Diskrete Zeugen: Ein Fall für Lord Peter Wimsey

  • Rowohlt
  • Erschienen: November 2020
  • 15
  • London: Fisher Unwin, 1926, Titel: 'Clouds of Witness', Originalsprache
  • Bern: Scherz, 1954, Titel: 'Lord Peters schwerster Fall', Seiten: 212, Übersetzt: Lola Humm-Sernau
  • Tübingen: Wunderlich, 1971, Titel: 'Lord Peters schwerster Fall', Seiten: 298, Übersetzt: Lola Humm-Sernau
  • Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1974, Titel: 'Lord Peters schwerster Fall', Seiten: 184, Übersetzt: Lola Humm-Sernau
  • Tübingen: Wunderlich, 1979, Titel: 'Diskrete Zeugen', Seiten: 328, Übersetzt: Otto Bayer, Bemerkung: Mit einem Nachwort von Walther Killy
  • Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1981, Titel: 'Diskrete Zeugen', Seiten: 248, Übersetzt: Otto Bayer
  • Freiburg im Breisgau: Audiobuch, 2005, Titel: 'Diskrete Zeugen', Seiten: 8, Übersetzt: Brückner, Christian
  • New York: Harper, 1955, Originalsprache
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1976, Titel: 'Lord Peters schwerster Fall', Seiten: 191
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1983, Titel: 'Lord Peters schwerster Fall', Seiten: 191
  • Bern; München; Wien: Scherz, 2000, Titel: 'Lord Peters schwerster Fall', Seiten: 208
Diskrete Zeugen: Ein Fall für Lord Peter Wimsey
Diskrete Zeugen: Ein Fall für Lord Peter Wimsey
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Michael Drewniok
90°1001

Krimi-Couch Rezension vonMai 2003

Fahndungswettlauf um des Herzogs Hals.

Gerade erst von einer Reise zurückgekehrt, wird Lord Peter Wimsey mit der Sensationsnachricht konfrontiert, dass sein älterer Bruder Gerald, der Herzog von Denver, unter Mordverdacht festgenommen wurde. Da sich der Lord einen Namen als Privatdetektiv gemacht hat, beginnt er selbstverständlich mit einer eigenen Fahndung; dies erst recht, weil er dem Bruder ungeachtet der scheinbar geschlossenen Indizienkette die Tat nicht zutraut.

Der Herzog sitzt ein, weil man ihn im Garten zu später Nachtstunde und in schneidender Winterkälte über die Leiche eines Mannes gebeugt fand, mit dem er zuvor lautstark gestritten hatte: Denis Cathcart, der sich anschickte, Peters und Geralds Schwester Mary zu ehelichen, hatte dem Herzog gegenüber zugegeben, dass er seinen Lebensunterhalt als Falschspieler verdiente. Zu allem Überfluss wurde Cathcart mit dem herzoglichen Revolver erschossen, den man nahe des Tatorts fand.

Denver streitet den Mord energisch ab. Was tatsächlich in der Mordnacht geschah, verschweigt er ebenso hartnäckig wie seine Schwester, die womöglich mehr als eine Zeugin ist. Glücklicherweise ist Lord Peter das störrische Verhalten seiner Geschwister nicht neu. Zudem hat er in Inspector Charles Parker einen engen Freund, der stets bereit ist, den Detektiv auch im Rahmen unkonventionellen Vorgehens zu unterstützen. Das ist gut so, denn die Indizien sind rar, mehrdeutig, und Spuren müssen bis auf nach Frankreich und sogar in die USA verfolgt werden. Die Zeit wird knapp, denn der Prozess, der den Herzog an den Galgen bringen könnte, wird bald beginnen ...

Probleme gibt’s in jeder Familie

Zum dritten Mal schickte Dorothy Leigh Sayers (1893-1957) ihren bereits bekannten und nicht nur von immer mehr Lesern, sondern auch von der Literaturkritik geschätzten Lord Peter Wimsey 1926 auf Verbrecherjagd. Noch verdiente sie ihr Geld in der Werbebranche, aber dies sollte sich schon Ende des Jahrzehnts ändern: Ihr adliger Amateurdetektiv verschaffte Sayers die Möglichkeit, sich hauptberuflich als Schriftstellerin zu betätigen.

Aufgrund der literarischen Höhen, die sie dabei erreichte, war die erwähnte Kritik vor allem im Rückblick stets streng mit ihr. So gilt „Diskrete Zeugen“ ungeachtet der durchaus gepriesenen Qualitäten als Werk einer Autorin, die ihre „wahre Form“ noch nicht erreicht hat; eine Sicht, die der profane Krimi-Freund nicht teilen mag: „Diskrete Zeugen“ bietet Krimi-Klassik auf höchstem Niveau und dies in ‚reinerer‘ Form als die später Wimsey-Romane, in denen die Krimi-Handlung vom zwischenmenschlichen Drama an den Rand geschoben wurde.

Hier jedenfalls steht das Verbrechen im Vordergrund, und die Figuren ordnen sich dem unter (obwohl - dazu später mehr - das Drama bereits seinen Tribut fordert). Ort und Personal entsprechen der Tradition: Der Tod schlägt auf einem abseits gelegenen Landgut zu, das zudem und aktuell in der Winterzeit erst recht schwer zu erreichen ist. Wer die Tat beging, muss unter den Bewohnern des besagten Gutes sein, was wie üblich einerseits überhaupt nicht - alle Anwesenden sind von Adel oder sonstwie über jeden Verdacht erhaben -, aber andererseits - niemand hat ein taugliches Alibi, und schnöde gelogen wird auch - sehr wohl möglich ist.

Mehr als ein Kapitalverbrechen

Nach dem Ersten Weltkrieg begann sich die Welt auch in England zu ändern. Die starre, über Jahrhunderte tradierte Gesellschaftsordnung begann aufzuweichen. Vor allem der Adel musste sich mit dem Verlust von Privilegien abfinden, was nicht nur die politische Willensbildung, sondern auch die wirtschaftliche Lage beeinträchtigte. Der Herzog von Denver weigert sich, dies zu akzeptieren. Er baut fest und eigenwillig darauf, dass weiterhin sein Wort genügt, um ihn als Mörder auszuschließen. Dass man in der englischen Vergangenheit zwar selten, aber durchaus Männer seines Ranges verurteilt und sogar hingerichtet hat, blendet er aus.

Doch Gerald ist ohnehin ein Dummkopf und Ignorant, weshalb Bruder Peter vor allem deshalb froh über seine Existenz ist, weil sie ihm die Würde des Herzogtums ersparte. Während Gerald sich förmlich sonnt in seiner Wichtigkeit, geht Peter seinen Neigungen nach. Dass er sich detektivisch betätigt, gilt bereits als sachter Skandal, denn ein Ehrenmann - zumal, wenn adlig - hält sich tunlichst moralisch düsteren Winkeln fern! Das schließt die Polizei als ‚Dienstleute‘ ein, die deshalb den Personaleingang zu nutzen oder sich wie Bazillenträger jeglichem Adelswohnsitz überhaupt fernzuhalten haben.

Ermittlungen sind deshalb in diesem Milieu schwierig, denn wie soll man Männer und Frauen verhören, die bereits pikiert und empört sind, weil man sie als Zeugen befragen möchte oder gar eines Verbrechens verdächtigt? Um dieses Dilemma zu umgehen, schuf Sayers ihren Detektiv als ‚Insider‘, der sich innerhalb des Adels wie ein Fisch im Wasser bewegen kann, aber auch - leutselig, freigiebig, ein echter Edelmann - von den Angehörigen der „niederen“ Schichten geachtet wird. Diese Stellung ermöglicht flankierende Polizeiermittlungen, da Peters bester Freund Inspector Parker ist, der im Windschatten des Lords dorthin vorstoßen kann, wo man ihn nie dulden bzw. sich ihm gegenüber nie offen äußern würde.

Ein überaus eigenes Völkchen

Genretypisch tritt uns nicht nur der Kreis der Verdächtigen als „Typen“ gegenüber. Der zeitgenössische Whodunit ist auch deshalb so beliebt (geblieben), weil man die Protagonisten nicht ernstnehmen muss. Hart an der Grenze zur Karikatur segeln nicht nur Lord Peter als „Nase mit Nerven“ (so seine Mutter), sondern auch die übrigen Figuren - Adlige, Bedienstete, Landleute, Juristen u. a. -, wobei sich Intellekt, aber auch Hochmut steigern, je höher man in der Gesellschaftspyramide steht.

Frauen schildert Sayers nur scheinbar als Jungfern in Not. Man muss mit solchen Vergleichen vorsichtig sein, aber es mag diese Erklärung geben: Obwohl sie ein konservatisches Weltbild vertrat, wusste Sayers als unverheiratete Mutter einer Tochter = „gefallenes Mädchen“ um die Vorurteile einer von Männern bestimmten Welt. Ihre Frauenfiguren fügen sich nur oberflächlich dort ein, wo Väter, Ehemänner, Brüder etc. sie sehen wollen. Gleich mehrfach und selbstverständlich werden Ehebrüche und Liebschaften aufgedeckt, ohne dass darüber der Himmel einstürzen würde, und das Wissen darum, dass die Welt sich verändert und man sich dem anpassen sollte, verdankt Lord Peter seiner souveränen Mutter, der Herzoginwitwe, die gelernt hat, „Skandale“ nicht überzubewerten.

Im Gegensatz zu seinem Bruder reagiert Lord Peter nicht nur, sondern handelt. Hier treibt es Sayers auf die Spitze, indem sie ihren Helden ein Jahr vor Charles Lindbergh mit einem Kleinflugzeug den Atlantik gen England überqueren lässt; ein Moment, in dem die Autorin um der Dramatik willen die Zügel einer sonst souverän gelenkten Handlung lockert: Während die Verteidigung im Gericht auf Lord Peter und seinen angekündigten Beweis für die Unschuld des Herzogs wartet/zittert und auf Zeit spielt, schlägt der Detektiv sich per Flugzeug, Automobil und schließlich zu Fuß schmutzig, nass und erschöpft bis zur Anklagebank durch.

Drama in drei Akten

Sayers steht mit je einem Bein in urbritischer Tradition und moderner Gegenwart. Dass die Dinge sich ändern, lässt sie einfließen, ohne darin etwas grundsätzlich Positives zu sehen. Schritt für Schritt soll die neue, andere Zeit kommen. Wer an den Grundfesten des Empires rüttelt, wird von Sayers verdammt bzw. der Lächerlichkeit preisgegeben: Nach der Gründung der Sowjetunion versuchten die Sozialisten auch im Ausland per „Revolution des Volkes“ an die Macht zu kommen. In England ist dies aus Sayers Sicht ein vergebliches Unterfangen. Sie zeichnet die hier aktiven „Revolutionäre“ als ungehobelte, täppische, den Sozialismus nur behauptende, aber nicht lebende Truppe. Die Vorbereitung des „Umsturzes“ ist für die Beteiligten nur ein spannendes Abenteuer, dem niemals entsprechende Taten folgen werden.

Inhaltlich gliedert sich die Handlung in drei Teile. Sie beschreiben jeweils eine Fahndung und das Zusammensetzen von Indizien, die sich zu einer Rekonstruktion der Tat fügen. Doch die ersten beiden Wege führen ins Leere, bevor sich endlich klärt, wieso Cathcart tot im Garten lag. Ein erfahrener Autor hätte diese drei Stränge handlungsrelevanter miteinander verknüpft. Zudem entwickelt sich die Auflösung nicht so schlüssig aus dem Vorgeschehen, wie man es aus wirklich „raffinierten“ Rätselkrimis kennt. Sayers muss auf den letzten Seiten noch allerlei Ingredienzen ins Geschehen mischen, um dem Plot Finalwürze zu verleihen.

Dies wird wettgemacht durch eine Form, die schriftstellerisches Talent und literarisches Gewicht dort verrät, wo es nötig ist, dies aber durch Eleganz und einen wunderbar leichten Ton ergänzt (der es in die Übersetzung geschafft hat). Viele den Zeitgenossen bekannte Anspielungen und Literaturzitate werden dem heutigen Publikum nicht mehr auffallen, aber ihre Kenntnis ist nicht notwendig. „Diskrete Zeugen“ bietet nach mehr als einem Jahrhundert filterfrei jene nur scheinbar simple Mischung aus Spannung, Stimmung und Witz, die den typischen „Cozy“ ausmacht.

„Diskrete Zeugen“ im TV

Die BBC verwandelte den Roman 1972 in eine fünfteilige TV-Serie. Als Lord Peter Wimsey trat Ian Carmichael (1920-2010) auf, der diese Rolle bis 1975 in vier weiteren Mini-Serien nach Sayers-Romanen übernahm. Bis heute gilt er als der Lord Peter der Leinwand bzw. des Bildschirms.

Fazit

In seiner Mischung aus Krimispannung und hintergründigem Humor wirkt dieser Roman wie ein Muster des britischen Rätselkrimis: ein unsterblicher Klassiker seines Genres.

Diskrete Zeugen: Ein Fall für Lord Peter Wimsey

Dorothy L. Sayers, Rowohlt

Diskrete Zeugen: Ein Fall für Lord Peter Wimsey

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