Dunkler Schlaf

Erschienen: Januar 2002

Bibliographische Angaben

  • Oslo: Cappelen, 1998, Titel: 'Djevelen holder lyset', Seiten: 232, Originalsprache
  • München; Zürich: Piper, 2002, Seiten: 262, Übersetzt: Gabriele Haefs
  • München; Zürich: Piper, 2003, Seiten: 262
  • München; Zürich: Piper, 2012, Seiten: 262

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Peter Kümmel
Ein Meisterwerk der Erzähltechnik

Buch-Rezension von Peter Kümmel Sep 2003

Kein Kriminalroman wie jeder andere. Die wichtigsten Fakten sind dem Leser sehr schnell bekannt. Die Handlung ist sehr einfach gestrickt, es passiert eigentlich recht wenig. Und doch hat Karin Fossum es geschafft, aus diesen Minimalismen eine unglaubliche Spannung zu erzeugen, die sich fast unmerklich immer mehr steigert, so daß das Buch zum echten Pageturner wird.

Ausnahmsweise möchte ich hier gar nichts zum Inhalt des Buches sagen, denn damit würde ich schon zuviel vorweg nehmen.

Die Charakterstudien von Karin Fossum sind eine wahre Meisterleistung. Aus immer wieder wechselnden Betrachtungsweisen bringt sie die Personen der Handlung dem Leser nach und nach immer näher. Dabei verknüpft sie sehr geschickt die Gedanken der einzelnen Figuren mit der Handlung. Lange Absätze, die die Charaktere, ihr Leben, ihre Ansichten sowie ihr soziales Umfeld beschreiben, wechseln sich ab mit Dialogen, die oftmals scheinbar unwichtig erscheinen, doch für das komplexe Verständnis überaus wichtig sind. Es wirkt dabei sehr ungewöhnlich - ist jedoch überaus wirksam -, dass sie dabei eine Person in der Ich-Form erzählen lässt, die anderen Abschnitte jedoch aus neutraler Sicht in der 3. Person geschrieben sind. Auch der Wechsel von kurzen Gedanken mit Rückblenden, das direkte Ansprechen des Lesers durch die Erzählerin oder Szenen, die wie einzelne Bilder auftauchen, machen das Buch zu einem Erlebnis. Daß aus all diesem Stückwerk ein harmonisches Ganzes entsteht, dem der Leser in jeder Phase problemlos folgen kann, zeugt von den schriftstellerischen Qualitäten der Norwegerin.

Karin Fossums eigentlicher Protagonist und Serienheld, Kriminalkommissar Konrad Sejer, 1,97 m groß, Witwer mit Tochter und Enkel, ruhig und überlegen wirkend, und dessen junger Kollege Jacob Skarre nehmen fast nur eine Nebenrolle ein. Die eigenlichen Stars des Romans sind diejenigen, deren Existenz kaum wahrgenommen wird. Die, die ihr Leben so vor sich hin leben ohne Illusionen und ohne Perspektiven. So wie die 60-jährige Irma, von ihrem Mann verlassen, die zwar gelegentlich von ihrem Sohn besucht wird und mit einer Freundin ab und zu etwas unternimmt, dennoch zeit ihres Lebens einsam ist. So wie Andreas und Zipp, die beiden Freunde, gerade mal 18 geworden und doch noch richtige Kinder. Beide absolut unterschiedliche Typen, verbringen sie ihre gesamte Freizeit zusammen mit wenig Geld, trinken Bier und schauen sich miteinander Videos an. Zur Not muß auch mal die Handtasche einer alten Frau dran glauben, wenn gar kein Geld mehr da ist.

Sämtliche Charaktere sind so vielschichtig, dass die übliche Täter-Opfer-Unterteilung hier komplett wegfällt. Es ist kaum besser darstellbar, wie die Täter selber zu Opfern werden oder auch die Opfer zu Tätern. Und zum Schluß gibt es nur noch Opfer. Karin Fossum vermag es auf subtile Weise besser als die oft hochgelobten schwedischen Autoren aufzuzeigen, woran es in der skandinavischen Gesellschaft krankt.

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