Stumme Schreie

Erschienen: Januar 2001

Bibliographische Angaben

  • Oslo: Cappelen, 2000, Titel: 'Elskede Poona', Seiten: 273, Originalsprache
  • München; Zürich: Piper, 2001, Seiten: 317, Übersetzt: Gabriele Haefs
  • Augsburg: Weltbild, 2002, Seiten: 317
  • München; Zürich: Piper, 2003, Seiten: 317
  • München; Zürich: Piper, 2004, Seiten: 317

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Odile Odile
Ein leiser Krimi mit literarischem Anspruch

Buch-Rezension von Odile Odile Sep 2003

Gunder Jomann hat einen geheimen Traum. Mit 51 Jahren beschliesst der unauffällige Landmaschinenverkäufer aus Elvestad endlich zu heiraten. Dazu muss er weit reisen, denn der einsame Junggeselle wünscht sich eine Ehefrau aus Indien. Und Gunders Traum erfüllt sich. Er begegnet der Kellnerin Poona, verliebt sich und heiratet sie.Das Paar beschliesst in Norwegen zu leben. Nur ungern fliegt Gunder allein nach Europa zurück, doch Poona verspricht, ihm bald zu folgen.

Jomann fiebert der Ankunft seiner Frau entgegen und schmückt liebevoll das Haus für ihre Ankunft. Als es endlich soweit ist, passiert das Unfassbare. Marie, Gunders jüngere Schwester und der einzige Mensch, der ihm ausser Poona nahe steht, verunglückt mit dem Auto und fällt ins Koma. Ihr Bruder eilt zu der Schwerverletzten in die Klinik. Zuvor beauftragt er schweren Herzens den zuverlässigen Taxifahrer Kalle Moe Poona vom Flughafen abzuholen. Doch dieser kann die Inderin trotz gründlicher Suche nicht finden, weder am Flugplatz noch in Elvestad.

Am selben Abend erschüttert eine schockierende Meldung die Bevölkerung. Nahe Elvestad wurde die grausam entstellte Leiche einer jungen Frau gefunden. Höchstwahrscheinlich handelt es sich bei der Ermordeten um eine Ausländerin.

Hauptkommissar Konrad Sejer und sein Team stehen vor einem Rätsel. Niemand scheint das Mordopfer zu kennen oder zu vermissen. Und warum wurde die Tote so brutal misshandelt?

Hauptkommissar Konrad Sejer überzeugt als seriöser, nachdenklicher Ermittler. Für den ruhigen Witwer, Anfang Fünfzig, steht seine Arbeit im Mittelpunkt. Von seinen Vorgesetzten und Kollegen respektiert und geschätzt, wirkt er immer souverän. Sejer verfügt über psychologisches Fingerspitzengefühl, er begeht keine Fehler und hält die Fäden stets in der Hand.

Privat wirkt der Kommissar ziemlich einsam. Mit seiner Freundin, der Psychiaterin Sara, lebt er nicht zusammen. Doch da gibt es Kollberg, Sejers zehnjährigen Hund. Als die Gefahr droht, dass der treue Vierbeiner stirbt, reagiert der Polizist emotioneller als ihm lieb ist. Die Angst seinen treuen Hund zu verlieren setzt Sejer sehr zu und veranlasst den zurückhaltenden Kommissar seine sonst gut gehütete gefühlvolle Seite zu zeigen.

Bei den Ermittlungen wird der Hauptkommissar von seinem jüngeren Kollegen Jacob Skarre unterstützt. Die beiden sind im Privatleben befreundet und bilden ein sympathisches und effektives Gespann.

Gleich auf der ersten Seite lernt der Leser einen mutmasslichen Mörder kennen und stellt sich auf einen konventionellen Krimi ein. Doch Karin Fossum erfüllt diese Erwartungen nicht. Sie erzählt vielmehr eine Geschichte, langsam, ja fast bedächtig.

Sie berichtet vom einsamen Gunder, der in die Ferne reist, um die Liebe zu suchen. Von Marie, die ihrem Bruder alles Glück wünscht und unfreiwillig eine Katastrophe auslöst. Von Linda Carling, dem lebenshungrigen Teenager, der nach Aufmerksamkeit giert und sich dadurch in Lebensgefahr bringt. Vom Wirt Einar Sunde, der Tag und Nacht in seiner Kneipe schuftet, um seine Prunkvilla abzubezahlen und den seine Frau verlassen wird.

Karin Fossum versteht es hervorragend, ihre Figuren zum Leben zu erwecken. Mit ausgeprägtem psychologischen Einfühlungsvermögen beschreibt die Autorin, was ihre Protagonisten bewegt, was sie fühlen und warum sie so handeln, wie sie es tun. Fossums Blick für Details und ihr Talent für Milieubeschreibungen lassen ihre Romangestalten so realistisch erscheinen, dass der Leser glaubt, sie persönlich zu kennen.

Treffend beschreibt die Norwegerin die scheinbar eingeschworene, kleine Dorfgemeinschaft, die sich gegenüber Aussenstehenden abschottet. So, wie man sie überall finden könnte. Doch dann beginnt jemand aus Geltungssucht zu reden, ein anderer begeht eine grosse Dummheit und schon bröckelt die Solidarität und die Polizei kommt ins Spiel.

Hauptkommissar Sejer fragt sich, was einen bisher unauffälligen Menschen zum brutalen Totschläger werden liess. Beharrlich geht er allen Spuren nach und vermittelt dem Leser stets die Gewissheit, dass er letztlich den grausamen Mordfall aufklären wird. Einfühlsam bewegt er schliesslich den verstörten Täter dazu, ihm seine "Bilder" von der Tat zu beschreiben. Er entlockt dem Mörder das Motiv und löst so den Fall, obwohl Fossum bei Skarre leise Zweifel aufkommen lässt.

"Stumme Schreie" ist alles andere als ein Action-Krimi. Die Spannung entwickelt sich langsam, zu Beginn fast zögerlich, aber stetig. Im Mittelpunkt stehen Gefühle, zwischenmenschliche Beziehungen und Verwicklungen, keine spektakulären Wendungen. Das Grauen kommt hier auf leisen Sohlen, aber unerbittlich und bedrohlich.

Die scheinbare Idylle eines kleinen norwegischen Dorfes wird durch einen überaus brutalen Mord und eine grausam entstellte Leiche für immer zerstört.Dabei verzichtet Karin Fossum wohltuend auf Klischees. Weder spielt das beliebte und in diesem Fall naheliegende Motiv Fremdenhass eine entscheidende Rolle, noch werden die Dorfbewohner als einfältige, beschränkte Hinterwäldler dargestellt.

Auch die Hauptperson erweist sich als atypisch für einen Krimi. Weder der Täter, noch das Opfer oder der Ermittler stehen im Mittelpunkt des Geschehens. Die Geschichte beginnt und endet mit Gunder, dem einfachen Landmaschinenverkäufer. Ihn lässt die Autorin während der 4 Wochen, die der Roman umspannt, ein wahres Wechselbad der Gefühle durchleben, vom höchsten Glück bis zur tiefsten Depression. Und diese Emotionen beschreibt sie so glänzend, dass der Leser jederzeit mit dem geschlagenen Mann mitfühlt. Doch Karin Fossum gewährt ihrem Roman ein halbwegs versöhnliches Ende und ihrem Helden immerhin einen kleinen Hoffnungsschimmer.

Wie meinen Ausführungen sicherlich zu entnehmen ist, hat mir das Buch ausgezeichnet gefallen. Fiel es mir anfangs noch leicht, den Roman aus der Hand zu legen, so wurde das mit dem Fortgang der Geschichte immer schwieriger.

Wer leise Kriminalromane mit literarischem Anspruch schätzt, findet hier geeigneten Lesestoff!

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