Wenn die Dämmerung naht

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Toronto: M&S, 2007, Titel: 'Friend of the devil', Originalsprache
  • Berlin: Ullstein, 2010, Seiten: 460, Übersetzt: Andrea Fischer
  • Berlin: Ullstein, 2011, Seiten: 460

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Andreas Kurth
Alan Banks könnte eine Auszeit vertragen

Buch-Rezension von Andreas Kurth Mai 2010

An der Steilküste von Yorkshire wird an einem kalten Sonntagmorgen eine tote Frau im Rollstuhl gefunden. Ihr leerer Blick ist auf das weite Meer gerichtet, ihr Gesicht ist bereits von den Möwen zerstört worden. Dem völlig wehrlosen Opfer wurde brutal die Kehle durchgeschnitten. Die Ermittlungen führen DI Annie Cabbot weit zurück in die Vergangenheit, denn die Tote lebte in dem nahe gelegenen Pflegeheim unter falschem Namen. Es handelt sich tatsächlich um Lucy Pane, die Frau des Serienmörders Terry Pane. Sie wurde der Mittäterschaft verdächtigt, jedoch nie verurteilt. Bei einem Unfall erlitt sie dann schwerste Verletzungen, die sie stumm in den Rollstuhl verbannten. Der Mord wirft zahlreiche Fragen auf. Vor allem gilt es zu klären, wer die wahre Identität der stummen Bewohnerin des Pflegeheims kannte.

Zur gleichen Zeit hat auch DCI Alan Banks, Annies früherer Vorgesetzter und zeitweiser Lebensgefährte, mit einem kniffligen Fall zu kämpfen. Im Labyrinth, einem Viertel von kleinen und schmalen Gässchen nahe dem Stadtzentrum von Eastvale, ist ein 19-jähriges Mädchen getötet worden. Sie wird von dem Besitzer eines Stoff- und Lederlagers in seinen Räumen gefunden. Die Suche nach Verdächtigen gestaltet sich überaus schwierig. Das Mordopfer war regelmäßig mit einer Clique von Studenten unterwegs, so auch in der Nacht ihres Todes. Sie trennte sich von der Gruppe und ging alleine in das Labyrinth um am kommenden Morgen tot aufgefunden zu werden.

Die beiden Fälle haben scheinbar überhaupt nichts miteinander zu tun, bis ein weiterer Mord im Labyrinth passiert. Ein Polizeibeamter, der in seiner Freizeit private Nachforschungen anstellte, wird ebenfalls im Labyrinth getötet. Die gesamte Polizei gerät in Aufruhr, es wird fieberhaft ermittelt. Als endlich erkennbar ist, wie die beiden Fälle zusammen hängen, kommt es zu einem ebenso dramatischen wie blutigen Finale.

So gut es Peter Robinson in seinen früheren Romanen stets gelang lose Handlungsfäden wieder zusammen zu führen, so sehr verzettelt er sich diesmal. Die Zahl möglicher Tathergänge treibt die Polizei in beiden Fällen in schiere Verzweiflung. Es dauert lange bis brauchbare Hypothesen entwickelt werden. Und bis dahin unterhält vor allem Annie Cabbot den Leser mit ihren amourösen Abenteuern und unmöglichen Szenen, die sie Alan Banks liefert. Die Liebelei zwischen zwei Protagonisten gehört neuerdings zum guten Ton in modernen Kriminalromanen, die Trennung von Banks und Cabbot war da eine erfrischende Variante. Was jetzt zwischen den beiden inszeniert wird, wirkt nur klischeehaft und überzogen. Die Handlung des Romans wird dadurch in keiner Weise befördert. Und Cabbots One-Night-Stand und seine unangenehmen Folgen tragen auch nicht gerade zur Entwicklung dieser Figur bei.

Zum Gleichgewicht der Geschichte gehört es dann wohl, dass auch Alan Banks ein amouröses Abenteuer erleben darf. Zuvor muss er sich das Geschwätz einer Dinner-Party anhören. Und der Leser muss sich da auch durchkämpfen. Überhaupt zieht sich die Handlung in die Länge wie schlechtes Kaugummi. Was sonst genutzt wird, um den Charakteren mehr Format zu verleihen, geht hier eher in die falsche Richtung. Der Leser verliert schnell den Überblick, das Hin- und Herspringen zwischen den zwei Fällen und damit zwischen den verschiedenen Schauplätzen erhöht nicht unbedingt die Spannung, denn die Wechsel werden teilweise ungeschickt eingesetzt und führen eher zu Brüchen beim Lesen.

100 Seiten weniger hätten dem Roman gut getan, die Story um den nutzlosen Wortmüll entschlackt. Wendungen und falsche Spuren können einen Kriminalroman spannend machen, aber bei diesem Buch war der Autor offenbar nicht so recht in Form. Der rote Faden fehlt völlig, ist allenfalls spürbar. Es gibt keinen richtigen Spannungsbogen, ich musste mich am Ende durch die Seiten quälen. Das überraschende und hochdramatische Finale entschädigt ein wenig, kann den eher durchschnittlichen Gesamteindruck aber nicht mehr korrigieren. Es scheint, der Autor braucht eine schöpferische Pause oder eine neue Figur.

Wenn die Dämmerung naht

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Letzte Kommentare:
15.07.2011 11:49:08
KorneliaRichter

Eine wirklich schwache Kür, die Robinson hier abliefert. Außerdem recycelt er auch noch einen Roman außerhalb der Alan-Banks-Reihe, nämlich "Das stumme Lied", so dass der Leser, der diesen kennt, bei "Wenn die Dämmerung ..." ständig Deja-vu-Erlebnisse hat, weil er Namen wiedererkennt und ihm der alte, wieder aufgerollte Fall bekannt vorkommt. Vielleicht sind 17 Romane eben einfach zu viele ...

26.04.2011 16:29:08
Reinhart Hönsch

100% einverstanden! Habe mir gerade die Zeit genommen, alle 17 Romane in Reihenfolge zu lesen..."Dämmerung" war der schlechteste! Wegen eben der o. g. Argumente! Ausserdem: Warum immer Leeds und die Ostküste! Warum bleibt PR nicht in Eastvale und näherer Umgebung wie in seinen ersten Romanen? Mit seinem Team, u. a. Hatchley, mit J. Fuller, Grishorpe (auch wenn pensioniert), mit den Einwohnern der Dörfer entlang des Swain River?