemmenden Standardwerke hervor. Willefords Antihelden hingegen setzen hierzu den Kontrapunkt. Auch ein James Figueras erhält stets die Wahl zwischen Gut und Böse - und unmittelbar befindet sich der Leser auf dem Glatteis: weil er die Entscheidung für das Böse nachempfinden kann, weil ihm der Autor keine moralische Unterstützung gibt. So schildert er die Verbrechen genauso unaufgeregt wie den Verzehr eines Truthahnsteaks oder das Betätigen einer Polaroid-Kamera. So erhält der Leser trotz der offenen unsympathischen Züge von James Figueras aufgrund dessen distinguierter und von Fremdwörtern durchzogener Ausdruckweise ein Gefühl von Sicherheit. So passiert es ebenfalls, dass man lange Zeit das Gefühl hat, es sei nichts Wesentliches passiert. Der Mord geschieht erst spät und allenfalls beiläufig, sorgt dabei aber für das erschütternde Erwachen beim Leser, weil die gesamte Handlung authentisch mit den Worten des Antihelden beschrieben wurde, der für den Erfolg über Leichen geht. Erst hier merkt man, wie unzuverlässig und subjektiv diese Perspektive ist. Und gleichzeitig, welch großartiges Stück Literatur man in Händen hält.

Trotz des vergleichsweise hohen Preises ist Willefords "Ketzerei in Orange" eine Empfehlung wert. Ein erster Volltreffer im Krimi-Jahr 2006. Kompliment auch an den Maas-Verlag, der sich an die Veröffentlichung getraut hat. Die Krimi-Couch wartet gespannt, ob noch weitere Willefords in Zukunft erscheinen werden.

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Letzte Kommentare:
03.07.2007 21:54:05
Johannes

Ein wirklich faszinierender Krimi voll fundiertem Kunstverständnis und mit reichlich ironischen Spitzen über den kommerzialisierten amerikanischen Kunstbetrieb. Eine Geschichte von der bemerkenswerten Sorte, in der der Mord erst am Ende geschieht.

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