Im Sommer des Todes

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • Toronto: McClelland & Stewart, 2006, Titel: 'Piece of my heart', Originalsprache
  • Berlin: Ullstein, 2009, Seiten: 456, Übersetzt: Andrea Fischer
  • Berlin: Ullstein, 2010, Seiten: 456, Übersetzt: Andrea Fischer

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Wolfgang Franßen
Music all over

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Aug 2009

Waren das nicht schöne Zeiten? Open-Air-Konzerte, Blumen im Haar, Motorräder am Straßenrand, Janis Joplin, Jimi Hendrix, Drogen, hemmungsloser Sex. Freiheit schien zum Greifen nah. Eine bessere Welt, die man nur angehen musste, damit sie sich Bahn brach. Für einen Moment. Ein Atemholen zwischen den Jahrzehnten. Angesichts des heutigen Krisengeredes erscheint einem Peter Robinsons Einstieg wie eine Zeitreise. Auch wenn sie gleich tödlich in einem Schlafsack im Wald endet.

Stanley Chadwick dient dem bei seinen Lesern allseits beliebten Ermittler Alan Banks gleichermaßen als Alter Ego im Jahr 1969. Zwar verspürt man von Anfang an, dass die Erzählstränge miteinander verknüpft sein müssen, der eine Mord womöglich den zweiten nach sich gezogen hat, doch springt man mühelos zwischen den Erzählsträngen hin und her, ohne den Faden zu verlieren. In der Welt dieses kriminalistischen Romanciers fühlt man sich gut aufgehoben. Typisch British Crime muss er nicht auf Biegen und Brechen den Ansprüchen moderner Thriller entsprechen, die grell von Schrecken und Ekel durchzogen, dem Splatter, den psychischen Verwerfungen huldigen.

Beinah altbacken

Wie geschickt Robinson Figuren einzusetzen versteht, blitzt in Alan Banks neuer Vorgesetzten Catherine Gervaise auf. Sie erinnert so gar nicht an ihren Vorgänger, der Banks weitgehend freie Hand ließ und für den sein Mitarbeiter trotz allseits bekannter Unberechenbarkeit ein Verlässlichkeit ausstrahlender Ermittler war.

Gervaise ist kühl, distanziert, kein Mentor und Freund. Sie wird im Verlauf der Geschichte zu ihrem ungehemmten Karrierewillen stehen, den Banks ihr von Anfang an unterstellt, und ihrem Ermittler Freiheiten zugestehen, weil sie unverhüllt zugibt, auf seine Ergebnisse angewiesen zu sein, ohne die sie die Karriereleiter nicht hinauf klettern wird. Was bei anderen Autoren zu einem Portrait einer Ehrgeizigen verkommen wäre, erscheint unter Robinsons Feder fast sympathisch in seiner Aufrichtigkeit. Hier verstellt sich niemand. Hier sagt jemand, wie die Dinge liegen, und dass es, wenn man die Welt so sieht, gar nicht verwerflich ist.

Auch in der Musik soll es zuweilen zu Mord und Totschlag kommen. Wenn Robinson seinen Inspektor Banks im Oktober 2005 mit der Aufklärung an dem Mord eines Musikjournalisten betraut, darf man nicht unbedingt aufsehenerregende Enthüllungen erwarten. Der Autor tastet sich vor, verknüpft zwei Welten miteinander, die zeitlich gerade mal vierzig Jahre auseinander liegen, und doch erscheint einem das Jahr 1969, in dem der Mord an einer jungen Frau geschieht, bereits so, als habe es mit uns so wenig zu tun, wie die zwanziger, die dreißiger Jahre und dienten ausschließlich der Verklärung, der erzählten Recherche.

MOJO

Der Stil ist unaufdringlich, den Suspense als atemlos zu beschreiben wäre vermessen. Geprägt von Gesprächen, Verhören dringt der Leser aus den naiven Anfängen einer Musikindustrie in die veränderte Welt des puren Kommerz vor, deren Eckdaten durch Tourneestarts, gesetteten Revivals, Verkaufszahlen, Streitigkeiten zwischen Bandmitgliedern und der verkaufsfördernden Darstellung in der Presse geprägt sind. Ein Blick hinter eine auf Hochglanz polierte Kulisse.

Der neunundfünfzig Jahre alte, mittlerweile in Toronto lebende Peter Robinson ist in Yorkshire geboren, wo auch sein Eastvale liegt, in dem er Alan Banks angesiedelt hat. Dass sein neuer Roman sich der Musik widmet, mag weniger erstaunen, wenn man weiß, dass ihr Robinsons zweite Leidenschaft gehört. So veröffentlicht er auf seiner Website, die nicht unter seinem Namen vielmehr unter www.inspectorbanks.com firmiert, zu einigen seiner Romane gleich eine Playlist mit.

Ein sommerlich angehauchter Schmöker, der einen an die Hand nimmt und mit vertrauten Personen umgibt. Selbst die Unbekannten kommen einem mit den Jahren bekannt vor. Auch wenn die Haare nun kürzer sind.

Im Sommer des Todes

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Letzte Kommentare:
12.09.2013 19:10:21
Darix

Ein sehr guter Allan Banks Krimi, der auf unterschiedlichen Erzählebenen verläuft. Der Plot verläuft in der Musikszene, mit zeitgenauen Schilderungen. Die Beschreibung der Erlebnisse in den End 60er und 70er Jahren werden sehr treffend erzählt und wecken Erinnerungen an selbst "ähnlich" erlebte wilde Zeiten. Das schafft einen besonderen Charme. Die Beziehung zwischen den beiden Polizisten ergeben einen richtig tollen ambivalenten Appetenz-Konflikt. Tolle britische Krimiliteratur von Robinson, die Freude an mehr weckt.

02.03.2011 22:36:25
Rolf Majaranta

Es brauchte einige Zeit, bis ich die Geschichte richtig gut fand. Sicher nicht der beste Banks-Roman, aber immer noch sehr lesenswert. Bin schon gespannt, was die neue Vorgesetzte mit Banks noch anstellen wird . Die Beziehung zwischen Banks und Annie hat nach wie vor ihren Reiz. Freue mich schon auf die nächste Geschichte.

01.02.2011 13:34:42
Anita

"Im Sommer des Todes" war mein zweiter Krimi von Peter Robinson um Alan Banks und auch diesmal wurde ich nicht enttäuscht. Der Schreibstil Robinsons ist genial, speziell in dieser Geschichte fühlt man sich als Leser tatsächlich in die legendäre Zeit um die Hippies und "crazy" Bands versetzt. Schade ist nur, dass der Originaltitel "A Piece of my Heart" nicht original ins deutsche übersetzt wurde, denn der Autor trifft mit der traurigen Mordserie um Linda und einen Unbekannten direkt ins Herz. Für Freunde hochspannender und intelligenter Kriminalliteratur ein Muss!

08.01.2010 18:23:58
Dorian Gray

Sehr spannend und gut geschrieben. Der finale Twist ist vielleicht etwas sehr bemüht, aber das stört nicht wirklich. Die Geschichte ist spannend aufgebaut, es ist klar, dass die beiden Zeitebenen an irgendeinem Punkt zusammengeführt werden. Die Beschreibung der späten Sechziger/frühen Siebziger Jahre sind sehr liebevoll gestaltet, auch wenn Robinson kein Klischee bezüglich von Rockbands dieser Ära auslässt, freie Liebe, Drogen aller Art, wilde Partys, Okkult-Freaks u.ä. Als Gegenfigur zu den Hippies sehr gelungen ist DI Chadwick, auch wenn man einwenden mag, dass er der geradezu klassisch-typische Spießer aus dem Bilderbuch ist. Spannend und gut geschrieben. Übrigens, es gibt in Irland tatsächlich eine Band namens Mad Hatters, aber die haben wohl nichts mit der Band in diesem Buch zu tun.