Der Mond in der Gosse

Erschienen: Januar 1987

Bibliographische Angaben

  • Greenwich, Conn.: Fawcett Gold Medal Books, 1953, Titel: 'The Moon in the Gutter', Originalsprache
  • Bergisch Gladbach: Bastei Lübbe, 1987, Seiten: 187, Übersetzt: Florian Marzin

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Bernd Neumann
Schnuppern am Laternenpfahl

Buch-Rezension von Bernd Neumann Sep 2006

David Goodis ist aus heutiger Sicht ein Unknown Soldier an der amerikanischen Front der Kriminalliteratur. 1917 in Philadelphia geboren verstarb er im Alter von 49 Jahren in einer psychiatrischen Anstalt; relativ unbeachtet und beschnitten von den Literaturkritikern in Amerika, im aufgeschlossenen Frankreich als Geheimtipp bei der Anhängerschar der hard-boiled-novel-Literatur als Geheimtipp verehrt.

Im Jahre 1938 schloss er sein Studium an der Temple-University in Philadelphia mit einem Journalismus-Diplom und veröffentlichte erste Kurzgeschichten für Pulp-Magazine.

Warner Brother erkannte sein Potential als Drehbuchautor und holte ihn, noch keine dreißig Jahre alt, als Drehbuchautor nach Hollywood. Trotz eines relativ hohen Gehaltes passte er nicht in diese Glamourwelt.
Als einsamer Wolf trieb er sich nachts lieber in den klebrigen, verkeimten Pubs und schmuddeligen Nachtbars der Vorstadtslums herum. Hier sammelte er bis in die frühen Morgenstunden den Stoff für seine desillusionierenden Noir-Romane. Seine Hauptfiguren waren seelisch gebrochene Männer, die in diesen Verhältnissen ihre Zukunftshoffnung endgültig an den "Mond in der Gosse" verkauft hatten.

Und: David Goodis tat das, was ein Noir-Schriftsteller konsequenterweise tun sollte, um authentisch und in seinem Schaffen unabhängig zu sein: Er lebte Zeit seines Lebens allein, ohne Ehefrau, Kinder und Kontakte zu seiner Familie, nächtelang auf der Straße mit ihren deprimierenden Eindrücken und den Erfahrungen, die er gnadenlos zu düsterer Literatur verarbeitete.

Die Vernon Street - kein Platz für zerbrechliche Gemüter

Eröffnungssatz:
"Am Ende der schmalen Gasse zur Vernon Street wartete eine graue Katze darauf, dass eine große Ratte aus ihrem Versteck kommen würde".

Neugierig geworden?

"Der Mond in der Gosse" schildert die Situation, wie ein Mann aus einfachen Verhältnissen sich in eine Frau aus scheinbar besseren Verhältnissen verliebt, sich dieser Liebe aus Argwohn aber nicht zu stellen vermag.

Das klingt im ersten Moment heftig verkitscht, weckt Vergleiche von Hedwig Courths-Mahler bis zu Rosamunde Pilcher, nur mit vertauschten Geschlechterrollen, hat aber auch nicht im Entferntesten zu tun mit diesen erfolgreich-auflageträchtigen Happy-End-Erfolgsautorinnen aus der Welt der Schönen und Reichen. Das offenbart wohl schon der Eröffnungssatz recht ernüchternd.

Die Vernon-Street ist ein herunter gekommenes Hafenviertel mit ebensolchen Menschen. In dieser Straße der Gescheiterten regiert die Gewalt, brutale Schlägereien, bei denen nur die Stärksten, egal, ob Mann oder Frau, eine Überlebenschance haben, bestimmen den Alltag. Liebe und Zuneigung wurden im Laufe der trostlosen Jahre verdrängt durch egoistischen Querbeet-Sex. Freundschafts- und Familienbande sind Fremdwörter in dieser trost- und ausweglosen Gegend.

Das Duncans Den - kein Platz an der Sonne

Treffpunkt der Hoffnungslosen und Gestrauchelten ist das Dugans Den, eine Kneipe, die seit mehr als hundert Jahren noch nie renoviert worden war. Die Farbe ist schon ewig lange von Wänden und Stühlen abgeblättert und "das alte Holz glänzte durch das Scheuern unzähliger Ellenbogen wie poliert".

Ins Dugans Den geht man, um die Zeit zu vergessen. Es hat keine Musikbox und keinen Fernsehapparat, nur der alte Dugan pfiff, summte oder sang falsch vor sich hin, um die bedrückende Stille seinem Rattenloch zu übertönen.
Laut und zunehmend aggressiv wird es mit hoher, garantierter Sicherheit erst zu später Stunde, wenn der doppelt und mitunter auch schwarz gebrannte Schnaps erst die Zungen und dann die Fäuste löst.

Hauptfigur in Goddis' Suspense Fiction ist William Kerrigan, ein fünfunddreißigjähriger Hafenarbeiter. Mit seinem jüngeren Bruder, ebenfalls ein häufiger Stammgast im Dugans Den, lebt er im verrotteten Haus seines Vaters, einem arbeitsscheuen Sofa-Trinker.
Die vierschrötige Lola ist sexuelle Lebensgefährtin des Vaters, ihre Tochter Bella lebt ebenfalls im Haus und ist mit William mehr schlecht als recht liiert. Mal will sie ihn heiraten, mal umbringen; ein simples, eifersuchtsgeprägtes Wechselbad verunsicherter Gefühle.

Was Kerrigan zu schaffen macht, ihn nachts an den Tatort treibt, ist der brutale Mord seiner jüngeren Schwester. Sie war ein zartes, wehrloses Wesen, das ein Opfer der rüden Vernon Street wurde. Die quälende Frage nach ihrem Mörder, nach der "Missgeburt, die meine Schwester besprungen hat..." treibt ihn an die Stelle des Geschehens, wo das Blut verkrustete Kopfsteinpflaster noch stummer Aufschrei des Massakers ist.

In "Der Mond in der Gosse" geht es dem Autor David Goodis weniger um die systematische Ermittlung eines personifizierten Täters sondern um die Schilderung der Lebenssituationen im verwahrlosten Viertel der Vernon Street, wo das Gesetz der Stärke und Gewalt dominiert.
Für diese verzweifelten Menschen, die ihren Kummer, ihre Hoffnungslosigkeit im Alkohol ertränken wollen, gibt es aus diesem Viertel kein Entkommen.

Das ganze menschliche Drama läuft mit wenigen Personen an wenigen zentralen Orten im kurzen Zeitabschnitt von wenigen Tagen (oder besser: Nächten) ab.
"Der Mond in der Gosse" wirkt wie die Vorlage eines Bühnenstückes, in der bedrückende gesellschaftliche Umstände deprimierend gut fokussiert werden.

Goodis hat einen Pulp-Roman geschaffen, der an die Schriftstellermaxime vom seelenverwandten Kollegen Juan Madrid erinnert:
"Eine Geschichte zu schreiben bedeutet für mich, eine Großstadtstory voller Gewalt, Verbrechen, Einsamkeit und Lieblosigkeit zu erzählen. Der Schwarze Roman erscheint mir wegen seiner besonderen Eigenschaften hierfür am besten geeignet. Hier ist das Wichtigste nicht, den Mörder zu finden, sondern eine realistische Darstellung des Verbrechens und der gesamten Welt zu geben."

"Der Mond in der Gosse" ist ein zutiefst entmutigendes Buch, in dem Goddis hervorragend aufzeigt, dass "die Welt der der Armen eine andere als die der Reichen ist."

Es ist ein Stück Pflichtlektüre für Verfechter im Puzzle des Black-Noir-Romans, aufgeschrieben von einem Mann den es gilt, auch im deutschen Sprachraum wieder neu zu entdecken.

Der Mond in der Gosse

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