Opferlämmer

Erschienen: Januar 2011

Bibliographische Angaben

  • New York: Simon & Schuster, 2010, Titel: 'The burning wire', Seiten: 414, Originalsprache
  • München: Random House Audio, 2011, Seiten: 6, Übersetzt: Dietmar Wunder

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Jürgen Priester
Same procedure as every year

Rezension von Jürgen Priester Dez 2010

Kann man einem Autor eigentlich vorwerfen, dass er an seinem Erfolgskonzept festhält? Wenn die Qualität stimmt, kann man sicherlich nicht meckern, aber die Kritiker-Gilde ist sich uneins, ob sie Jeffery Deavers Rhyme&Sachs-Reihe einen gleichbleibend hohen Qualitätsstandard bescheinigen kann. So schreibt KC-Rezensent Stefan Heidsiek, für den es eindeutig bergab geht mit der Reihe, zu Der gehetzte Uhrmacher (Folge 7): "Von der Brillanz und Spannung der ersten vier Bände ist nur noch ein kleines Häuflein übrig geblieben, das wiederum in den arg konstruierten, stets nach dem selben Strickmuster konzipierten Werken, überhaupt nicht mehr zur Entfaltung kommt." KC-Chef Lars Schafft hingegen konstatiert zu Der Täuscher (Folge 8): "Aber überall, wo Jeffery Deaver als Autor genannt wird, darf sich der Leser auf spannenden Nervenkitzel freuen. Auf intelligenten, wohlgemerkt." Für den Rezenten hatte Deaver mit dem arg konfusen Das Teufelsspiel einen zeitweiligen Durchhänger, von dem sich der Autor infolge wieder berappeln konnte, ohne aber das Niveau der ersten Folgen zu erreichen. Auch Opferlämmer folgt dem bewährten Strickmuster und birgt in dieser Hinsicht keinerlei Überraschungen. Kein Buch, das man jetzt unbedingt und sofort haben müsste, das aber mehr Substanz aufweist als eins von den vielen Möchtegern-Krimiautoren.

In Opferlämmer geht es um Elektrizität und deren Erzeugung. Ein Thema, das durch die atomare Katastrophe im japanischen Fukushima eine zusätzliche Brisanz erlangt hat. Im Land der größten Energie-Verschwender fürchtet man nicht viel anderes so sehr wie einen großflächigen Ausfall der Stromversorgung. Die systemimmanenten Blackouts der letzten Jahre (und davon gibt es reichlich) haben deutlich gemacht, wie dünn die Grenze von Normalität zu Anarchie und Chaos sein kann. Mit Strom bleiben die Leute anständiger so heißt es lapidar in Deavers Geschichte.

Wenn die Algonquin Inc., der fiktive Stromerzeuger in der Geschichte, einen Eingriff in sein Verbundsystem feststellt, wenn diese Fremdeinwirkung in einer Explosion durch Überlastung eines Umspannungswerkes gipfelt, sind nicht nur die lokalen Rettungskräfte und die Polizei gefragt, dann treten auch das FBI und die Heimatschutzbehörde auf den Plan. Eine Sonderkommission ist schnell gebildet, in der Lincoln Rhyme und sein Team den erkennungsdienstlichen Part übernehmen sollen. Tatortanalyse ist die Spezialität von Rhymes Assistentin Amelia Sachs. Routiniert schreitet sie das berühmt gewordene Gitternetz ab und findet einiges, was einer genaueren Betrachtung bedarf. Spuren einer griechischen Vorspeise, von Vulkanasche oder eines Krebs-Medikamentes beschreiben das Profil eines Täters, der wohl innerhalb des Energiekonzerns zu finden sein wird, da zur Ausübung des Anschlags technisches Know-how und die Kenntnis von Passwörtern vonnöten war. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf einen bestimmten Mitarbeiter, doch der ist seit Tagen verschwunden.

Zwischenzeitlich treffen in der Konzernzentrale weitere Ultimaten ein. Da der Unbekannte seine Forderungen unerfüllbar gestaltet, sind kommende Anschläge vorprogrammiert. Die Lage spitz sich dramatisch zu, als der Attentäter eine Großveranstaltung ins Visier nimmt. Jeffery Deaver wäre nicht der Meister des Tarnens und Täuschens, wenn nur dieser eine Handlungsstrang von Bedeutung wäre. Kurz bevor der Kenner der Serie geneigt ist, das Buch enttäuscht wegzulegen, zeichnet sich eine Entwicklung ab, die spannende Hoffnung gibt.

Die "police procedurals", die das alltägliche Kleinklein der polizeilichen Ermittlungen beschreiben, machen einen Großteil der Deaver´schen Storylines aus. Der akribischen Tatortarbeit durch die Assistentin Amelia Sachs folgt eine leicht als penetrant zu empfindende Analyse durch den Meister Lincoln Rhyme. Bevor der seine "kleinen grauen Zellen" aktiviert, lässt er das Material durch Massenspektrometer und Gas-Chromatographen laufen, deren Ergebnisse dann wie alle anderen relevanten Einzelheiten auf großformatigen Tabellen festgehalten werden. Damit der Leser auch weiß aus welchen Quellen der Analytiker schöpft, werden diese Angaben alle Nase lang in den Text eingestreut, was von Rätselfreunden als Herausforderung, von anderen doch eher als Störung empfunden werden kann. Die Frage, wer steckt hinten den Anschlägen, hat nicht für alle Leser die gleiche Priorität und bei der Frage nach dem Warum? wird es ein bisschen heikel. Schon von Anfang an offenbart sich eine Diskrepanz zwischen den eigentlich sehr menschen- und umweltfreundlichen Forderungen des Attentäters an den Großkonzern und seinem rigorosen Vorgehen, das eine große Zahl Kollateralschäden (Opferlämmer) mit sich bringt. Genauer kann man da jetzt nicht drauf eingehen, ohne zu viel zu verraten.

Im Gegensatz zu Der Täuscher spielt das Privatleben der Helden diesmal nur eine untergeordnete Rolle. Die Beziehung von Amelia Sachs und Lincoln Rhyme scheint gefestigt, eingespielt und recht emotionslos, was bei einer so temperamentvollen Frau wie Sachs schon verwundern kann. In Bezug auf seine Querschnittslähmung kokettiert Rhyme mal wieder mit dem Freitod, nachdem ein Agent einer Sterbehilfe-Organisation den Anstoß zu solchen Überlegungen geben hat. Mit einem Output von mehr als einem Buch pro Jahr gehört Jeffery Deaver zur Gattung der Vielschreiber, der zudem auf vielen Hochzeiten tanzt. Neben der erfolgreichen Rhyme&Sachs-Reihe versucht er, seine Kathryn-Dance-Reihe zu stemmen, die aber bei der Leserschaft nicht so großen Anklang gefunden hat, vielleicht gerade deshalb gewährt er seiner Verhörspezialistin aus Kalifornien einen weiteren Gastauftritt, in dem auch ein alter Gegner Rhymes reaktiviert wird. Dieser Sidekick bringt eine weitere Facette in die Handlung und setzt der Story die Krone auf. Das stimmt den Deaver-Fan versöhnlich.

Dramatische Qualitätseinbußen, wie sie einige namhafte Kollegen plagen, sind bei Deaver also nicht festzustellen. Auch Opferlämmer ist ein Thriller solider Qualität, dessen Spannungsbogen leider erst ein bisschen spät im letzten Drittel ansteigt. Man möchte dem Autor zu mehr Flexibilität im Aufbau raten, wie er es im jüngst erschienenen Nachtschrei bewiesen hat. Das allzu starre Festhalten an eingefleischten Handlungsabläufen, auch wenn sie zu Deavers Markenzeichen geworden sind, ist besonders für die Kenner der Serie auf Dauer nicht akzeptabel. Über eine Generalüberholung des Konzeptes würden sich bestimmt alle freuen.

Letztendlich kann man beiden eingangs zitierten KC-Rezensenten zustimmen: Deaver kopiert sich selbst, aber die Kopie ist besser als manch ein Original.

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