Totengrund

Erschienen: Januar 2010

Bibliographische Angaben

  • Köln: Random House Audio, 2010, Seiten: 6, Übersetzt: Mechthild Großmann, Bemerkung: gekürzt

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Wolfgang Franßen
Seelenbräute

Buch-Rezension von Wolfgang Franßen Aug 2010

Es gilt als Binsenweisheit, dass die Natur der schlimmste Feind des Menschen ist. Wenn Tess Gerritsen ihre Gerichtsmedizinerin Maura Isles nach einer Konferenz in Skiurlaub schickt, darf man bei dieser Autorin davon ausgehen, dass Kälte, Hunger und die Abgeschiedenheit der Wälder sie an den Rand der Existenz führen wird. Wer sich jedoch in der Bibel auskennt, ist sich sicher, dass nicht die Natur sondern der Mensch des Menschen Schicksal besiegelt. So wird Maura Isles und ihre Freundin Jane Rizzoli im Verlauf von Totengrund neben einem Berg von Leichen sich vor allem der menschlichen Deformation einer ans Heil glauben wollenden Sekte stellen müssen.

Was einen Spannungsroman ausmacht, hat Tess Gerritsen nicht nur mit ihrem neuesten Thriller unter Beweis gestellt. Allerdings hat sie den Schrecken nie als Plagiat mit Unterhaltungswert eingesetzt. Auch sie unterliegt dem Gesetz des Genres, der Fall muss gegen Ende aufklärt sein und es zum Happy End kommen. Doch auch bei Totengrund haftet der glücklichen Fügung der Verlust an. Es besteht die Möglichkeit, dass alles gut ausgeht. Für jeden. Aber nicht die Garantie.

Wenn Maura Isles mit ihrer Skigruppe in dem verlassenen Dorf Kingdom Come strandet, besteht die Aussicht, dass sie für Wochen, gar Monate in den eisigen Wäldern Wyomings von der Außenwelt abgeschnitten werden, haftet dem Ganzen ein Hauch von Stephen King an. Das Unheil droht, aus dem Wald zu kommen. Es werden Indizien gesammelt, die belegen, dass die Gruppe sich in Lebensgefahr befindet. Rettungsversuche, das Tal zu erreichen, scheitern. Jedem der Protagonisten haftet ein seelischer Schaden an, der ihn zur Gefahr für den anderen macht.

Für die Rettung, die Gerechtigkeit sorgt diesmal weniger Jane Rizzoli, die kongeniale Partnerin von Maura Isles, als die Sozialarbeiterin Cathy, die mit ihren Warnungen vor "Der Zusammenkunft" des selbst ernannten Propheten Jeremiah Goode auf taube Ohren gestoßen ist. Tess Gerritsens neuer Thriller dreht sich um eine Sekte, die ihre männlichen Nachkommen auf der Straße aussetzt, um unter dem Banner des Heils, der Erlösung, der Pädophilie nachzugehen.

Hinter der Geschichte von Totengrund erzählt die Autorin von Sekten wie den Moonies, von Anhängern wie denen von Charles Manson. Sie weist die Gehirnwäsche nach, die es den Anhängern unmöglich machen, aus der Gemeinschaft auszubrechen. Selbst, wenn es zum Massenselbstmord wie in Jonestown im guayanischen Urwald, zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit dem Staat wie in Waco mit den "Branch Davidians" oder Kindesmissbrauch und der Folterung in der Colonia Dignidad kommt.

Anders als bei Meg Gardiner in Gottesdienst kommt dabei kein für Hollywood geeigneter effektreicher Plot heraus, eher ein Kammerspiel, das die Qualen in den Seelen nachzeichnet. Auch dadurch, dass sie Menschen am Rand zu Wort kommen lässt. Jene, die wegsehen, die sich bestechen lassen, die ihre Abgeschiedenheit durch Ungläubigkeit zu schützen suchen, und so sammelt Gerritsen die Gründe, wieso es überhaupt für Sekten möglich ist, einen solchen Einfluss in ihrem Umfeld zu erhalten.

Nicht erst seit der "Chirurgin" und dem "Meister" gilt die amerikanische Autorin Tess Gerritsen als die Vorreiterin des Pathologie-Thrillers. Sie hat sich in Romanen wie Kaltes Herz einen Namen als ausgezeichnete Kennerin des amerikanischen Krankenhausalltags und des Organhandels gemacht und versteht sich auf den genretypischen Serienmörder par excellence.

Was diese Autorin auszeichnet, ist ihr feines Gespür für einen Schrecken, dem Maura Isles und Jane Rizzoli stets hinterher hasten, ohne ihn je vorbeugen zu können.

Sie kommen immer zu spät. Und müssen manchmal wie Maura Isles mit der bitteren Erkenntnis weiter leben, dass ihr eigenes Leben es nicht mal zulässt, sich um jemand anderen zu kümmern.

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