Die Freunde von Eddie Coyle

Erschienen: Januar 1973

Bibliographische Angaben

  • New York: Knopf, 1972, Titel: 'The friends of Eddie Coyle', Seiten: 183, Originalsprache
  • Hamburg: Hoffmann & Campe, 1973, Titel: 'Hübscher Abend bis jetzt', Seiten: 221, Übersetzt: Ben Witter
  • München: Goldmann, 1975, Titel: 'Hübscher Abend bis jetzt', Seiten: 153
  • München: Goldmann, 1989, Seiten: 159, Übersetzt: ?
  • München: Kunstmann, 2014, Seiten: 192, Übersetzt: Dirk van Gunsteren

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Jochen König
Es gibt drei treue Freunde - eine alte Ehefrau, ein alter Hund und flüssiges Geld

Buch-Rezension von Jochen König Aug 2013

1971 erschien George V. Higgins Debüt The Friends Of Eddie Coyle. Bereits zwei Jahre später wurde die erste deutsche Auflage unter dem heimeligen Titel Hübscher Abend bis jetzt veröffentlicht. Damals liefen die Marketing-Uhren noch anders. Denn eigentlich sollte man meinen, dass die deutschsprachige Publikation Hand in Hand ging  mit dem Kinostart der Verfilmung durch Peter Yates. Doch die firmierte von Beginn an unter der wortgetreuen Übersetzung des Originaltitels.

Robert Mitchum spielte in Bestform den müden Eddie Coyle. Ebenso brillierte Peter Boyle in der Rolle des Dillon, jenes Barkeepers, der alle kennt und gut Freund mit jedem Kleinganoven und Gangsterboss ist. Bis man ihn als Ausputzer bestellt, tödliche Aufträge verteilt, die Dillon stoisch und so rücksichtsvoll wie möglich ausfüllt. So weit neun schnell abgefeuerte  Kugeln im Schädel eines dösenden Mannes rücksichtsvoll sein können. Boyle gibt dem Charakter einen Hang ins Schmierige, was Mitchum/Doyle weit mehr zu einem Sympathieträger macht als sein Pendant im Roman.

Robert Mitchum rockt den Film auf jene unnachahmliche Art, die man leicht als Lethargie unterschätzen kann. Sein Doyle ist einer jener lakonischen Charaktere, die ihre Arbeit so gut wie möglich erledigen, bis sie einen Fehler begehen. Der im normalen Berufsalltag bestenfalls eine Abmahnung zur Folge hätte, bei illegalen Geschäften aber zu einem Damoklesschwert namens "Begib dich direkt ins Gefängnis, gehe nicht über Los, kassiere keine 4000 Dollar" führt. Das beißt sich mit jener Sehnsucht nach Freiheit, so schäbig sie auch sein mag, die einen Charakter wie Eddie Doyle dazu veranlasst, Informationen an die Polizei weiter zu geben. Natürlich nur dort, wo es für das eigene Wohlbefinden wenige Auswirkungen besitzen dürfte. Doch Eddie Coyle bewegt sich in einem Umfeld, welches so eng verzahnt ist, dass bestimmte Entwicklungen fast eindeutig auf ihren Ursprung verweisen. Ein Fehlschluss möglicherweise, der aber fast automatisch auf jemand verweist, der schuldig geworden ist. Egal von welcher Warte aus man es betrachtet. Kaum einer kann jene Verlorenheit, diese Ambivalenz angesichts nicht vorhandener Chancen besser spielen als Robert Mitchum.

Higgins Roman ist die beste Vorlage, die man sich für eine ambitionierte Verfilmung nur wünschen kann. Knapp genug für vielfältige Interpretationen und ausgefeilt in Perfektion, was Charaktere, Dialoge und Handlungsführung angeht.

Es wird wieder viel geredet, nicht ganz so ausufernd wie im später folgenden Cogan's Trade (Ich töte lieber sanft), die erzählten Geschichten sind knapper ausformuliert, die Protagonisten nutzen die Redezeit hauptsächlich, um sich und ihren Standpunkt zu erläutern und für Rechtfertigungen. Obwohl es immer Zuhörer gibt, bleibt die Kommunikation meist eine einsame Angelegenheit, das Gespräch nur eine traurige Art der Selbstbestätigung. Von seltener Nutzlosigkeit sowieso, wenn Schlüsse eher aus Taten und Ereignissen gezogen werden, die zu verhängnisvollen Entwicklungen führen. Wobei völlig egal ist, ob festgestellte Kausalitäten bloße Mutmaßungen sind, die mitunter auf Zufällen beruhen.

Die Freunde von Eddie Coyle, schon der Titel ist ein zynischer Witz, gestaltet sich als finstere Reigen, geprägt von fatalistischer Zwangsläufigkeit. Die entsteht, weil die Charaktere zwar reden, aber selten genau zuhören, den eigenen Reflexionen kaum trauen und somit keinen Mut zu einschneidenden Änderungen aufbringen. So ist Eddie Coyle verzweifelt bemüht immer das Richtige zu tun, einmal begangene Fehler zu vermeiden, und bemerkt dabei nicht, dass all diese Vorsicht und Planungen hinfällig sind, wenn man sich mit den falschen Leuten eingelassen hat.

Auch die Polizei kommt nicht gut weg in George V. Higgins geschlossenem Universum. Dave Foley gibt sich zwar bemüht und verständnisvoll, ist aber letztlich nicht mehr als ein Vollzugsbeamter, der außer leeren Versprechungen wenig zu bieten hat. Während seine am Rande vorkommenden Kollegen dem Zufall und einer rachsüchtigen Geliebten für Ermittlungserfolge danken dürfen. Higgins beschreibt höchst konsequent eine Welt, in der es kein Schwarz und Weiß gibt, sondern ein Konglomerat an düsteren Farben, die zu einem Grau verschmelzen, das die Finsternis in sich trägt. Keine groß angelegte Apokalypse, sondern das beständige Streben kleiner Fische, mit dem Strom zu schwimmen zu wollen, um am Ende ertrinken zu müssen. Herausragend, mit welch beiläufiger Brillanz der kleine Waffenschieber Jackie Brown am Ende seine langsame Transformation zum Wiedergänger Eddie Coyles antritt.

Vielleicht nicht "Der beste Krimi, der je geschrieben wurde" wie auf dem Buchdeckel Elmore Leonard zitiert wird, aber einer der Besten auf jeden Fall. Hervorragend geschrieben, ansprechend übersetzt; Dialoge, Action, Spannung und leiser, düsterer Witz sind exzellent austariert. Die Freunde von Eddie Coyle ist ein Roman, dem die Zeit nichts anhaben konnte und der eine große Masse aktueller Publikationen locker auf Abstand hält.

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