Der Mord an Harriet Krohn

Erschienen: Januar 2006

Bibliographische Angaben

  • Oslo: Cappelen, 2004, Titel: 'Drapet på Harriet Krohn', Originalsprache
  • München; Zürich: Piper, 2006, Seiten: 269, Übersetzt: Gabriele Haefs
  • München; Zürich: Piper, 2008, Seiten: 269

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Peter Kümmel
Ein Meisterwerk psychologischer Erzählkunst

Buch-Rezension von Peter Kümmel Jul 2006

Ein Mord, ein Mörder, ein Kommissar - sind das die Zutaten zu einem Kriminalroman? Purismus ist meist angesagt, wenn die norwegische Autorin Karin Fossum einen neuen Roman vorlegt. Ein "Whodunit" ist "Der Mord an Harriet Krohn" nun absolut nicht, denn den Täter kennen wir von Anfang an. Wir begleiten ihn bei den Vorbereitungen und bei der - in dieser Art nicht geplanten - Tat, erkennen seine Motive und erleben seine Verzweiflung mit.

Nicht der Serienkommissar Konrad Sejer steht im Mittelpunkt der Handlung, sondern Charles Olav Torp, genannt "Charlo". Ein Witwer in den Vierzigern, der nicht mehr ein noch aus weiß. Seine Spielsucht hat ihn so weit gebracht, daß er bereits an Selbstmord dachte. Er ist hoch verschuldet und fürchtet nun die Schlägertrupps des Gläubigers, hat Angst davor, daß ihm die Finger mit einer Heckenschere abgeschnitten werden. Früher waren sie eine richtige Familie. Charles, seine Frau Inga Lill und Julie, ihre Tochter. Doch dann fing er an zu spielen und verlor seinen Arbeitsplatz. Seine Frau wurde krank und starb. Damit hatte er seinen letzten Halt verloren. Die mittlerweile 16-jährige Tochter will nichts mehr von ihm wissen. Dabei möchte er doch so gern ein guter Vater sein.

Wir begleiten Charlo über die gesamte Handlung des Buches hinweg. Dennoch lässt die Autorin ihren Protagonisten nicht als Erzähler fungieren, so daß noch eine gewisse Distanz gewahrt bleibt. Kommissar Sejer, der Ermittler, greift erst auf den letzten hundert Seiten ins Geschehen ein. Die Dialoge zwischen ihm und Charlo zählen zweifellos zu den Höhepunkten des Romans. Doch zuvor ist der Leser lange alleine mit Charlo. Ewig lange Absätze, manchmal über mehrere Seiten, stören das Auge beim Lesen, da es keine Stelle findet, einzuhaken. Doch aufgrund der kurzen prägnanten Sätze liest man über diese langen Passagen ebenso flott hinweg wie über alle anderen Teile des Buches.

Kein Mitleid, aber Verständnis

Zurück zur Ausgangsfrage. "Der Mord an Harriet Krohn" ist für mich erst in zweiter Linie Kriminalroman. Obwohl ein Mord geschehen ist und dieser aufgeklärt werden muß, stehen bei Karin Fossum wie oft nicht Verbrechen im Mittelpunkt, sondern Personen. Täter müssen bei ihr nicht zwangsläufig böse sein. Und Charlo ist dies ganz bestimmt nicht. Er ist nur aufgrund der besonderen Umstände in diese Sache hineingeschlittert. Und merkt dann, wie schwer es ist, mit der Tat fertig zu werden. Von diesem Zeitpunkt ab handelt er in allen Dingen überaus korrekt und versucht, das Geschehen durch viele gute Taten wieder aufzuwiegen. Doch ihm ist klar, daß dies niemals gelingen kann, egal, wie alt er werden wird.

Von der reinen Handlung her bietet "Der Mord an Harriet Krohn" eigentlich nur Stoff für eine Kurzgeschichte. Der Mörder macht Fehler, anhand derer er überführt werden wird. Das ist dem Leser apriori klar. Doch wie die Autorin diesen relativ simplen Plot in einen Roman auswalzt, die Leiden eines einfachen Mannes dem Leser vor Augen führt, das ist hohe Schule der Schriftstellerkunst. Die Frage nach der Schuld soll beim Leser kein Mitleid erwecken, sondern Verständnis. Ermittlungen bleiben außen vor. Mehr als das, was in der Zeitung steht - also das, was auch Charlo mitbekommt - erfährt der Leser nicht. Doch ihm ist klar, an welchen Punkten die Polizei ansetzt und daß die Spur unweigerlich zu Charlo führen wird. Auch ihm ist dies klar, doch will er es nicht wahr haben. Und je weiter die Zeit voran schreitet, um so glaubt er, doch noch einmal davon kommen zu können.

Mit "Der Mord an Harriet Krohn" ist der norwegischen Autorin wieder ein Meisterwerk psychologischer Erzählkunst gelungen.

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