Der Narr und seine Maschine

Erschienen: Oktober 2018

Bibliographische Angaben

  • Berlin: Suhrkamp, 2018, Seiten: 143, Originalsprache

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Jörg Kijanski
'Wenn die Melancholie auf das letale Finale wartet'

Buch-Rezension von Jörg Kijanski Jan 2019

Zahlreiche Preise, darunter der Deutschen Krimi Preis und der Bayerische Fernsehpreis, hat Friedrich Ani gewonnen und auch Platz 1 in der Krimi-Bestenliste ist für ihn keine neue Erfahrung. Zweifellos gehört Ani zu den deutschen Topautoren des Krimigenres, wo er dennoch eine große Ausnahmeerscheinung bildet. Sein Protagonist, der Privatdetektiv Tabor Süden, zuvor bei der Kriminalpolizei für Vermissungen zuständig, ist ein ganz spezieller Fall; wie auch dessen Fälle selbst. Allein der Begriff Vermissungen ist ein Paradebeispiel für den Wortschatz des Autors, der gerne eigene Begriffe einschiebt. In einem früheren Roman war beispielsweise eine Figur ausreichend bebiert, vulgo: angetrunken.

„Ich sehe den Mann vor mir. Aber ich sehe ihn von hinten. Er wendet sich in dem Moment ab, wenn man ihn ansehen will. Er spricht nicht, außer in seinen Büchern.“

„Ein Kompliment für mich ist das nicht.“

„Sie mussten die Biografie so schreiben. Sie entspricht ihm. So sieht er sich selbst, ein getriebener Schatten, der den Abend nicht erwarten kann.“

„Er war berühmt und wollte doch immer ein anderer sein.“

„Deswegen schrieb er unter einem Pseudonym.“

Die Fans von Friedrich Ani werden auch sein neues Buch, welches keine hundertvierzig Seiten umfasst, verschlingen, wenngleich es sich bei dem Umfang eher um einen Imbiss handelt. Alle anderen Krimifreunde werden die Ausgabe von stolzen 18 Euro wohl eher meiden, so dass die Preispolitik des Suhrkamp Verlages zumindest „interessant“ erscheint. Wobei sich die Frage stellt, welche Krimifreunde hier überhaupt richtig sind?

Tabor Süden ermittelt als Privatdetektiv bei Vermisstenfällen. Personen verschwinden überraschend, ein Gewaltdelikt scheint nicht ausgeschlossen und meist tauchen sie am Ende des Romans wieder lebend auf. Bis dahin hat Süden herausgefunden, warum die betroffenen Personen vorübergehend von der Bildfläche verschwanden, wobei er nicht selten in soziale Abgründe blickt.

Daraus – und meist nur daraus – resultiert der Spannungsbogen. So ist es der Sprachgewalt des Autors zu verdanken, dass seine Romane dennoch oder eben gerade deswegen viele Leser begeistern. Eine namhafte Tageszeitung nannte Ani einmal ein Empathie-Kraftwerk.

Ist das Krimi oder kann das weg?

In „Der Narr und seine Maschine“ verschwindet Cornelius Hallig, ein bekannter Kriminalschriftsteller, eines Tages aus dem Hotel, indem er seit rund dreißig Jahren lebte. Der Hotelier ist fassungslos und beauftragt die Agentur von Edith Liebergesell mit der Suche. Dabei kann diese von Glück sagen, dass sie ihren besten Mitarbeiter hervorragend kennt, denn Süden hatte selber vor zu verschwinden. Seine Wohnung hatte er bereits geräumt, erst am Bahnhof entdeckt ihn Liebergesell, kurz vor dessen Reise in eine unbekannte Zukunft. Süden übernachtet im Hotelzimmer von Hallig, entdeckt dort eine unveröffentlichte Biografie über ihn und nimmt die Ermittlungsarbeit auf. Seine Reise kann verschoben werden, schließlich hat er früher Krimis des Autors gelesen.

„Das kleine Teil, das der Besitzer beim Ausmisten seiner Sachen offensichtlich übersehen hatte, war eine Spiraldrahtbürste. IN seiner Zeit bei der Kripo hatte Süden gelegentlich eine ähnliche Bürste benutzt. Er brauchte sie zum Reinigen seiner Heckler&Koch. Was er jetzt noch intensiver roch als vorher, war Waffenöl. Allem Anschein nach trug Cornelius Hallig nicht nur das Geheimnis seines rätselhaften Verschwindens mit sich herum.“

Die Arbeit von Süden spielt sich nahezu ausnahmslos im Hotel ab, wo er zunächst das Zimmer des Autors durchsucht, dessen Biografie liest und später dann die Angestellten sowie die Autorin der Biografie befragt. Indem was gesagt und vor allem indem was nicht gesagt wird, entdeckt der Gedankenfischer (auch so ein typischer Ani-Ausdruck), was es mit dem Verschwinden auf sich haben könnte und errät zudem, wo sich Hallig aufhält.

Zwei Menschen „die aus der Welt gefallen sind“, wie es in einem früheren Roman so schön heißt, unterhalten sich ausführlich, bevor das unvermeidbar erscheinende Ende naht. Ist dies noch ein Krimi oder kann das weg, werden sich nicht wenige fragen und die Meinungen dabei auseinandergehen.

Wer den Autor noch nicht kennen sollte und hier immer noch liest, dem sei zum Einstieg ein preisgünstigeres Taschenbuch empfohlen. Wer aber einmal auf den Geschmack gekommen ist und wissen will, warum Menschen manchmal den (oft nur vorrübergehenden) „Exit“ wählen, der entdeckt hier eine anspruchsvolle Bereicherung des Krimigenres.

Der Narr und seine Maschine

Der Narr und seine Maschine

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Letzte Kommentare:
01.01.2019 12:45:02
Miss Marple

Tabors letzte Runde?
Eigentlich hatte Tabor Süden vor, sich zurückzuziehen, doch ein neuer Auftrag holt ihn ein. Der ehemalige Polizist, dann langjährige Mitarbeiter einer Detektei war nach seiner letzten Ermittlung ausgebrannt, nicht zuletzt durch den Tod seines Kollegen und Freundes tief getroffen. Auf dem Weg zum Bahnhof- sein Ziel noch gar nicht richtig vor Augen- wird er von seiner Chefin abgefangen und gebeten, einen neuen Fall zu übernehmen-die Suche nach einem verschwundenen Schriftsteller. Düster verwebt Friedrich Ani hier zwei Lebensläufe, die sich ähnlicher nicht sein können. Dem Leser präsentiert er einen nicht ganz einfachen kleinen Roman, der nicht unbedingt ein Krimi zu nennen ist, aber durch den Vermisstenfall sich diesem nähert. Es ist die Suche nach dem Sinn des Lebens und dem verständlichen Wunsch an dessen Ende dem Tod ein Schippchen zu schlagen. Keine leichte Kost, aber lesenswert, wenn man sich auf Ani einlässt und eventuell frühere Leseerfahrungen seiner Bücher etwas zurückstellt-obwohl diese auch fast immer düster und deprimierend waren

03.10.2018 16:04:12
holle77

Tabor Süden will seine Detektivtätigkeit aufgeben, nachdem bei der letzten Ermittlung ein Kollege den Tod fand, und sich klammheimlich aus dem Staub machen. Mit seiner Reisetasche steht er am Münchner Hauptbahnhof und lässt einen Zug nach dem anderen vorbeifahren. Plötzlich taucht seine bisherige Chefin auf und erzählt ihm von einem Auftrag, den er dann doch noch annimmt. Er soll einen Kriminalautoren, von dem er selbst einige Bücher gelesen hat, suchen, der spurlos verschwunden ist.
Bei seinen Recherchen kommt er Cornelius Hallig, der unter dem Namen Georg Ulrich schreibt, so nahe, wie man einem Unbekannten nur nahe kommen kann und stellt fest, dass sie sehr viele Gemeinsamkeiten haben, vor allem in ihrer inneren Finsternis, Verzweiflung und Todessehnsucht.
Dieser Roman ist sicher kein Krimi im herkömmlichen Sinn, er besticht auch nicht etwa durch Spannung, aber er zeichnet sich durch eine ganz besondere Atmosphäre aus: Melancholie, verblasste, aber immer wieder aufflammende Trauer, Nachdenklichkeit. Und wie immer bei Ani ist seine Sprache ein Genuss.