Ostfriesenmoor

Erschienen: Januar 2013

Bibliographische Angaben

  • Frankfurt am Main: Fischer, 2013, Seiten: 512, Originalsprache

Couch-Wertung:

85°
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Andreas Kurth
Killer, Kidnapper und Kraniche – was für eine Mischung

Buch-Rezension von Andreas Kurth Okt 2012

Ein Journalist fotografiert im Uplengener Moor ein brütendes Kranichpaar. Durch Zufall hält er dabei fest, wie einer der Vögel die Hand einer Leiche im Schnabel hält. Bei der Polizei in Aurich löst die Nachricht von dem Fund schon bald hektische Ermittlungen aus. Denn bei der Moor-Leiche handelt es sich um keinen vollständigen Körper, sondern um ein Drahtgestell, das wie eine Puppe mit einer menschlichen Haut bezogen wurde. Ann Kathrin Klaasen und ihre Kollegen verfolgen die erste dünne Spur, da wird in Norddeich aus einem Zwillingskinderwagen ein Baby entführt. Der Entführungsfall gewinnt richtig an Dynamik, denn es entwickelt sich eine erstklassige Familientragödie. Als sich dann auch noch das LKA einschaltet und das zweite schließlich Baby ebenfalls entführt wird, scheint die Sache den Auricher Kriminalisten über den Kopf zu wachsen. Doch trotz aller privaten Probleme im Team lassen Klaasen und ihre Kollegen nicht locker – und bis zum dramatischen Finale gibt es noch einige handfeste Überraschungen.

Ostfriesenmoor ist bereits der siebte Fall für Ann Kathrin Klassen und ihr Auricher Kripo-Team. Für mich war es der erste Band aus der Reihe – und ich bin wirklich begeistert. Klaus-Peter Wolf braucht zwar einigen Anlauf, um das komplette Szenario des Buches aufzustellen, aber der Einstieg mit dem fotografierenden Journalisten, den Kranichen und der "Leiche" im Moor macht von Beginn an mächtig Appetit auf diese spannende Geschichte. Den Ermittlern wird hier ein hartes Stück Arbeit zugemutet, denn menschliche "Puppen" sind wahrlich kein leichter Ansatz für erfolgversprechende Recherchen in einem Mordfall. Erschwert wird die Arbeit der Polizei durch private Eskapaden von Klaasens Kollege Rupert, dessen Liaison mit einer Putzfrau aus der Gerichtsmedizin im Verlaufe der Geschichte noch eine ganz spezielle Bedeutung bekommt. Aber auch Ann Kathrin Klaasen selbst hat so ihre mentalen Probleme. Ihre Mutter ist nämlich nach einem Schlaganfall arg gehandicapt, Ann muss deren Wohnung auflösen und ihr einen Platz in einer Senioren-Einrichtung besorgen. Das zerrt gewaltig an der Psyche der sonst so coolen Kommissarin – und der Autor zeigt damit wunderbar, wie das ganz normale Leben so zuschlagen kann. Wolf baut das so geschickt in seine Geschichte ein, dass es wie selbstverständlich wirkt, und überhaupt nicht aufgesetzt.

Das Schicksal der zerfallenden Patchwork-Familie, deren Kinder entführt wurden, ist schon fast eine Extra-Geschichte. Klaus-Peter Wolf hat hier ganz tief in die psychologische Kiste gegriffen, und zeigt dynamische Prozesse in einer noch frischen Beziehung, die durch krisenhafte Vorfälle enorm eskalieren. Der Autor präsentiert seinen Leser dabei ein ganzes Tableau interessanter Figuren, die mit ihrem Verhalten und den authentischen Dialogen das Lesen kurzweilig machen.

Es ist offenbar üblich, dass Klaus-Peter Wolf seine Romane zu kleinen Tourismus-Touren durch Ostfriesland macht. Man muss ihm dabei zu Gute halten, dass er Deich und Wattenmeer, aber auch lokale Attraktionen wie das Schwimmbad Ocean Wave und die Disco Meta relativ unaufdringlich in die Handlung einbaut. Die Geschichte wird dadurch authentischer, und der Autor zeigt, wie sehr er schon mit seiner Wahlheimat verwoben ist. Und offensichtlich hat er ein Faible für die Kultur im Norden, denn Sängerin und Talkshow-Gastgeberin Ina Müller wird ebenso gewürdigt wie die Bremerhavener Kabarettgruppe "Müllfischer" und natürlich Bettina Göschl, die Kinderlieder schreibt und Wolfs Lebensgefährtin ist.

Der Spannung und Lesbarkeit schaden diese kleinen thematischen Ausflüge überhaupt nicht. Denn Ostfriesenmoor ist aufgrund der reichlich vorhandenen falschen Fährten, der Komplexität der Handlung und der interessanten Protagonisten ein Krimi, in dem das Lokalkolorit nur willkommene Kulisse bleibt. Insgesamt also ein echtes Lesevergnügen. Das Buch war mein erster Wolf – aber sicher nicht mein letzter.

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