Ein makelloser Tod

Erschienen: Januar 2009

Bibliographische Angaben

  • New York: Alfred A. Knopf, 2008, Titel: 'The private patient', Seiten: 352, Originalsprache
  • München: Droemer, 2009, Seiten: 552, Übersetzt: Walter Ahlers & Elke Link
  • München: Droemer/Knaur, 2010, Seiten: 560, Übersetzt: Walter Ahlers & Elke Link

Couch-Wertung:

70°
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Sabine Bongenberg
Wenn ordentlich nicht ordentlich genug ist

Buch-Rezension von Sabine Bongenberg Dez 2008

Als sie ein Kind war wurde der mittlerweile berühmt-berüchtigten Journalistin Rhoda Gradwyn bei einem häuslichen Streit eine Gesichtsverletzung zugefügt. Neben den unsichtbaren seelischen Verletzungen hinterließ dieser Streit eine tiefe Narbe, die das Gesicht der Frau seit Jahren verunstaltet. Immerhin – das 21. Jahrhundert hält genügend Möglichkeiten bereit, unerwünschte Schönheitsmakel begradigen zu lassen. Rhoda entschließt sich daher, die Narbe in einer mehr als renommierten Privatpraxis auf dem platten Land entfernen zu lassen. Aber obwohl die Operation gelingt, hat die Journalistin nicht allzu viel Zeit sich an dem Ergebnis zu erfreuen, wird sie doch noch in der Nacht nach dem Eingriff in ihrem Krankenbett erwürgt. So ein unerhörter Vorgang kann im "Mercedes" der Krankenhäuser nicht durch den örtlichen Dorf-Sheriff untersucht werden, so dass Inspektor Dalgliesh und sein bewährtes Team auf den Plan gerufen werden.

Kalte Persönlichkeiten

Wenn eine Autorin in Nachfolge von Agatha Christie als "Queen of Crime" bezeichnet, wird, so erwartet der Leser oder die Leserin mehrere Charakteristika: Spannende Unterhaltung, lebendige und nachvollziehbare Charaktere und eine stringente und spannende Unterhaltung. Leider erfüllt ihre Hoheit keine dieser Vorgaben. Daher bleiben die eingeführten Figuren eindimensional, blass und klischeehaft. So wird zum Beispiel die kalte Rhoda Gradwyn vorgestellt, die aufgrund der Misshandlungen durch ihren Vater eine Gesichtsentstellung davontrug. Als eine Folge dieser Misshandlungen ist die erwachsene Rhoda zwar eloquent und herausragend in ihrem Beruf, jedoch scheinen alle anderen menschlichen Regungen auf der Strecke geblieben zu sein. Hier hätte sich der Leser sicherlich gewünscht, etwas mehr über die Protagonistin zu erfahren. Ist ihre regelmäßig nach außen getragene Kälte allein das Ergebnis der traurigen Jugend oder welche anderen Faktoren haben noch zu dieser Entwicklung beigetragen? Absolut unklar bleiben auch die Beweggründe, die das spätere Opfer an die Stätte des späteren Verbrechens locken. Wenn eine Frau tatsächlich unter einer entstellenden Narbe leidet, wozu braucht sie mehr als 20 Jahre dazu, um diese entfernen zu lassen und was bedeutet ihre Erklärung "Ich brauche die Narbe nicht mehr"? Insbesondere im Hinblick auf diese Äußerung würde es den Leser doch schon sehr interessieren, worin sich dieses vorherige "Brauchen" bemerkbar machte. Aber obwohl von verschiedenen Seiten immer wieder dieser Spruch als offensichtlich maßgeblich für den OP-Wunsch und die damit heraufbeschworene Katastrophe zitiert wird, hüllt sich die Autorin hinsichtlich der Aufklärung in Schweigen.

Nicht viel besser ergeht es Robin Boyton, dem Freund (?), Lebensgefährten (?), schwulen Kumpel (?) des Mordopfers, der offensichtlich dazu angelegt ist, alle schlechten Eigenschaften des englischen, homosexuellen Lebemannes in sich zu vereinen. Er ist nicht nur eitel, unordentlich, geldgierig und unbeständig, sondern blickt auch wie Rhoda auf eine traurige Entwicklung zurück, wenn diese auch nicht dazu angetan ist, dem Leser ein gesteigertes Mitgefühl abzuringen. Immerhin wurde Robin mit ansprechenden körperlichen Vorzügen ausgestattet, die allenfalls erklären, aus welchem Grund er überhaupt ein paar Freunde aufweist. Aus welchem Grund er jedoch mit Rhoda Gradwyn befreundet ist bzw. was diese in welcher Hinsicht überhaupt an ihm gefunden oder in ihm gesehen hat, bleibt aber insgesamt schleierhaft. Diese Beschreibung umfasst auch am besten sein späteres Ende, da nicht wirklich ersichtlich wird, warum sich ein Mörder die Arbeit machen sollte, diesen unwichtigen und allenfalls lästigen Zeitgenossen zu beseitigen.

Die Kuh am Schwanz am raus am ziehen

Leider wird das persönliche Manko der Personen nicht durch eine temporeiche oder zumindest anschauliche Erzählart ausgeglichen. Frau James verliert sich vielmehr in langatmigen Erzählungen, in Satzkonstruktionen, die in ihrer Komplexität nerven und in Darstellungen, die zum mehrfachen, genauen Lesen zwingen – ohne das letztendlich eine brauchbare Information heraus gefiltert werden kann.

"Mit einer leisen Reue, der Scham zu ähnlich, um angenehm zu sein, registrierte sie, dass sie sich an diesem ersten, maliziös von ihre hervorgerufenen Aufblitzen freudiger Überraschung, der Gier in seinen Augen und dem raschen Zurücksinken in realistisches Denken weidete." (Wer versteht diesen Satz beim ersten Lesen?)

Allein die Passage in der Robins traurige Jugend geschildert wird, erfüllt die maximale "Nerv-Frequenz", greifen doch die zeitlichen Daten, wer sich wann umbrachte, wer wann allein die Familie ernähren musste, wer wann nach Australien auswanderte und wer wann welchen Kontakt mit wem abbrach, nicht stringent ineinander. Wie bei so vielen langatmigen Beschreibungen hilft hier allerdings die Einschätzung "Wird wohl nicht so wichtig sein" und in der Regel trifft diese Haltung auch zu.

OK ist nicht gut

Trotz all dieser Mankos wäre es hier dennoch überzogen, den "Makellosen Tod" als völlig misslungen zu bewerten. Grundsätzlich gelingt es der Autorin durch die Vielschichtigkeit der möglichen Motive und der verschiedenen Handlungsstränge die Leserschaft zu interessieren, wenn auch nicht zu fesseln. Allein durch die Streifzüge innerhalb der englischen Geschichte (inklusive Hexenverbrennung und Fluch), durch die familiären Konflikte und nicht zuletzt durch die verschiedenen Charaktere im Ermittlungsteam gelingt es der P.D. James die Leser immer wieder auf neue und größtenteils falsche Spuren zu schicken, wenn auch mit der ständigen Erwähnung des Gärtners zu deutlich angekündigt wird, dass er hier vermutlich einmal mehr nicht der Mörder war.

Als Fazit bleibt dennoch festzuhalten, dass auch diese Queen of Crime zumindest mit diesem Werk an eine Grenze gestoßen ist, bei der sie über das Abdanken zumindest einmal nachdenken sollte. Wer sich also an einem guten, alten Krimi englischer Tradition erfreuen will, sollte vielleicht daher doch auf die gute alte Lady Agatha oder aber zumindest auf eines der früheren Werke von Frau James zurück greifen. Und über dieses Buch gar nicht mehr so viele Worte verlieren – 70°.

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