Die verdeckten Dateien

Erschienen: Januar 1999

Bibliographische Angaben

  • London: Little, Brown, 1992, Titel: 'The Hidden Files', Seiten: 342, Originalsprache
  • Köln: DuMont, 1999, Seiten: 429, Übersetzt: Michael K. Iwoleit und Reinhold H. Mai, Bemerkung: DuMont Noir; Bd. 1

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Bernd Neumann
Die Bibel zum Noir-Verständnis

Buch-Rezension von Bernd Neumann Mai 2003

Derek Raymond ist der Don Quichotte unter den Kriminalschriftstellern, vor niemandem sollten wir so tief den Hut ziehen wie vor ihm. Nur durch Stöbern stößt man auf seine Bücher, er ist ein Unbekannter, zugemüllt von den vielen aktuellen Erfolgsautoren. Wenn man ihn - mehr zufällig oder durch solche Fachforen wie hier auf der Krimi-Couch entdeckt hat, ist man in seinem Bann: Dem Leser stockt der Atem ob der brutalen Geschehnisse und seiner nüchtern, fast teilnahmslos vorgetragenen Schilderung - darf man das denn überhaupt??

Derek Raymond muss der vielseitig interessierte Krimileser in einer bestimmten Reihenfolge lesen, wenn er ihn und seine Mission kapieren, von seinen Krimis nicht verstört und hilflos allein gelassen werden will. Der unbedingt notwendige Einstieg sind deshalb "Die verdeckten Dateien".

Wer hofft, einen spannenden Krimi zu lesen, wird enttäuscht sein. Wer sich nach dem unendlich langen, zeitaufwändigen Stippen in den trüben Tümpeln der Kriminalliteratur auf die Suche nach dem großen Fisch begibt, ist bei Raymond richtig. Aber man muss tapfer sein, nicht nur, weil das da jetzt ein Fachbuch ist. Haben Sie einen Bleistift zur Hand, Sie werden für seine Hilfe beim Markieren des Aufhebenswerten an wichtigen Sätzen und bedeutenden Kapiteln (Nr. 18, S.187-193) dankbar sein!

"Die verdeckten Dateien" - Autobiografie eines Selbstzerstörers

"Die verdeckten Dateien" hat Herausgeber Martin Compart wohl mit voller Absicht als Eröffnungs-Band der heutige hart umsammelten Dumont Noir-Reihe herausgegeben.Es ist die Autobiografie von einem dem wichtigsten Autoren der Pulp-Black-Noir-Literatur aller Zeiten: Derek Raymond.

Derek Raymond (1931-1994) hat seine Biografie 1992 veröffentlicht, wohl wissend, dass ihm auf Erden nicht mehr viel Zeit verbleibt. Aber es ist im Gegensatz zu vielen anderen (sinnlosen) Autobiografien keine Sonnenkönig-Selbstdarstellung, sondern eine gnadenlose Abrechnung mit einer schwierigen Lebens- und Schaffenszeit. Und es ist vor Allem eine Hommage an den 'Black-Noir', eine Sympathieerklärung an die Verachteten und Gedemütigten in unserer Gesellschaft:

 

"Der Noir-Roman unterscheidet sich von anderen Romanen, dass er in der Literatur ein Weggefährte der Armut ist, ein Fürsprecher des Elends, eine unauflösliche Verstrickung, die zum Selbstmord führt, der Verzweiflung."

 

Dabei hätte es Derek Raymond so schön, sorglos und gemütlich haben können!

Raymond ist Sohn einer der mächtigsten englischen Textil-Tycoons der damaligen Zeit, der (natürlich!) eine bildschöne, kunstinteressierte Frau an seiner Seite hatte. Wohlstand, Bildung und Sorgenfreiheit waren vorprogrammiert, eingepackt in die herrschaftlichen Räumlichkeiten englischen Bildungsbürgertums.

Aber Derek Raymond war ein kompliziertes Kind, ein Rebell und Querkopf. Nachdem er die Schulbildung auf allerhöchstem Karriere-Level sabotierte, distanzierte er sich vom Elternhaus, weil all' der reiche Muff und Mief ihn zutiefst ankotzten.Er wurde zum selbst zweifelnden "Abweichler", sein im tiefsten Inneren bestimmter Weg wurden die Erfahrungen auf der Straße des rauen Alltags der "Erniedrigten und Beleidigten".

Kampfansage gegen den umsatzorientierten Kommerzkrimi

Raymond war bei seinen ernüchternden Begebenheiten auf der Straße selbst des Öfteren in lebensbedrohliche Situationen und auch in üble (aktive!) kriminelle Machenschaften verwickelt. Als die Luft nach einem 24-Stunden-Verhör zunehmend dünner wurde, flüchtete er nach Frankreich. Ein herunter gekommenes Chateau war unter denkbar schlechten (materiellen, nicht sozialen!) Lebensbedingungen das Schreib- und Lebensdomizil seiner schockierenden, offenbarenden Noir-Kriminalromane.

Derek Raymond hatte zweifelsohne auf Grund seiner Lebenserfahrung einen riesigen Schreibvorteil: Er redete nicht wie ein Blinder von der Farbe. Raymond kennt das Milieu und er hat die Sensibilität, sich in die abschreckendsten Lebensumstände hineinzuversetzen und in ernüchternde, fast journalistische Worte zu fassen:

 

"...denn diese völlige Unfähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen, scheint mir eine sehr ernste Art von Erkrankung zu sein."

 

Raymond, der Seher.

Er ist deshalb auch gnadenlos in seiner Kritik gegenüber den Kommerz orientierten SerienkriminalschriftstellerInnen, die mal schnell zwischen vormittäglicher Gartenarbeit, nachmittäglichem Häkelstündchen und abendlicher Bridgepartie ein paar Kapitelchen voran schreiben zum nächsten Bestseller, der ebenso konstruiert und weltfremd wie ihr voriger sein wird.

Raymonds Vorgehensweise ist völlig anders, schwieriger und selbst zerstörerischer. In seiner Autobiografie bringt er das einfach und überzeugend auf den Punkt: Sensationsmeldungen haben eine deutlich unterschiedliche Wertigkeit, dementsprechend ist ihre Platzierung in den Medien. Raymond ging es nie um die Boulevardmeldungen über Skandale in der Welt der Schönen und Reichen: schaut an, was die für Probleme haben, bloß gut, das wir davon, wenn auch arm, verschont geblieben sind!

Raymonds Stoff seiner bewegenden Romane sind die unbeachteten, eigentlich lieber unter den Teppich zu kehrenden Kurzmeldungen über Not und Elend der englischen Upperclass, die unbeachtenswerte, weil abscheuliche Not und Gewalt des Pöbels auf der Straße.Aber diese Umstände haben letztendlich lt. Raymond ihre Ursachen und auch ihre konsequenten Verleugner:

 

"Politiker haben eine Lösung für jedes erdenkliche soziale Übel parat und einen Etat für nicht außer dem politisch Bedrohlichen."

 

Raymond legte mit seinen Kriminalromanen den Daumen tief in die Wunde des englischen (lies: kapitalistischen) Gesellschaftssystems und lupfte deren soziales Deckmäntelchen. Logisch, dass er dem British Empire ein Dorn im Auge war, als Skurriler Aussteiger verleugnet und somit und nie für die Verleihung des Hosenbandordens ins Gespräch gebracht wurde...
...aber selbst in Frankreich (der toleranten Heimstätte des Noir-Genres!!) hatte er zu Lebzeiten nur bescheidenen literarischen Erfolg, wohl aber Aufmerksamkeit.

Und: Raymond hat die Aussage von Ludwig Wittgenstein "Die Welt der Glücklichen ist eine andere als die Welt der Unglücklichen" nicht nur begriffen, sondern als Maxime seines literarischen Schaffens konsequent eingesetzt. Und er hat mit seinen literarischen Figuren, die er in ziemlicher Einsamkeit unter denkbar schlechten Bedingungen in Frankreich schuf, hart an der Grenze zur Selbstzerstörung psychisch und physisch mit gelitten. Sein international aufrüttelndstes Werk ist sicherlich Ich war Dora Suarez.

"Krimipropheten" wie Thomas Wörtche, Martin Compard und Frank Nowatzki haben wir es zu verdanken, dass dieses Werk, das eine Palastrevolution der der Kriminalliteratur darstellt, auch in Deutschland veröffentlicht und 1991 mit dem Deutschen Krimipreis (Platz 1, international) geehrt wurde.

Ein Muss, ein Blick hinter die Kulissen

"Die verdeckten Dateien" sind das Schlüsselbuch zum Noir-Verständnis, ein Muss für Krimileser, die wissen wollen, was hinter den Kulissen passiert. Es ist die Autobiografie eines Schriftstellers, der sich bewusst vom Müßiggang des Wohlstandes auf die Abgründe der Straße begeben hat, um seine innere Berufung zu erfüllen: zu schreiben über Dinge, die nicht in der Zeitung stehen.

Wer sich (möglichst noch heute!) auf den Weg macht, diesen Derek Raymond, sein Leben, seine Abgründe und seine literarische Offenbarung des unvermeidlich Bösen zu verstehen, der wird ihn zutiefst achten, lieben und mit ihm leiden.

Raymonds Krimis sind nach den "Dateien" Pflichtprogramm, und empfehlenswert in der chronologischen Reihenfolge. "Dora Suarez" als Einstieg zu lesen, löst garantiert Verwirrung, ja Unverständnis aus.

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