Der Mörder in mir

Erschienen: Januar 1970

Bibliographische Angaben

  • München: Heyne, 1970, Titel: 'Liebling, warum bist du so kalt?', Seiten: 143, Übersetzt: Klaus von Schwarze
  • Frankfurt / Berlin: Ullstein, 1982, Titel: 'Der Mörder in mir', Seiten: 157, Übersetzt: Ute Tanner
  • Zürich: Diogenes, 1992, Titel: 'Der Mörder in mir', Seiten: 233, Übersetzt: Ute Tanner und Ulrike Wasel
  • Berlin: Der Audio Verlag, 2000, Titel: 'Der Mörder in mir', Seiten: 1, Übersetzt: Dirschauer, Peter; Ellen Schulz u.v.a., Bemerkung: Hörspiel
  • Greenwich, Conn.: Fawcett Gold Metal Books, 1952, Titel: 'The Killer Inside Me', Originalsprache

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Matthias Kühn
Lustvoller Bericht eines Serienkillers – beklemmende Weltliteratur

Buch-Rezension von Matthias Kühn Aug 2009

1987 veröffentlichte die Rockband Green on Red eine Platte mit dem Titel "The Killer Inside Me". In einem Interview erzählte Sänger und Songschreiber Dan Stuart damals sinngemäß, dass er in den Songs ein ähnlich verzweifeltes Gefühl des endgültigen Niedergangs vermitteln wollte, wie es ihm immer wieder in seinem Lieblingsbuch begegne. Die Rede war vom gleichnamigen Roman von Jim Thompson, zu Deutsch: Der Mörder in mir.

Zu jener Zeit gab es von Jim Thompson auf Deutsch ein paar Krimis, vor allem bei Ullstein, zumeist hingehudelte Übersetzungen, manche nicht einmal voll-ständig; die lobenswerten Ausgaben von Diogenes standen noch bevor. Erst die zum größten Teil noch im legendären Schwarz/Gelb gehaltene Jim-Thompson-Edition der Schweizer wurde der Größe des Autors gerecht; damit hatte er verdientermaßen die höchsten Weihen erhalten, er stand in einer Reihe mit Chandler, Hammett und Macdonald.

Jim Thompson, 1906 geboren, ist einer der Säulenheiligen des Hardboiled-Krimis – und Der Mörder in mir eines seiner Meisterstücke. Dieser Hochkaräter erschien tatsächlich erst ganze vierzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung vollständig und halbwegs adäquat auf Deutsch: 1992, übersetzt von Ute Tanner und Ulrike Wasel.

Der Killer als Menschenfreund

Lou Ford ist ein wirklich sympathischer Kerl. In der amerikanischen Durch-schnittskleinstadt Central City gilt er als angesehener Bürger, seine Position als Sheriff hinterfragt niemand. Auch sein Vater gilt als Musterbürger – der Arzt, der immer gern hilft. Das ist die Fassade, die so gut funktioniert, dass selbst klare Indizien, die in Richtung der Familie Ford weisen, nicht erkannt werden. Denn niemand außerhalb der Familie kennt das Geheimnis: Als Jugendlicher verging sich Lou Ford an einem Mädchen – und wurde von seinem Vater erwischt. Die Familie fand einen Sündenbock für das Verbrechen: Der eigene Bruder, der sowieso nichts taugte, ging für Lou in den Knast. Dennoch blieb die Ge-schichte nicht folgenlos für den obsessiven Jungen. Von diesem Moment an hatte Lou keine Ruhe mehr vor seinem Vater, die Kontrolle war allumfassend.

Extreme Persönlichkeitsstörung

Lou Ford hilft immer und überall, er redet mit den Leuten und ergießt sich dabei in Gemeinplätzen – er gilt als gutmütig, aber naiv. Dass er mit furchtbaren Aggressionen zu kämpfen hat, weiß niemand. Seine Persönlichkeitsstörung, die in engem Zusammenhang mit der väterlichen Kontrolle steht, lässt ihn morden – wobei er von den Morden mit derselben Selbstverständlichkeit erzählt wie von belanglosen Plaudereien. Bei seinen kaltblütigen Taten legt er eigentlich eindeutige Spuren, aber die Bevölkerung des Städtchens ist dermaßen verblendet, dass er ungehindert weitermachen kann. Es ist auch seine unverbindliche Art, seine scheinbar naiven Gemeinplätze, mit denen er die belastenden Indizien einfach hinwegplaudert.

Was die wahre Qualität von Der Mörder in mir ausmacht, sind einige Faktoren, die selbst heute noch unglaublich modern und neu klingen. Da ist die äußerst kunstvoll gesetzte Sprache, die scheinbar unliterarisch daherkommt; da ist die erzählerische Perspektive – wir können durchaus verstehen, warum Lou Ford das alles tut, seine Argumentation für das wilde Morden ist zwar verquer, aber durchaus schlüssig. Und da ist diese Mischung aus Boshaftigkeit und absurder Komik, die zu keiner Sekunde aufgesetzt wirkt.

Gewalt, Hass, Habgier, Korruption – willkommen in den USA

Mit den großen russischen Autoren, die ihn stark beeinflussten, war Thompson vertraut – bei den tiefen Seelenschichten dieses Buches stand eindeutig Dostojewskij Pate. Die Vaterfigur im Roman trägt autobiographische Züge: Sein eigener Vater, ein Spieler und Trinker, entzog sich durch die Flucht nach Mexiko einer Gefängnisstrafe, als Jim Thompson noch ein Kind war. So schlug der sich durch, wurde Hotelpage, schmuggelte Alkohol für Al Capone – und fing selber an zu trinken. Schon mit neunzehn Jahren war Thompson Alkoholiker. Er rappelte sich allerdings einigermaßen auf, schaffte einen Uniabschluss und verdiente Geld mit dem Verfassen von True-Crime-Geschichten.

1952 erhielt Thompson den Auftrag, für 2000 Dollar einen Thriller zu schreiben. Nach zwei Wochen war das Ding fertig: Der Mörder in mir. Danach schrieb er in schneller Folge weitere Romane und Drehbücher, etwa für den jungen Kubrick. Die McCarthy-Ära beendete seine halbwegs erfolgreiche Zeit, weil Thompson in den Dreißigern für ein paar Jahre Mitglied der Kommunistischen Partei gewesen war. Am Ende war er völlig mittellos. Jim Thompson ist 1977 einfach verhungert. Sein eigenes Ende belegt immerhin die Theorie, die als Basis aller seiner Romane gelten kann: In den USA reagieren die Grundeigenschaften Ignoranz, Habgier, Gewalt und Hass.

Dass Der Mörder in mir großer Stoff ist, war schon kurz nach der Veröffentlichung kein Geheimnis; für viele Autoren wurde Jim Thompson ein gewaltiger Einfluss. Heute kann man wohl keinen ernsthaften Krimi der härteren Gangart lesen, ohne dass sich darin Spuren von Jim Thompson finden ließen. Seine Beschreibung scheinbar unvermeidlicher Gewalt und seine damit verbundene Definition von Moral setzten Maßstäbe, die nach wie vor gelten: Wenn heute eine dominierende Negativfigur als Erzähler auftritt, liegen Jim-Thompson-Zitate zumeist überall herum.

Als Thompsons Bücher in Deutschland ankamen, war der Autor längst tot. Und bis er durch vernünftige Übersetzungen und entsprechende Aufmachungen ge-würdigt wurde, vergingen weitere zehn Jahre. Die Franzosen haben’s da besser: Dort steht Thompson seit Jahrzehnten auf einer Stufe mit Chandler, Hammett & Co. Auch was die Verfilmungen angeht, die zwar nie die Niederungen der Romane ausloten können, sind uns die Franzosen voraus: Schon 1981 brachte Bertrand Tavernier einen Thompson-Stoff ins Kino.

Noch einmal: Der Mörder in mir ist ein amerikanischer Krimi der Extraklasse – wie auch Thompsons Krimis Der King-Clan, Getaway oder Zwölfhundertachtzig schwarze Seelen. Eine schöne Neu-Edition könnte auch nicht schaden. Vielleicht sogar mit neuen, wirklich zeitgemäßen Übersetzungen. Eike Schönfeld, Ingo Herzke, Ulrich Blumenbach, bitte übernehmen!

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