Das Gesicht des Drachen

Erschienen: Januar 2003

Bibliographische Angaben

  • London: Hodder & Stoughton, 2002, Originalsprache
  • München: Blanvalet, 2003, Seiten: 475, Übersetzt: Thomas Haufschild
  • München: Blanvalet, 2004, Seiten: 480
  • München: Blanvalet, 2007, Seiten: 475

Couch-Wertung:

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Peter Kümmel
Deaver ist diesmal sehr variabel und trickreich

Rezension von Peter Kümmel Mai 2003

Krimi-Couch-Volltreffer März 2003

Diesmal hat Jeffery Deaver sich und uns das langwierige Procedere, seinen Protagonisten Lincoln Rhyme erst wieder lange überreden lassen zu müssen, sich einem neuen Fall anzunehmen, glücklicherweise erspart, und geht sofort in medias res.

In Das Gesicht des Drachen sind gleich eine ganze Reihe von Behörden am Ermittlungsteam mit Lincoln Rhyme und seiner Assistentin Amelia Sachs beteiligt: außer FBI, CIA und dem NYPD beschäftigen sich auch die Mitarbeiter der Einwanderungsbehörde INS mit Gwan Ang, genannt "Der Geist", einem der skrupellosesten Verbrecher, der sich auf dem Schiff "Fuzhou Dragon" befindet, wo er eine Landung "Illegaler" aus seiner chinesischen Heimat nach New York bringen will. All dies hat Lincoln Rhyme, der gelähmte geniale Ermittler, bereits herausgefunden, bevor die Handlung des Buches überhaupt einsetzt.

Und so erwarten die Behörden die Fuzhou Dragon bereits im New Yorker Hafen. Ein Küstenwachboot nimmt Kurs auf das mit illegalen Einwanderern besetzte Schiff, als plötzlich - noch eine Meile vom Hafen entfernt - ein Sprengsatz auf dem Schiff detoniert. Um seiner drohenden Verhaftung zu entgehen, hat der Geist selber das Schiff versenkt. Nur wenige Passagiere können sich mit Schlauchbooten retten. Doch für sie ist die Gefahr noch nicht vorüber, denn der Geist schießt auf alle, die noch am Leben sind. Denn keiner, der sein Gesicht kennt, darf entkommen.

Der folgende Abschnitt macht besser als jede Beschreibung deutlich, mit welch unmenschlichem Gegenspieler es Rhyme dieses mal zu tun hat:

 

Der Geist dachte an den Shang-Kaiser Zhou Xin. Als dieser einmal bei einem seiner Vasallen Illoyalität spürte, ließ er den Sohn des Mannes in kleine Stücke hacken, kochen und dem ahnungslosen Verräter zum Abendessen vorsetzen. Dann verriet er ihm fröhlich die wesentliche Zutat des soeben verspeisten Hauptgangs. Der Geist hielt diese Art von Gerechtigkeit für absolut angemessen und zudem sehr befriedigend.

 

Und so ist es kaum verwunderlich, dass der Gesist eine Bahn des Grauens hinter sich her zieht in seiner Absicht, diejenigen, die dem Massaker entkommen konnten, zu vernichten. Dies sind die Familien Chang und Wu, der Arzt John Sung sowie Sonny Li, ein Polizist, der dem Geist von China aus auf der Spur ist und das Ermittlerteam mit ungewöhnlichen Methoden verstärkt.

Für die Behörden geht es nun darum, die Changs schneller zu finden als der Geist, um sie vor ihm schützen zu können. Und natürlich ist der Geist immer gerade einen Schritt voraus.

Mangelnde Phantasie kann man Deaver absolut nicht vorwerfen. Denn für den vierten Fall von Lincoln Rhyme hat er sich wieder etwas völlig Neues einfallen lassen. Zur Abwechslung geht es für den Spurensucher hier nicht primär darum, Mordfälle zu untersuchen. Die "Tatorte" sind diesmal bedeutend größer und ungewöhnlicher. So muß nicht nur ein kilometerlanger Strand abgesucht werden, sondern auch ein Schiff in 30 Metern Tiefe. Doch schon bald durchzieht auch wieder eine Spur von Mordopfern diesen Roman, was für zart besaitete Gemüter nicht gerade gut lesbar ist.

Einerseits die gewohnte Deaver´sche Hochspannung mit immer wieder unvermutet auftauchenden Wendungen, andererseits die Einblicke in die New Yorker Subkultur von Chinatown und das Leben von chinesischen Immigranten gewürzt mit chinesischer Philosophie machen den Roman zu einem unvergleichlichen Erlebnis. Das Aufeinanderprallen von zwei so unterschiedlichen Kulturen sorgt bereits für Spannungen. Und auch die Entwicklung der Protagonisten im privaten Bereich geht wieder etwas voran.

Auch wenn die wirkliche Spannung erst in der zweiten Hälfte des Buches einsetzt; Deaver ist abwechslungsreicher geworden. Nicht nur stumpfsinnige Spurensuche, bei der mehr geraten als wirklich logisch geschlussfolgert wird, sondern mehr Freiraum für Amelia Sachs, zwar immer noch fingernägelkauend und arthritisgeplagt, aber wesentlich gefestigter wirkend als früher. Ihre Verfolgungsjagden und der Tauchgang zum gesunkenen Schiff lockern die Ermittlungsarbeit ebenso auf wie der chinesische Polizist Sonny Li, der aufzeigt, dass man Spuren auch aus anderen Blickwinkeln betrachten kann und von dem selbst ein Fachmann wie Lincoln Rhyme noch etwas lernen kann. Dabei darf man auch wieder den weichen Kern des nach außen hin so unnahbaren Protagonisten erleben.

Doch nicht jede Schlußfolgerung darf der Leser live mitverfolgen. So manch überraschendes Ergebnis kriegt man hingeknallt, wenn man gar nicht damit rechnet und bekommt es erst hinterher erläutert. So wechseln immer wieder ruhige Abschnitte mit furioser Handlung ab.

Wie immer hält Deaver mit vielen Szenenwechseln den Leser am Buch fest. Dabei gibt es auch die eine oder andere Überraschung, denn nicht immer findet eine Szene auch wirklich an dem Ort statt, an den der Leser gerade gedanklich hinversetzt wurde. Die Handlung von knapp sechs Tagen ist auf den 475 Seiten zusammengefasst und dabei ist so manches anders als man auf den ersten Blick vermutet.

Doch das ist nichts Neues, wenn man Deaver bereits kennt. Das Schema ist bekannt, aber das tut der Spannung keinen Abbruch. Auch der Verräter in den eigenen Reihen darf in keinem Deaver-Krimi fehlen. Und so wird man das Buch, wenn man erst mal über die Mitte hinaus gelesen hat, nur schwer wieder beiseite legen können. Wie selbstverständlich ist wieder alles logisch aufgebaut und bis ins kleinste Detail durchdacht, so dass auch am Ende wirklich keine Frage mehr offen bleibt.

Bislang gehen Jeffery Deaver die Ideen noch nicht aus und so darf man jetzt schon auf seinen nächsten Roman gespannt sein.

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