Der Täuscher

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • New York: Simon & Schuster, 2005, Titel: 'The broken window', Originalsprache
  • Köln: Random House Audio, 2009, Seiten: 6, Übersetzt: Dietmar Wunder, Bemerkung: gekürzt
  • München: Blanvalet, 2010, Seiten: 544, Übersetzt: Thomas Haufschild

Couch-Wertung:

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Lars Schafft
Das teuerste im Leben: die eigene Identität

Rezension von Lars Schafft Dez 2008

Als kritischer Krimi- und Thrillerleser kann man Jeffery Deavers Romane um den fast komplett gelähmten Forensiker Lincoln Rhyme und seine kongeniale Partnerin Amelia Sachs vom NYPD schnell unterschätzen: Der Autor hat einen Ausstoß von mindestens einem Buch pro Jahr, die Serie geht mit Der Täuscher bereits in ihre achte Folge. Die Verfilmung des ersten Teils, Der Knochenjäger, kann auch auf eine falsche Fährte führen, ist Rhyme dort ein attraktiver Schwarzer (gespielt von Denzel Washington), Sachs eine recht rassige Latina (dargestellt von Angelina Jolie) - in Deavers Romanen ist Rhyme freilich ein Weißer und Sachs schmückt eine rote Haarpracht. Außerdem: Deavers zahlreiche Wendungen in der Handlung (und noch eine!) drohten zur Masche zu werden. Der Täuscher widerlegt diese Vorurteile jedoch eindrucksvoll.

Im Fall acht geht es vorrangig darum, wie Unternehmen mit persönlichen Daten umgehen. Was ein Euphorismus! Datendiebstahl trifft es hier besser, Datenmanipulation noch viel mehr. Man stelle sich vor, es gebe Firmen, die zu jedem der Bürger der USA nahezu alles gespeichert haben und dies auswerten können: welche Turnschuhe er trägt, welche Musik er hört, ob er vorbestraft ist, wo er sich aufhält. Schlimm genug. Doch wenn nun diese Daten auch noch in falsche Hände geraten?

Das tun sie in Der Täuscher. Und ein Rhyme-Sachs-Roman wäre keiner ohne einen Serienmörder. Ohne einen ganz besonders ausgebufften Serienmörder. Der ist so raffiniert, dass er sich ganz harmlos an seine Opfer heranmachen kann, weil er sie in und auswendig kennt. Schnappen lässt er sich auch nicht, da er völlig unbedarften Mitmenschen New Yorks dermaßen viele Beweismittel und Indizien unterjubelt, dass eben jene hinter Gittern landen - und unser Killer (ausgestattet fraglos mit einem gehörigen Knacks) munter weiter killen kann. Hätte er sich nur als "Ersatztäter" dieses Mal nicht Lincoln Rhymes Cousin Arthur ausgesucht...

Halten wir Jeffery Deaver zum ersten zugute: Der Thrill von Der Täuscher entspringt hier nicht aus einer besonderen Kaltblütigkeit des Mörders oder einer besonderen Brutalität, mit der er vorgeht. Diese Szenen spart Deaver konsequent aus. Vielmehr sträuben sich die Nackenhaare beim Gedanken daran, wieviel andere Menschen wohl über einen selbst wissen könnten. Wenn sie das teuerste, was wir besitzen - die eigene Identität - besäßen. Ist das Szenario, dass der Autor hier entwirft, wirklich abwegig? Zu befürchten ist nach der Lektüre von Der Täuscher, dass wir es hier eben nicht mit Spinnerei zu tun haben. Sondern mit etwas, dass wir so nicht wahrhaben wollen. Aber halten wir uns nicht mit der Spannung bei Deaver-Romanen auf - dass diese mehr als ausreichend vorhanden ist, ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Schauen wir also lieber auf die Punkte, die Der Täuscher zu einem außerordentlich guten Thriller machen. Endlich, endlich will der Leser rufen. Die Protagonisten bekommen Fleisch an die Knochen. Lincoln Rhymes Vergangenheit und seine familiären Banden nehmen einen wichtigen Teil der Handlung ein und dass es zwischen ihm und der Muttergefühle entwickelnden Amelia Sachs ordentlich funkt, gibt der Story ausreichend Menschlichkeit, um nicht nur Kaltblütern gefällig zu sein. Nebenfiguren wie die pubertierende Pam oder der Nachwuchs-Cop Ron Polaski lassen es zusätzlich menscheln.

Aufmerksamkeit verdient auch die Frage nach der Urbanität des Settings, der Widerspruch zwischen digitaler Allwissenheit und Einsamkeit, zwischen Anonymität und Metropolis. Deaver geht darauf Genre-gemäß weniger stark ein, aber ein Thema ist das alles schon. Da lebt man mit mehr als acht Millionen Menschen auf einem Fleck und kennt nicht sein Gegenüber. Dafür "kennt" dieses ein Mitarbeiter einer Datenerhebungsfirma, Menschen werden zu gläsernen Nachbarn, ohne dass sie je wahrgenommen worden sind. Schlimmer: Sie werden zu Nummern. Ist das die Brutstätte von leckgeschlagenen, emotional verarmten wie abgestumpften Individuen?

Last but not least scheint Jeffery Deaver aus seinen Thrillern "klassische" Whodunits des 21. Jahrhunderts machen zu wollen. Regelmäßig wiederholt er den Stand der Ermittlungen anhand von Indizienlisten und lässt den Leser drauflosrätseln. Wahrlich kein neues Schema, aber mit Sicherheit ein wiederentdecktes, aufpoliert mit dem Schwung zeitgenössischer Tatortarbeit.

Halten wir fest: Nicht überall, worauf Thriller oder Serienmörder prangt, muss Blut in Litermenge heraustropfen. Aber überall, wo Jeffery Deaver als Autor genannt wird, darf sich der Leser auf spannenden Nervenkitzel freuen. Auf intelligenten dazu, wohlgemerkt.

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