Wer hat Angst vorm bösen Wolf

Erschienen: Januar 2000

Bibliographische Angaben

  • Oslo: Cappelen, 1997, Titel: 'Den som frykter ulven', Seiten: 254, Originalsprache
  • München; Zürich: Piper, 2000, Seiten: 319, Übersetzt: Gabriele Haefs
  • Augsburg: Weltbild, 2001, Seiten: 319
  • München: Piper, 2003, Seiten: 319

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Wolfgang Weninger
An einigen Stellen würde man sich mehr Kriminalfall wünschen

Buch-Rezension von Wolfgang Weninger Okt 2003

Er ist krank, sagen die einen. Er ist verrückt sagen die anderen. Eerki hört die Stimmen, die ihn treiben. Fort aus der Anstalt, hinaus ihn den Wald, dort hin, wo keine Menschen sind, dort hin, wo er ungestört in sich hinein horchen kann, wo er mit sich ins Reine kommt.

Finnemarka ist ein kleines norwegisches Dorf. Weit ab vom Ort, wo der Wald beginnt, lebt die alte Halldis Horn in ihrem Häuschen, allein, seit ihr Mann vor acht Jahren bei einem Traktorunfall verunglückt ist. Aber sie lebt nicht mehr lange, denn jemand schlägt ihr mit einer Hacke den Schädel ein. Und Eerki war in der Nähe des Tatorts. Ein Junge aus einer Besserungsanstalt, der mit Pfeil und Bogen auf Krähenjagd war, hat die alte Frau auf der Schwelle ihres Hauses gefunden und Eerki gesehen.

Kommissar Sejer geht zur Arbeit. Er kommt an der Bank vorbei. Ein junger Mann mit schwarzem Aktenkoffer fällt ihn auf, der den Blick gesenkt auf die Bank zu und ihn sie hinein geht. Er dreht um und folgt dem Mann in die Bank. Nichts Auffälliges und so verlässt er das Geldinstitut wieder. Dann fällt darin ein Schuss und wenig später rast der Gangster mit einer Geisel in einem weißen Renault Megane davon.

Sejer und sein Kollege Skarre haben nun zwei Fälle gleichzeitig am Hals. Der Dorfpolizist Gurvin ist zur Aussage über Eerki bei Kommissar Sejer. Dieser sieht sich das Videoband der Überwachungskamera aus der Bank an. Und Gurvin erkennt auf einen Blick, dass die Geisel niemand a anderer als Eerki ist.

Kommissar Sejer sucht die Betreuerin Eerkis in der Psychiatrischen Klinik auf. Frau Doktor Struel fasziniert den Kriminalisten. Und vor allem bestärkt sie Sejer in seinen Zweifeln, ob Eerki wirklich der Täter ist. Jener Eerki, der seine Mutter als Achtjähriger durch einen Unfall verlor und jetzt als Geisel mit einem Bankräuber irgendwo ihn den Weiten der norwegischen Wälder verschwunden ist.

Karin Fossum, 1954 in Sandefjord (Norwegen) geboren, hat einen subtilen Thriller geschaffen, der weniger von Action und Kriminalistik lebt, als von Psychen und Psychosen. Immer wieder wirft sich die Frage auf, wo die Grenze zwischen normal und abnormal verläuft. Die Ermittlungsarbeit steht weitgehend im Hintergrund, denn der Leser wird gefesselt von der gemeinsamen Flucht des Ganoven und Eerki, die bisweilen scheinbar auf der selben Wellenlänge schwimmen, aber immer wieder an ihre Grenzen stoßen. Wer ist hier eigentlich verrückt?

Frau Fossum zerpflückt auch das Seelenleben aller anderen Beteiligten. Wie aus den Nordlandkrimis mittlerweile gewöhnt, dreht sich alles um die Frage des Warum im Tun der handelnden Personen. Es ist nicht die Tat an sich, die hier zur zentralen Frage erklärt wird, sondern die Wurzeln des realen und irrealen Denkens in der Vergangenheit lassen den Fortgang der Handlung fast zwingend erscheinen. Bis zum bitteren Ende bewegen den Leser die verworrensten Gehirngespinste, die schlussendlich einen logischen, aber unbefriedigenden Ausgang bringen.

Dabei ist die Sprache durchaus gelungen, wenn gleich sie gelegentlich doch zu sehr ins (blutrünstige) Fabulieren gerät. An einigen Stellen würde man sich dann doch etwas mehr Kriminalfall wünschen und etwas weniger Wiederholungen psychotischer Phasen. So richtig am Ausgang des Geschehens interessiert ist man erst nach etwa einem Drittel der 320 Seiten, bis dahin plätschern die Handlungsfäden eher belanglos nebeneinander her.

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