Die Rache des Uhrmachers (Lincoln Rhyme 16)
- Blanvalet
- Erschienen: Juni 2025
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Alte Rechnungen und neue Untaten.
Es ist schon eine Weile her, dass sich die Wege von Lincoln Rhyme - der für das New York Police Department als Ermittler und Berater tätig ist - und Charles Vespasian Hale gekreuzt haben. Er, den man den „Uhrmacher“ nennt, ist ein genialer Mechaniker, der sich ausgeklügelte Methoden ausdenkt, um normalerweise harmlose, nützliche und vor allem weit verbreitete Maschinen so zu manipulieren, dass sie sich in tückische Mordinstrumente verwandeln. Dieses Mal sabotiert Hale, den Rhyme nie dingfest machen konnte, mehrere Kräne, die für den Bau neuer Hochhäuser eingesetzt werden.
Hale ist in die USA zurückgekehrt, weil man ihn für viel Geld gedungen hat, eine lästige, aber ungemein mächtige Person auszuschalten, die dem Auftraggeber, einem skrupellosen Emporkömmling, auf dem Weg nach ganz oben im Weg steht. Gleichzeitig hat Hale nicht vergessen, wie knapp er Rhyme entkommen ist. Für den eigentlich gefühlskalten, aber hochorganisierten Berufskriminellen ist dies ein Stachel im Fleisch, den er endlich entfernen will.
Rhyme ist gewarnt, denn Hale hat seine Rache angekündigt. Da der Ermittler seit einem schweren Unfall unterhalb des Halses beinahe vollständig gelähmt und auf medizinisches Gerät angewiesen ist, wenn er sich bewegen (oder weiterleben) will, wurde seine Wohnung - die gleichzeitig das Zentrum seiner Aktivitäten ist - in eine Festung verwandelt. Zudem umgibt sich Rhyme mit einem Team gewitzter Spezialisten und wachsamer Polizisten; eine Herausforderung, die für den „Uhrmacher“ den Reiz der Attacke noch steigert …
Der Reiz des tödlichen ‚Spiels‘
Schier endlos ist die Reihe jener Bösewichte, die für das Austüfteln und Umsetzen genialer Pläne sowie das Duell mit einem Widersacher leben, der ebenso intelligent und entschlossen in seinem Vorgehen, aber für das „Gute“ (oder wenigstens das Gesetz) tätig ist. Nur von sekundärer Bedeutung scheint dagegen das Gelingen besagter Pläne zu sein. Auch Charles Hale, der „Uhrmacher“, fällt in diese Kategorie. Er lebt nicht für Geld oder Macht, sondern für seine ‚Arbeit‘. In seiner Freizeit bastelt er komplizierte Uhren oder reist durch die Welt, um sich vor Ort alte und neue Meisterwerke der Uhrmacherkunst anzuschauen.
Da dies einen Mann wie ihn nicht ausfüllt, lässt Hale sich anheuern, wenn besondere Heimtücke erforderlich ist, um ein eigentlich unmögliches Verbrechen zu begehen. Hinzu kommt dieses Mal verletzter Stolz: Lincoln Rhyme verdarb ihm nicht nur seine makellose Erfolgsbilanz, sondern hätte ihn beinahe auch erwischt. Diese Schmach will und kann ein Psychopath wie Hale nicht auf sich sitzenlassen, weshalb er das Nützliche mit dem Angenehmen verbindet und seinen aktuellen Job so regelt, dass ihm die Muße für einen Rachefeldzug bleibt.
Abermals setzt Hale komplexe Strategiezüge wie ein Uhrwerk zusammen. Voller Selbstbewusstsein erwartet er, dass seine Pläne zum Erfolg führen - und unterschätzt abermals seinen Gegner, den körperlichen Einschränkungen ständig dazu zwingen, über Alternativmethoden nachzudenken, die es ihm ermöglichen, weiterhin zu tun, was sein Lebenszweck ist: Lincoln Rhyme liebt die Jagd auf Verbrecher so wie der „Uhrmacher“ die Planung und Durchführung seiner Attentate. Der eine ist des anderen Spiegelbild, weshalb eine kurze, persönliche Begegnung der beiden an das Zusammentreffen von Sherlock Holmes und Professor Moriarty erinnert: Sie sind ‚natürliche‘ Erzfeinde, aber begierig, einander kennenzulernen, da sie um ihre jeweilige Einzigartigkeit wissen, die sie außerdem von ihren Mitmenschen isoliert.
Der Plot als Aal
„Die Rache des Uhrmachers“ ist bereits der 16. Band der Lincoln-Rhyme-Serie, Jeffery Deaver als Autor aber keineswegs ausgelastet. Er hat noch weitere Eisen bzw. Figuren im Feuer, die er regelmäßig in turbulente Lebengefährlichkeiten verwickelt. Natürlich kommen hinter dieser Fließbandproduktion schriftstellerische (bzw. handwerkliche) Muster zum Vorschein, die einen ‚typischen‘ Deaver-Thriller prägen. Die einfache oder besser: prägnante Sprache gehört dazu, die auf wenige, aber deutliche Züge reduzierten Figurenzeichnungen, aber vor allem die Handlungsführung: Deaver ist ein Meister des Plot-Twistes.
Auch im vorliegenden Roman stellt er das unter Beweis. Immer wenn der Leser meint zu wissen, wohin der Hase laufen wird, lässt ihn Deaver einen Haken schlagen. Jeder Schachzug im Spiel von Gut gegen Böse enthüllt selbst oder gerade im Scheitern eine neue Wendung. Die Herausforderung ist beträchtlich. Nicht gerade wenige Autoren sind froh, wenn ihnen eine Überraschung gelingt, die im Finale aus dem Sack gelassen wird. Dagegen schüttelt Deaver Plot-Schwünge geradezu aus dem Ärmel. Etwaiges Kopfschütteln über allzu winkelzügiges Verhalten lohnt hier nicht, denn die Handlung schlägt bald eine neue Richtung ein.
Ohnehin wäre allzu viel Kritik an der ‚Logik‘ des Geschehens ein Schuss durchs eigene Knie. Deaver soll und will Kaninchen aus seinem Hut ziehen. Er bettet seine Ideen in eine temporeiche Handlung ein, die der reinen Unterhaltung dient. Dabei zeigt sich, dass dem sauberen Handwerk ebensolches Lob gebührt wie der hehren Literaturkunst: Gerade die auf den Zweck nicht reduzierte, sondern konzentrierte Geschichte stellt eine ehrliche Knochenarbeit dar. Dass es Deaver gelingt, wieder und wieder zu liefern, ist beachtlich.
Arme und Beine des Helden
Lincoln Rhyme ist der „armchair detective“ par excellence. (Darf man ihn „wheelchair detective“ nennen, oder ist das in diesen politisch korrekten Zeiten nicht mehr zulässig?) Ihm bleibt wenig anderes übrig, als in seinem ‚Sessel‘ zu sitzen und nachzudenken. Deaver sorgt dafür, dass Rhyme auf die glaubhaft ins Geschehen einfließende Servo-, Informations- und Ermittlungstechnik des fortgeschrittenen 21. Jahrhunderts zurückgreifen kann. Trotzdem kommt stets der Moment, in dem der gelähmte, scheinbar hilflose Ermittler dem Schurken ausgeliefert ist, der sich sehr gut bewegen kann.
Natürlich ist das auch der Augenblick dieser Erkenntnis: Der triumphierende Unhold übersieht die Falle, in die ihn sein Gegner, der eben doch über ein Quäntchen mehr Schläue verfügt, manövriert hat. So kommt es, dass Rhyme abermals obsiegt, wo es ihn hätte erwischen müssen. (Dies ist kein Spoiler; der Blick ins Internet verrät, dass Fall Nr. 17 bereits ansteht: Ausgerechnet der kühle Hale hatte sich in eine - ebenfalls psychopathische - Frau verliebt, die nunmehr trauerwütend Rache ankündigt.)
Für die Laufarbeit beschäftigt Rhyme bzw. Deaver diverse Nebenfiguren, die (manchmal ein wenig zu theatralisch) für zusätzliche Dramatik sorgen müssen. An der Spitze dieser Gruppe steht Amelia Sachs, deren Traumata und Gesundheitsprobleme, die in der Serie einst eine große Rolle spielten, nur noch pflichtschuldig erwähnt werden. Andere eingeführte Protagonisten leisten Vor-Ort-Ermittlungsarbeit, geraten in Todesfallen oder zumindest in rufschädigende Komplotte, was die Primärhandlung um einige Nebenstränge erweitert. Ob dies dem Geschehen nützt, bleibt eine Frage, die sich die Leser beantworten müssen. Eindeutig bedenklich ist Deavers Hang zu ‚dramatischen‘ Cliffhangern, die sich im folgenden Kapitel als reine Effekthascherei entpuppen.
Fazit
Obwohl der Autor einmal mehr unter Nutzung einschlägig bekannter Klischees quasi handwerkliche Thriller-Spannung produziert, weiß er seinen bewährten Mustern spannende sowie plausibel wirkende Überraschungen einzuhauchen: Auch Teil 16 der Lincoln-Rhyme-Reihe ist kein vitaminreiches, aber leckeres Lektürefutter.

Jeffery Deaver, Blanvalet
















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