Wer anders liebt

Erschienen: Januar 2008

Bibliographische Angaben

  • Oslo: Cappelen, 2007, Titel: 'Den som elsker noe annet', Originalsprache
  • München: Piper, 2008, Seiten: 256, Übersetzt: Gabriele Haefs
  • München; Zürich: Piper, 2009, Seiten: 248

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Eva Bergschneider
Unheilvolle Facetten der Liebe

Buch-Rezension von Eva Bergschneider Dez 2007

Sexueller Missbrauch an Kindern wird nicht nur in den Medien immer häufiger diskutiert, auch der Kriminalroman behandelt diese schwierige Tabuthema. Die norwegische Autorin Karin Fossum gilt als eine Meisterin der psychologischen Spannung. Die Menschen stehen bei ihr im Vordergrund und nicht so sehr das Verbrechen.
Gilt das auch für ihr neuestes Werk Wer anders liebt mit einem pädophilen Mörder?

Nach diesem Spaziergang ist nichts mehr wie vorher

Der Wochenendausflug in den Linde-Wald ist für das Ehepaar Ris zum vertrauten Ritual geworden. Am Sonntag den 4. September findet Reinhardt Ris die Leiche des 8-jährigen Jonas August Løwe. Kurz zuvor war dem Paar auf dem Waldweg ein verstört wirkender gehbehinderter Mann aufgefallen. Reinhardt fotografierte die Leiche und setzt nun alles daran, den vermeintlichen Kindermörder zu überführen. Wann schlägt der Täter das nächste Mal zu?

Der Gerichtsmediziner stellt fest, das Jonas August Løwe missbraucht wurde und durch Ersticken zu Tode kam. Abgesehen von den Zeugenaussagen des Ehepaars Ris, haben Kommissar Sejer und sein Assistent Skarre keine Anhaltspunkte, an denen ihre Ermittlung anknüpfen kann.

Während Sejer sich darauf konzentriert, die Nachbarn der Løwes und Jonas Klassenkameraden zu befragen und die Fakten zu analysieren, versucht Skarre das Phänomen Pädophilie mit wissenschaftlicher Akribie zu ergründen.

 

"Wie entwickelt man eine solche Veranlagung?" fragte Skarre. "Ich begreife das nicht, das ist doch unnatürlich. Kinder senden keine solchen Signale aus."
"Das werden wir heraus finden." sagte Sejer "Und vielleicht müssen wir uns von allerlei Vorurteilen befreien."

 

Die schlimmsten Befürchtungen der Anwohner aus Huseby und der Polizei werden schließlich Wirklichkeit, am 10. September verschwindet der 10-jährige Edwin Åsalid.

Jede Sichtweise taucht den Fall in ein anders Licht

Die Suche nach dem Täter ist nicht das, was den Krimi spannend macht, denn der Leser weiß von Anfang an, wer Jonas August Løwe auf dem Gewissen hat. Die Autorin wechselt immer wieder die Erzählperpektive und reflektiert das Geschehen aus verschiedenen Blickwinkeln.  Der Schwerpunkt der Ermittlungsarbeit der Kommissare Sejer und Skarre sind die Gespräche mit der Mutter des Opfers und den Bewohnern des Ortes. Untereinander tauschen sie in kontroversen Diskussionen Gedanken und Recherchen zum Thema Pädophilie aus.

Von einer ganz anderen Seite betrachtet das Ehepaar Reinhardt und Kristine Ris den Tod des kleinen Jungen, den sie im Wald gefunden haben. Reinhardts Voyeurismus und der Geltungsdrang, mit dem er sich immer wieder in den Fall einmischt, ekelt seine Ehefrau Kristine an. Sie versucht, den grausamen Fund zu verdrängen und betrauert ihre eigene Kinderlosigkeit. Schließlich präsentiert Karin Fossum auch die Sichtweise des Täters, seine Angst vor der Entdeckung, sowie Gefühle und Gedanken zur Tat.

Der Leser ist zwischen tiefer Betroffenheit und einer distanzierten Betrachtung hin und her gerissen. Neben der Abscheu vor Sexualverbrechen an Kindern, erweckt Wer anders liebt den Wunsch, diese fatale Art zu lieben ein wenig besser zu verstehen.

Was neben dem Verbrechen geschieht

Es geht in Karin Fossums Roman nicht nur um Pädophilie, sondern um verschiedenste Arten fehlgeleiteter Zuneigung. Edwins Mutter lässt aus Liebe zu, dass sich ihr Sohn zu Tode isst.  Der Tod des kleinen Jonas zeigt auch, was die Konfrontation mit einer so extremen Situation in Menschen frei setzten kann. In Huseby gilt fast jeder, der auch nur ein wenig auffällt, als potentieller Täter. Diese aus Vorurteilen genährten Verdächtigungen beeinflussen auch den Leser.
Und das ist es, was diesen Kriminalroman von Karin Fossum so speziell und so spannend macht.

Die Autorin präsentiert nicht nur Charakterstudien von Menschen, die "anders lieben", oder mit Sexualverbrechen an Kindern konfrontiert werden, sie spielt auch mit den Wertempfindungen des Lesers. Viele Persönlichkeiten und Handlungen offenbaren positive und dunkle Seiten. Wer schuldig ist und wer nicht, kann nicht immer klar festgelegt werden. Karin Fossum schreibt in klarer, präziser und ausdrucksstarker Sprache. Jedes Wort passt und prägt die subtile Atmosphäre des Romans.

 

"Gibt es irgendetwas, das diesen Fall von anderen Fällen unterscheidet?"
Aber da erhob sich Sejer, um zu zeigen, dass die Konferenz beendet war.
"Solche Fälle sind immer einzigartig" sagte er "Und es gab nur einen Jonas August".

 

Wer anders liebt ist ein tiefgründiger Lesegenuss, der Liebhabern des anspruchsvollen Krimis empfohlen werden kann. Karin Fossum bietet in diesem Roman nicht unbedingt den atemberaubenden Thrill, sorgt aber dennoch für Unterhaltung auf höchstem Niveau und nachhaltige Ergriffenheit.

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