Schwesternmord

Erschienen: Januar 2005

Bibliographische Angaben

  • Köln: Random House Audio, 2005, Seiten: 6, Übersetzt: Thalbach, Katharina
  • London: Bantam, 2004, Originalsprache
  • Köln: Random House Audio, 2007, Seiten: 6, Übersetzt: Katharina Thalbach
  • Augsburg: Weltbild, 2006, Seiten: 6, Übersetzt: Katharina Thalbach

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Eva Bergschneider
Psychologisch raffiniert konstruiert - die Hintergründe bleiben verborgen

Buch-Rezension von Eva Bergschneider Mai 2005

Liebhaber grausiger Psycho-Thriller, die zudem an der Thematisierung wissenschaftlicher Bereiche interessiert sind, also alle Bücher von Kathy Reichs und Patricia Cornwell verschlungen haben, kommen an Tess Gerritsen nicht vorbei. Ihr wissenschaftliches Thema ist die Medizin und ihre Krimis sind psychologisch ausgefeilt, abgründig und grausam.

Die Chirurgin ist bisher Tess Gerritsens populärster Thriller, in dem die ehemalige Ärztin viel von ihrer medizinischen Fachkompetenz einfließen lässt und eindrucksvoll unter Beweis stellt, dass sie, was menschliche Abgründe und kreativen Wahnsinn angeht, einem Thomas Harris (Das Schweigen der Lämmer) nicht nachsteht. "Schwesternmord" ist nun der vierte Fall für Detective Jane Rizzoli und die Pathologin Maura Isles.

Die Geschichte ist einem realen Geschehen nachempfunden. Die Autorin las einen Artikel über einen jungen Mann aus Oregon/USA, der seine Ahnenreihe erforschte und feststellte, dass er von "Monstern" abstammt. Es stellte sich heraus, dass sowohl sein Vater, als auch sein Großvater Serienkiller waren (Quelle: wdr2 Reportage über Tess Gerritsen)

"Die Tote bin ich"

Die Bostoner Pathologin Maura Isles kommt gerade von einem Kongress zurück, als Blaulicht und Einsatzwagen der Polizei sie vor ihrer Haustür empfangen. Eine Frau wurde dort im Auto erschossen aufgefunden. Die Polizei glaubte zunächst, die Gerichtsmedizinerin selbst sei das Opfer, denn die Tote gleicht Maura bis aufs Haar. Es wird sich herausstellen, dass es sich bei der Ermordeten um ihre Zwillingsschwester Anne Leoni handelt, von deren Existenz Maura nicht das Geringste ahnte. Sie wuchs als adoptiertes Kind in einer Familie auf, über ihre leiblichen Eltern und mögliche Geschwister war ihr bisher nichts bekannt. War Anne überhaupt das Ziel des Killers, oder hat auch er die beiden Schwestern verwechselt ? Maura versucht herauszufinden, wie und warum ihre Schwester vor ihrer Haustür erschossen wurde und macht sich so auch auf die Suche nach ihrer wahren Identität.

Die Erforschung von Annes jüngster Vergangenheit führt Maura zu einem unheimlichen, hermetisch abgeriegelten Haus in Fox Habour/Maine und zu einem charmanten und doch geheimnisvollen Detektive Rick Ballard. Offensichtlich hat er Anne vor dem Verfolgungswahn ihres eifersüchtigen Ex-Freundes geschützt und dabei eine mehr als freundschaftliche Beziehung zu ihr aufgebaut. Kurz nachdem Maura eine Nacht in Annes Haus verbracht hat, werden bei Bauarbeiten auf dem Nachbargrundstück Skelettteile gefunden. Die gerichtsmedizinischen Untersuchungen ergeben, dass es sich um die Überreste des

Ehepaares Robert und Karen Saddler handelt, die seit Sommer 1960 vermisst werden. Karen Saddler war zum Zeitpunkt ihres Todes hochschwanger, von ihrem ungeborenem Kind fehlt jedoch jede Spur.

Wahnsinn und Blutsverwandtschaft

Die für den Mordfall "Leoni" zuständige Detective Jane Rizzoli ermittelt inzwischen die Identität von Annes und Mauras Mutter: Amalthea Lank, eine wegen zweifachen Mordes Verurteilte, die offenbar an Schizophrenie leidet. Zusammen mit einem Komplizen, der nicht gefasst werden konnte, hat sie zwei Anhalterinnen in ihre Gewalt gebracht und verbrannt, die Jüngere der Beiden war im neunten Monat schwanger. Nachdem Maura ihre Mutter kennengelernt hat, stellt sie sich schon bald die Frage, ob die psychische Erkrankung vorgetäuscht sein könnte. Hat sie dieses grausame Verbrechen unter dem Einfluss einer Psychose begangen, oder wurde die Tat etwa vorsätzlich geplant und durchgeführt?

Kann die Ähnlichkeit mit dem Mordfall Saddler Zufall sein?

Tess Gerritsen hat ihre Vorliebe für das Grauenhafte ihrer aus China stammenden Mutter zu verdanken. Die hat in der neuen Heimat Amerika schnell ihre Leidenschaft für Horrorfilme entdeckt, denn für das Verständnis der Handlung waren Sprachkenntnisse nicht erforderlich. Sie dachte sich auch nichts dabei, gemeinsam mit ihren Kindern die Monster, Bestien und Kreaturen anzusehen. Tess Gerritsen war dadurch schon sehr früh in der Lage, sich unvorstellbares Grauen und abscheuliche Brutalität bildlich vorzustellen. (Quelle: wdr2 Reportage über Tess Gerritsen)

In ihren Thrillern ist diese Fähigkeit, grausame und brutale Szenen plastisch und realistisch darzustellen, eines der hervorstechensten Merkmale. Sie erspart dem Leser auch in "Schwesternmord" nicht ein blutiges Detail. Manchem Leser mag die beschriebene Brutalität übertrieben vorkommen, dem Fan bluttriefender Thriller wird sie dagegen wohlige, kalte Schauer bescheren. Für subtilere, hintergründige Spannung ist ebenso gesorgt.

Mit viel erzählerischem Talent wird beschrieben, wie die Hauptprotagonistin Maura den Weg ihrer ermordeten Schwester verfolgt und in Annes jüngster Vergangenheit lebt, die von Beklemmung, Verfolgungswahn, paranoider Angst und unerklärlichen Schrecken geprägt ist.

Tess Gerritsen stellt in "Schwesternmord" wieder eindrucksvoll unter Beweis, dass sie es meisterhaft versteht, hypnotische Spannung und Nervenkitzel zu erzeugen. Mit medizinischem Fachjargon hält sich die Autorin in diesem Thriller etwas zurück, lediglich eine Autopsie wird gewohnt realistisch und detailgetreu geschildert.

Besonderen Wert legt die Autorin darauf, für jeden Charakter ein genaues psychisches Profil zu erstellen. Tess Gerritsen zitiert sehr häufig die Gedanken der handelnden Person und dadurch werden Emotionen, Ängste und böse Vorahnungen dem Leser unmittelbar mitgeteilt. Dennoch wirken die Charaktere etwas "blutleer", die Gedanken und Handlungen erscheinen manchmal zu vorhersehbar und stereotyp. Vor allem die Motive werden eher oberflächlich erläutert, die Hintergründe der Taten bleiben im Wesentlichen unklar. Der "Böse" ist einfach so, der Leser erhält keine Anhaltspunkte, wie es überhaupt zu diesem extremen Verhalten kam, es wird keine Entwicklung deutlich. Eine Charakterisierung, die sonst so psychologisch raffiniert gestaltet ist, wirkt mit so wenig persönlichem Hintergrund etwas unbefriedigend.

Die Frage nach der genetischen Vererblicheit des Bösen

Die Frage nach der genetischen Vererblichkeit des "Bösen" zieht sich wie ein roter Faden durch das ganze Buch. Ist Mauras Leidenschaft für die Pathologie und die Fähigkeit ihrer Mutter zu töten, auf ein gemeinsames genetisches Merkmal zurückzuführen? Diese These wird möglicherweise bewusst nur wenig diskutiert, sie soll dem Leser als " ein "Mysterium" im Gedächtnis bleiben. Als Grundlage für einen Thriller scheint mir diese Frage doch etwas banal zu sein, man braucht keine psychologischen Kenntnisse, um zu wissen, dass sich die Analyse menschlichen Verhaltens weitaus komplexer darstellt.

Fazit: Ein hoch spannender Thriller, flüssig zu lesen und unterhaltsam, solange man ihn nicht zu sehr hinterfragt. Die Geschichte ist ganz interessant konstruiert und wird spannend erzählt, aber da kaum Hintergründe erläutert werden, wirkt sie doch etwas eindimensional.

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