Ein Toter zuwenig / Der Tote in der Badewanne

  • Scherz
  • Erschienen: Januar 1952
  • New York: Boni & Liveright, 1923, Originalsprache
  • Bern: Scherz, 1952, Titel: 'Der Tote in der Badewanne', Seiten: 188, Bemerkung: Die schwarzen Kriminalromane; Band 51
  • Gütersloh: Sigbert Mohn, 1960, Titel: 'Der Tote in der Badewanne', Seiten: 186
  • Tübingen: Wunderlich, 1971, Titel: 'Ein Toter zu wenig', Seiten: 255
  • Tübingen: Wunderlich, 1981, Titel: 'Ein Toter zu wenig', Seiten: 241, Übersetzt: Otto Bayer, Bemerkung: Neuübersetzung
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1985, Titel: 'Der Tote in der Badewanne', Seiten: 155
  • Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 2006, Titel: 'Der Tote in der Badewanne', Seiten: 191
  • Sankt Augustin: Richarz, 1979, Titel: 'Der Tote in der Badewanne', Seiten: 196, Bemerkung: Großdruck
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1982, Titel: 'Der Tote in der Badewanne', Seiten: 155
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1997, Titel: 'Der Tote in der Badewanne', Seiten: 177
  • Bern; München; Wien: Scherz, 1999, Titel: 'Der Tote in der Badewanne', Seiten: 177
  • Freiburg: Audiobuch, 2001, Titel: 'Der Tote in der Badewanne', Seiten: 5, Übersetzt: Christian Brückner
  • Bern; München; Wien: Scherz, 2002, Titel: 'Der Tote in der Badewanne', Seiten: 205
  • Frankfurt am Main: Scherz, 2004, Titel: 'Der Tote in der Badewanne', Seiten: 205
  • Frankfurt am Main: Fischer, 1973, Titel: 'Ein Toter zu wenig', Seiten: 139
  • Frankfurt am Main: Fischer, 1977, Titel: 'Ein Toter zu wenig', Seiten: 139
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Stefan Heidsiek
85°

Krimi-Couch Rezension vonMai 2003

Mord ist (s)ein Hobby

Sie ist eine der "British Crime Ladies" und gehört zu den bekanntesten Schriftstellerinnen des "Golden Age", dem Goldenen Zeitalter des klassischen Kriminalromans: Dorothy Leigh Sayers. Obwohl mittlerweile etwas angestaubt, erfreuen sich ihre Bücher mit dem Amateurdetektiv Lord Peter Wimsey bis heute großer Beliebtheit. Neben Agatha Christie ist es sie, die nicht nur der Gattung des Whodunits, sondern auch dem "Detection Club", ihren Stempel aufgedrückt hat. Letzterer wurde im Jahre 1928 aus der Taufe gehoben, mit Sayers als eins der Gründungsmitglieder, welche wie alle anderen, einen Eid auf die "Zehn Regeln für einen fairen Kriminalroman" schwor. Fairness bezog sich in diesem Fall auf den Leser, dem alle Hinweise zur Hand gegeben werden sollten, um das jeweilige im Buch beschriebene Verbrechen selbst lösen zu können. Im Gegensatz zu manch anderem Mitglied, so z.B. Gilbert Keith Chesterton oder Agatha Christie, sollte Sayers, die dem Club von 1949 bis 1957 als Präsidentin leitete, diese Regeln in ihrer schriftstellerischen Karriere nie brechen. Auch ihr Erstling, Der Tote in der Badewanne, ist hier keine Ausnahme.

Eine Leiche zu viel und ein Lebendiger zu wenig. Das fasst im Groben und Ganzen das zu lösende Problem zusammen, vor dem Lord Peter Wimsey, und damit auch der Leser, vor Beginn der Ermittlungen stehen. Dorothy L. Sayers' im Jahre 1923 erschienenes Debütwerk "Der Tote in der Badewanne (auch unter dem Titel Ein Toter zu wenig veröffentlicht) trägt nicht nur alle typischen Elemente des klassischen Whodunits in sich, sondern wartet auch mit einer Art von Detektiv auf, welcher in seiner Charakterisierung dem großen Sherlock Holmes in vielen Dingen nahe kommt. Auch Lord Peter Wimsey ist von sich und seinen Fähigkeiten mehr als überzeugt. Seine Betätigung als freischaffender Detektiv wird ihm durch Titel, Einfluss und Vermögen erheblich erleichtert, was wiederum erklärt, weshalb er den staatlichen Justizbeamten immer wieder dazwischenfunken kann. Zudem genießt er hohe Anerkennung in den Reihen des Scotland Yard, allen voran bei Charles Parker, mit dem er die Abneigung gegenüber Inspector Sugg teilt. Doch besonders beim ersten Auftritt werden gewisse Unterschiede in der Arbeitsauffassung zwischen Parker und Lord Peter deutlich. Für letzteren nämlich bedeutet die Mördersuche in erster Linie eine erfrischende Abwechslung vom tristen Alltag. Lässig, ja schon beinahe arrogant, begibt man sich an die Arbeit. Stets darauf bedacht die Form zu wahren und, typisch englisch, Fairness walten zu lassen.

 

"Bunter!"
"Bitte sehr, Mylord."
"Ihre Durchlaucht erzählte mir, dass ein ehrbarer Architekt in Battersea einen Toten in seiner Badewanne entdeckt hat."
"Wirklich, Mylord? Das ist sehr erfreulich."

 

Lord Peter Wimsey, Freund klassischer Musik, Sammler seltener Bücher und redegewandter, charmanter Lebemann, ist Sayers unterschwellige Abrechnung mit dem britischen Adel, den sie mit ihrer Hauptfigur in gewisser Weise persifliert. Sicherlich in vielerlei Dingen überzeichnet, spiegelt dessen Charakterisierung aber auch die Lebenseinstellung der Goldenen Zwanziger Jahre wieder, in denen man sich trotz drohender Wirtschaftskrise, dem Spaß und Müßiggang hingab, was hier nicht zuletzt selbst der verklemmte Mr. Thipps erfahren muss. Unter der oberflächlichen Korrektheit aller lauert der Wunsch, aus den Zwängen der Gesellschaft auszubrechen und während Lord Peter Wimsey, dessen "Hobby" von seinem eigenen Bruder abfällig betrachtet wird, die Detektivarbeit als Ventil gewählt hat, suchen andere stattdessen ihre Zuflucht im Verbrechen. Das diese Gefahr die Existenz von ganzen Familien bedrohen kann, erkennt der adlige Detektiv nur nach und nach. Seine Wandlung vom Dandy zum mitleidenden Menschen, ist das Bemerkenswerte dieses Buches und verleiht der Geschichte eine vorher nicht zu erwartende psychologische Tiefe.

 

"Für mich ist es ein Steckenpferd, verstehen Sie. Ich begann es zu reiten, als mir das Leben schal vorkam, weil es eine so spannende Beschäftigung ist, und diese Spannung genieße ich bis zu einem gewissen Grade. Wenn alles auf dem Papier stünde, würde ich sie ganz auskosten. Ich liebe den Anfang einer Aufgabe – wenn man noch keine Ahnung hat und alles nur aufregend und unterhaltend ist. Aber wenn es soweit ist, dass man einen lebendigen Menschen überführt hat und der arme Kerl nun gehängt oder eingesperrt werden soll, dann scheint es mir keine Entschuldigung für meine Einmischung zu geben, da ich davon meinen Lebensunterhalt nicht zu bestreiten brauche. Und ich habe das Gefühl, dass ich es nie mehr unterhaltend finden würde. … Aber das ist es dann doch wieder."

 

Geschickt beginnt Sayers an der Oberfläche, um nach und nach die Schichten der Figuren abzublättern und ihr Innerstes freizulegen. In Lord Peters Fall sind das seine traumatischen Erlebnisse aus dem ersten Weltkrieg, die immer noch ihren Nachhall im Alltag finden, und denen er mit jeder möglichen Beschäftigung zu entfliehen versucht. Während Agatha Christie in ihren Geschichten das zu lösende Verbrechen in den Mittelpunkt gestellt hat, sind es hier die gesellschaftlichen Hintergründe und Motive, die im Vordergrund stehen. Was macht den Mensch zum Mörder? Welche sozialen Umstände führen dazu, dass jemand ein Verbrechen begeht? Sayers hat sich damit äußerst intensiv befasst, auch um dem Genre des Detektivromans eine literarische Bedeutung zu geben und von der reinen Unterhaltungslektüre weg zuführen. Dieser erfolgreiche Versuch des Realismus ist ihr großes Verdienst und vielleicht gleichzeitig der Grund, warum viele Leser ihre Werke als zu langatmig und trocken erachten. Tatsache aber bleibt: Die detaillierten und liebevollen Beschreibungen und Charakterisierungen sind es, welche Sayers Bücher von anderen abheben und besonders machen. Wo vorher zwischen Krimi und Gesellschaftsroman große Schluchten klafften, hat sie sehr beeindruckend eine Brücke geschlagen.

Insgesamt ist Der Tote in der Badewanne ein unterhaltsamer, vielschichtiger erster Auftritt einer Figur, welche sich im späteren Verlauf der Reihe ihren Platz in der großen Weltliteratur verdient hat. Allen Freunden des klassischen Kriminalromans sei dieser wortgewandte Whodunit, der am Ende erstaunend logisch alle Fäden zu einem verblüffenden Ganzen zusammenführt, ans Herz gelegt.

Ein Toter zuwenig / Der Tote in der Badewanne

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