Der Giftzeichner

Erschienen: Januar 2015

Bibliographische Angaben

  • München: Random House Audio, 2015, Seiten: 6, Übersetzt: Dietmar Wunder, Bemerkung: Gekürzte Lesung
  • New York: Grand Central, 2014, Titel: 'The Skin Collector', Originalsprache

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Jürgen Priester
Same procedure as...

Buch-Rezension von Jürgen Priester Jun 2015

Billy Haven ist ein Mörder. Er tötet seine Opfer mit hochkonzentrierten Pflanzengiften. Diese appliziert er ihnen nicht etwa oral oder intravenös, sondern subkutan durch die Bauchdecke mittels einer mobilen, elektrischen Tätowiermaschine. Seinem ersten Opfer tätowiert er das Wort "vierzig" auf den Bauch und da er sich durchaus Künstler versteht, verziert er das Wort mit schwungvollen Bögen, während seine "Beute" qualvoll stirbt. Wir folgen ihm durch die unterirdischen Versorgungssysteme New Yorks, von wo aus er sich seinen ahnungslosen Opfern nähert. Was ihn motiviert, erfahren wir Leser vorerst nicht. Er scheint einer ganz persönlichen Agenda nachzugehen, die ihm bestimmte Handlungsabläufe vorgibt.

Noch ahnungsloser ist das Ermittler-Team um Lincoln Rhyme und Amelia Sachs, das mit der Untersuchung des ersten Mordes beauftragt wird. Die obligatorische Tatortbegehung durch Amelia Sachs und die Analyse der von ihr genommenen Proben ergeben so gut wie keine Hinweise auf den Täter. Sicher scheint zumindest zu sein, dass es sich um einen organisierten Täter handelt, der seine Tat sorgfältig plant und keinerlei Spuren hinterlässt. Die Signatur des Täters lässt befürchten, dass dem ersten Opfer weitere folgen werden, was dann auch eintrifft. Ein Serienmörder, den die Presse bald den "Untergrundmörder" nennen wird, bedroht die Bevölkerung New Yorks.

Ein schwieriger Fall für den ehemaligen Captain der Mordkommission, aber zum Glück stehen in seinem privaten Labor zwei unermüdliche, unfehlbare Mitarbeiter: ein Gas-Chromatograph und ein Massenspektrometer. Man muss deren Ergebnisse nur zu deuten wissen und darin ist Lincoln Rhyme unübertroffen. Winzigste Spuren weisen auf einen bestimmten Ort und tatsächlich hält der Täter sich dort auf, kann aber unerkannt entkommen. Eine so frühe Konfrontation mit der Polizei scheint den Täter sichtlich geschockt zu haben, denn er richtet nun seine Attacken auch direkt gegen die Ermittler und deren Freundeskreis. Eine spannende Sache, aber Deaver wäre nicht Deaver, wenn alles nicht ganz anders wäre.

Jeffery Deaver ist schon oft als Meister der Täuschungen und Wendungen beschrieben worden. Auch diesmal kommt der Fan voll auf seine Kosten. Ein einfach gestrickter Serienmörder-Fall, wie oben angedeutet, war nicht zu erwarten und ist auch nicht Deavers Niveau. Schon der amerikanische Titel von Der Giftzeichner - "The Skin Collector" -  lässt vermuten, dass es eine Verbindung zu Band eins der Reihe "The Bone Collector" gibt. Außerdem wird an den (gehetzten) Uhrmacher aus "The Cold Moon" erinnert, der das Ermittler-Team damals kräftig durcheinander wirbelte. Der Schachzug, auf ehemalige Kontrahenten zurückzugreifen, eröffnet dem aktuellen Fall ganz andere, neue Perspektiven und für die Ermittler (inklusive die Leser) ist keine endgültige Lösung abzusehen. Anhand der noch zu lesenden Seiten kann man abschätzen, wieviel Wendungen es geben wird. Ja, Deaver setzt sogar noch einen drauf - es wird eine Fortsetzung geben (müssen).

Erfolgreiche Krimireihen wie die vorliegende stützen sich auf ein festes Gerüst an Personen, Orten und immer wiederkehrenden Abläufen und Ritualen. Wir Leser mögen einerseits das Konstante, das Vertraute, aber andererseits lieben wir natürlich die Abwechslung. Für Krimiautoren es immer ein schmaler Grat, beiden Wünschen gerecht zu werden.

Über die Stammbesetzung von Lincoln Rhymes Ermittlerteam kann man wenig meckern. Es sind durchgehend sympathische Personen, weder exaltiert, noch fad. Ihr Privatleben wird angenehm dezent eingestreut. Was auf die Dauer (wenn man wie der Rezensent alle bisherigen Folgen gelesen hat) eintönig wirkt, ist der stets gleiche Ablauf der Ermittlungstätigkeit. Beginnend mit dem Abschreiten des Gitternetzes am Tatort, die Analyse der Proben in obengenannten Wundermaschinen, der Abgleich mit den verrücktesten Datenbanken, das tabellarische Listen aller Fakten und Erkenntnisse auf dem Whiteboard. Glaubte man in früheren Zeiten, dass man als Leser eine Chance hätte, mittels dieser im Buch abgedruckten Tabellen selbst zu einem Ergebnis kommen zu können, weiß man spätestens nach 3-4 Folgen, dass es dazu des Superhirns eines Lincoln Rhymes bedarf. Da vermutlich keiner mehr diese Tabellen liest, könnte man sie auch weglassen. Lincoln-Rhyme-Krimis sind nicht zum Miträtseln.

Der Giftzeichner ist sicher nicht besser oder schlechter als seine Vorgänger. Der Plot hat einen guten Spannungslevel. Ein bisschen ärgerlich und nervend ist die Tatsache, dass die Ermittler einige ganz augenscheinliche Ungereimtheiten beim ersten Lösungsversuch einfach ignorieren. Das gereicht dem Spitzenteam nicht zur Ehre. Natürlich gleicht der Autor diese Fehleinschätzungen durch die eingebauten Wendungen wieder aus. Aber der Plot wirkt dadurch überkonstruiert. Auch für Deaver gilt der alte Spruch: weniger ist manchmal mehr.

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