Letzter Tanz

Erschienen: Januar 2000

Bibliographische Angaben

  • London: Hodder & Stoughton, 1998, Originalsprache
  • München: Goldmann, 2000, Seiten: 447, Übersetzt: Thomas Müller und Carmen Jakobs
  • München: Goldmann, 2002, Seiten: 446
  • München: Goldmann, 2007, Seiten: 446

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Michael Drewniok
Diesen Roman wird man im Gedächtnis behalten

Buch-Rezension von Michael Drewniok Sep 2003

Seit Jahren schon sind die US-Bundesregierung und der Staat New York hinter Phillip Hansen her. Der millionenschwere Außenhändler verdient seine Brötchen auf höchst illegale Weise als Waffenhändler. Hansen hat bemerkt, dass ihm seine Verfolger auf den Fersen sind. Offenbar nervös geworden, hat er sich belastender Beweisstücke entledigt, indem er sie bei einem Flug über das Meer abgeworfen hat. Beim Verladen haben ihn drei Menschen beobachtet, die nun zu wichtigen Zeugen geworden sind. Doch auch dies ist Hansen bekannt, und er hat einen Killer angeheuert, der sie zum Schweigen bringen soll - den "Totentänzer", der seinen Spitznamen einer Tätowierung auf seinem Arm verdankt: Der Tod tanzt mit seinem nächsten Opfer vor einem offenen Sarg.

Mehr ist über den fanatischen Attentäter nicht bekannt, der berühmt dafür ist, einen einmal geschlossenen "Vertrag" zu Ende zu führen, gleichgültig, ob es sich sein Auftraggeber anders überlegen sollte. So ist es kaum verwunderlich, dass der "Tänzer" sehr bald sein erstes Opfer findet. Die Maschine des Piloten Edward Carney, der mit seiner Ehefrau Percey eine kleine Firma betreibt, die Spezialfrachten auf dem Luftweg transportiert, wird von einer Bombe zerrissen.

Den Behörden ist die Tätigkeit des "Tänzers" nicht unbemerkt geblieben. Detective Lieutenant Lou Sellitto vom New York Police Department glaubt zu wissen, wer den festgefahrenen Ermittlungen neuen Schub verleihen kann: Lincoln Rhyme, der geniale Spurenleser und -deuter, der einst für das Kriminaldezernat seiner Heimatstadt arbeitete und für sein Talent und seine Fachkenntnis legendär war, bis er sich bei einem Unfall die Wirbelsäule brach. Seitdem ist Rhyme vom Hals abwärts gelähmt. Lange hat er mit seinem Schicksal gehadert, doch ganz allmählich findet er neuen Lebensmut. Er konnte sogar seine Arbeit wieder aufnehmen. Vor Ort verlässt sich Rhyme dabei auf die Fähigkeiten der jungen Polizistin Amelia Sachs, mit der ihn ausserdem eine komplizierte persönliche Beziehung verbindet.

Rhyme übernimmt die Suche nach dem Tänzer. Er legt dabei einen Eifer an den Tag, der verrät, dass ihn nicht die intellektuelle Herausforderung reizt. Vor Jahren war er dem "Tänzer" schon einmal auf der Spur, wurde aber von diesem überlistet. Der Mörder entkam und tötete dabei zwei Mitglieder von Rhymes Team. Seitdem brennt Rhyme auf eine zweite Chance, den "Tänzer" zu fassen.

Doch auch dieses Mal legt der "Tänzer" unglaubliches Geschick und Kaltblütigkeit an den Tag. Niemals hinterlässt er Spuren; er erledigt seinen "Job" und verschwindet: Der "Tänzer" ist ein Soziopath, aber kein Sadist; er hat sich stets unter Kontrolle und ist daher doppelt gefährlich. Daher entkommt er immer wieder Rhymes ausgetüftelten Fallen und schafft es sogar, einen weitere Zeugen zu töten. Nur Rhymes Hartnäckigkeit und Talent, Spuren zu finden, die niemand sonst entdeckt, verdankt es die Polizei, dass die Identität des Mörders schliesslich gelüftet werden kann: der "Tänzer" heisst Stephen Kall und entpuppt sich als gestörte, gescheiterte Existenz, die eine grausame Kindheit psychisch nachhaltig aus der Bahn geworfen hat.

Das Netz um Kall zieht sich zu, und Lincoln Rhyme stellt eine letzte Falle auf; die überlebende Zeugin dient ihm als Köder für den "Tänzer". Doch erneut gerät die Situation völlig ausser Kontrolle, als Rhyme erkennen muss, dass Kall gar nicht der "Tänzer" ist, sondern von diesem mit teuflischer List und ohne dessen Wissen als "Strohmann" aufgebaut wurde! Hinter Kalls Rücken hat der wahre "Tänzer" sich längst unbemerkt in die unmittelbare Nähe seiner Opfer geschlichen ...

Zum zweiten Mal (nach Die Assistentin) jagt das seltsam-geniale Duo Lincoln Rhyme/Amelia Sachs - der gelähmte Ermittler und das arthritiskranke Ex-Model - einen un- oder übermenschlichen Mörder. Angesichts des furiosen Debuts waren die Erwartungen an die Quasi-Fortsetzung besonders hoch gesteckt. Um es vorab zu sagen: Trotz einiger (vermutlich unvermeidlicher) Enttäuschungen ist es Autor Jeffery Deaver gelungen, den hohen Standard des Erstlings zu halten.

Abstriche müssen in erster Linie bei der Figurenzeichnung gemacht werden. Deaver hat sich selbst einem schwierigen Dilemma ausgesetzt: Der Lincoln Rhyme aus Die Assistentin war ein verzweifelter, zorniger Mann, der einen guten Teil seiner Fähigkeiten dazu einsetzte, seinem Leben ein Ende zu setzen. Zu verfolgen, wie er nach und nach (und begleitet von zahlreichen Rückschlägen) ins Leben zurück fand und sich mit seinem Schicksal auszusöhnen begann, war mindestens ebenso spannend wie die Jagd nach dem verrückten "Knochenjäger".

Dasselbe gilt für die Figur der Amelia Sachs. Auch sie schlug sich in Die Assistentin mit enormen persönlichen Problemen herum, von denen nun seltsamerweise kaum mehr die Rede ist. Statt dessen rückt die im ersten Fall (zum Vorteil der Geschichte) noch ausgesparte persönliche Beziehung zu Lincoln Rhyme ins Zentrum. Eine in doppelter Hinsicht peinliche Liebesgeschichte entspinnt sich zwischen den beiden so unterschiedlichen Menschen - misslich für Amelia, die ihrer plötzlich entflammten Liebe zu Rhyme durch eine Quasi-Vergewaltigung Ausdruck verleihen möchte, missraten aber auch für Autor Deaver, der die sorgfältige Personenzeichnung des ersten Bandes einem vermeintlich publikumswirksamen, aber sehr unwahrscheinlichen Knalleffekt opfert.

Von solchen Schnitzern einmal abgesehen, scheint auch die Geschichte zunächst bekannten Mustern zu folgen. Die Jagd nach dem "Monster der Woche" könnte sich für die Rhyme/Sachs-Saga rasch zu einem Problem entwickeln. Wie viele Varianten verrückter Mörder verkraftet das Konzept? Auch der "Totentänzer" scheint auf den ersten Blick allzu viele Gemeinsamkeiten mit dem "Knochenjäger" aufzuweisen. Doch auf den letzten einhundert Seiten schlägt die Geschichte eine unerwarteten und höchst einfallsreichen Haken: Der Mörder, den wir so ausgiebig bei seinem blutigen Handwerk beobachten durften, ist gar nicht der titelgebende "Tänzer"! Damit war nun überhaupt nicht zu rechnen. Dabei hat Deaver durchaus nicht mit entsprechenden Hinweisen gegeizt. Seinem Talent als Schriftsteller ist es zu verdanken, dass diese zwar zur Kenntnis genommen werden; wenn Deaver dann seinen wahren Täter aus dem Hut zaubert, ist die Verblüffung dennoch groß. Jedoch: Wie oft wird ihm das noch gelingen?

Das eigentliche Finale ist dann allerdings wieder mit dem heimlichen Blick auf Hollywood weniger aus dem bisher Geschilderten entwickelt als auf die Wirkung hin inszeniert worden. Der unheimliche "Tänzer" schafft es wider alle Gesetze der Wahrscheinlichkeit, die Hüter des Gesetzes hinters Licht zu führen, so dass Alles auf die grosse Schlusskonfrontation zwischen Gut und Böse hinaus läuft: Während in der Assistentin der gelähmte Rhyme höchstpersönlich den Bösewicht ausschaltet (eine der wenigen misslungenen Szenen des Erstlings), ist dieses Mal Sachs an der Reihe, den "Tänzer" in einem spektakulären Showdown ins Jenseits zu befördern.

Doch Deaver hat sein Publikum auf der Zielgeraden seiner Geschichte so fest im Griff, dass man ihm diese glatte Auflösung auch nicht mehr übel nehmen kann. Binnen weniger Absätze führt er die bisher sauber und völlig einleuchtend entwickelte Handlung ad absurdum und ordnet ihre Elemente mit ebenso bestechender Logik völlig neu zu einer ganz anderen Geschichte. Dafür wird man diesen Roman im Gedächtnis behalten und die wenigen Missklänge rasch und zu Recht vergessen!

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